Friedel Burger steht schon seit 21 Jahren am Mikrofon der Ortsrufanlage Neupotz.
Friedel Burger steht schon seit 21 Jahren am Mikrofon der Ortsrufanlage Neupotz. | Foto: privat

Ortsrufanlage in Neupotz

Was aus Dorfsprechanlagen und Sirenen geworden ist

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Mitte der 1950er Jahre waren sie weit verbreitet, nun existieren bundesweit nur noch wenige Dorfsprechanlagen in Deutschland. In der Region überlebte beispielsweise eine Ortsrufanlage in Neupotz in der Pfalz.

Die 78-jährige Rentnerin Elfriede („Friedel“) Burger betreut seit mittlerweile 21 Jahren die Anlage in Neupotz, die es seit den 1960er Jahren gibt. Jeden Tag zwischen 11 und 12 Uhr liest Burger Meldungen aus dem Café am Gemeindehaus vor.

Etwa an jedem dritten oder vierten Haus ist ein Lautsprecher befestigt, damit auch alle im Ort zuhören können. So mancher entflohene Vogel, verlorene Autoschlüssel oder Geldbeutel fand so wieder den Weg zu seinem Besitzer.

Glückwünsche zu Geburtstagen und Goldenen Hochzeiten

Als früher noch keine Amtsblätter existierten, lasen die Betreiber auch Bekanntmachungen über die Anlage vor. „Heute sind es eher Geburtstage, Jubiläen und besondere Vereinsinfos“, sagt Burger, die die Tätigkeit von dem damaligen zweiten Bürgermeister übernommen hatte. „Viele haben seine Stimme nicht über die Lautsprecher verstanden. Da ich seit zwanzig Jahren im Gemeinderat war, hat er mich einfach gefragt“, erzählt die Mutter von drei Kindern.

Glückwünsche zu Jubiläen und Goldenen Hochzeiten zählen zu den Meldungen, die Friedel Burger vorliest.
Glückwünsche zu Jubiläen und Goldenen Hochzeiten zählen zu den Meldungen, die Friedel Burger vorliest. | Foto: privat

Mit den Datenschutzbestimmungen sei manches anders geworden. Früher habe sie ab dem 75. Geburtstag jedes Jahr Wünsche vorlesen dürfen. Dies ginge heute nur noch alle fünf Jahre und ab 100 Jahren dann wieder jährlich. „Mit den Änderungen und den fehlenden Durchsagen, vergaßen manche Bürger dann schon mal Geburtstage ihrer Nachbarn und Verwandten“, erzählt die Neupotzerin, die im Ort alle kennen. Zum einen wegen der Ortsrufanlage, zum anderen wegen ihres Engagements im Faschingsausschuss. Auch bei Facebook und Whatsapp ist sie aktiv.

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Liedwünsche und Grüße während Corona

Während des Corona-Shutdowns hielten die Pfarrer des Orts über die Anlage Predigten und Andachten zu Ostern, sagt die Rentnerin, deren Familie früher in der Landwirtschaft tätig war. „Als der Kindergarten wegen Corona geschlossen war, durften sich zum Beispiel Kinder der Bären- oder Schmetterlingsgruppe Lieder über die Ortsrufanlage wünschen und ihre Freunde grüßen“, so die Pfälzerin.

Kontakt mit anderen Betreibern von Ortsrufanlagen habe Burger nicht. Sie habe nur gehört, dass eine Initiative die Anlage in Neuburg am Rhein wieder aktivieren möchte und die Einstellung der Anlage in Kuhardt noch nicht allzu lange her sein müsste.

Weil Burger im Februar einen Oberschenkelhalsbruch hatte, vertrat Erich Hoffmann sie zeitweise. Dieser spielte während der Corona-Zeit immer samstags Lieder des Neupotzer Liederbuchs. „Lieder gegen die Einsamkeit“, wie er sagt. Da Hoffmann seit 25 Jahren mit dem Hoffmann-Hammer-Trio als Moderator und Mundart-Dichter auf der Bühne steht, fiel dem Rentner die Vertretung am Mikrofon nicht schwer.

 

Die Geschichte der Ortsrufanlagen

Bewohner der Orte erhielten früher Informationen über das Dorfgeschehen, Gemeinderatssitzungen, Geburten, Hochzeiten und Todesfälle oder auch Fundsachen über diese Ortsrufanlagen. Mit der Verbreitung von Medien wurden sie in vielen Gemeinden eingestellt. Heute übernehmen Warn-Apps wie Nina die Aufgaben der Sprechanlagen.

In Neunkirchen im Westerwald, einem Ort mit 600 Einwohnern, reaktivierte die Pfarrerin Anja Jacobi zu Ostern die Sprechanlage für Andachten im Rahmen der Corona-Krise. Zuvor wurde die noch funktionsfähige Anlage für gelegentliche Durchsagen genutzt.

Die Andachten haben etwa eine Länge von 15 Minuten und werden von der 60 Jahre alten Anlage übertragen. Über das Dorf verteilt gibt es 30 Lautsprecher.

Auch in Zeilitzheim in Unterfranken erlebte die Dorfsprechanlage im Mai nach drei Jahren Pause eine Renaissance. In Reichenbach im Neckar-Odenwald-Kreis steht beispielsweise eine weitere intakte Ortsrufanlage.

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Einige Sirenen sind noch in Gebrauch

Wie der Gemeindetag Baden-Württemberg informiert, wurden den Kommunen bundesweit nach Ende des Kalten Krieges die Übernahme der vorhandenen Sirenen angeboten. Davon machten damals viele Gemeinden Gebrauch. Noch in den 1960er und 1970er Jahren alarmierte man mit den Sirenen die Feuerwehr, bis der „stille Alarm“ sie ablöste.

Deshalb gibt es in zahlreichen Gemeinden und Städten noch Sirenen. Nach Stromausfällen und Starkregen-Ereignissen baut etwa die Gemeinde Dossenheim im Rhein-Neckar-Kreis in 2020 ein neues Netz aus Sirenen auf, um im Ernstfall die Bewohner zu warnen. Als Vorbild gelte hier die Stadt Karlsruhe, die bereits 2016 ihr Sirenennetz erneuerte. Ein Mal pro Jahr werden die Sirenen getestet.

Auf der Homepage der „Interessengemeinschaft Warndienst und Sirenen“ gibt es eine Karte, die die Standorte von Sirenen zeigt.

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