So sieht der Paternoster von außen aus.
So sieht der Paternoster von außen aus. | Foto: Rastätter

Beamtenbagger in Karlsruhe

Was wurde eigentlich aus dem einzigen Paternoster Karlsruhes?

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Zehn offene Kabinen, die ihre Runden drehen – aus denen besteht der letzte Paternoster in Karlsruhe. Der Fahrstuhl im Gebäude der ehemaligen Bundesbahndirektion in der Lammstraße 19 sollte eigentlich 1994 stillgelegt werden, wie alle damals noch laufenden dieser nostalgischen Lifte. Er ist aber weiterhin in Betrieb.

Heute befinden sich verschiedene Abteilungen der Deutschen Bahn wie die DB Services oder DB Kommunikationstechnik in dem Bau mit vier Stockwerken mitten in der Innenstadt.
„Der Fahrstuhl befördert zwischen 300 und 400 Personen pro Tag und läuft von 5.30 bis 21 Uhr“, sagt Objektmanager Rolf Kopf, der seit drei Jahren für den Paternoster zuständig ist.

Alltag für die DB-Beschäftigten

„Probleme gibt es keine. Für die Angestellten hier ist es ganz normal, den Paternoster zu nutzen“, so Kopf weiter. „Die Mitnahme größerer Gegenstände ist jedoch verboten.“ Maximal zwei Personen dürfen in eine Kabine. „Kinder und Gebrechliche Benützung verboten. Weiterfahrt durch Boden und Keller ist ungefährlich“, heißt es auf einem Schild, das sich im Inneren der Kabinen befindet. Diese drehen sich übrigens nicht auf den Kopf, wie der eine oder andere vermutet, sondern fahren immer in zwei Schächten auf- beziehungsweise abwärts.

Elektromotor als Antrieb

Angetrieben wird der Paternoster durch einen Elektromotor wie viele der in den 1950er und 1960er Jahren in ganz Europa verbreiteten Modelle. Insgesamt könne der Personenumlauffahrstuhl mit seinen zehn Kabinen insgesamt 1 500 Kilogramm transportieren. Ein Mal pro Monat müsse der 1951 fertiggestellte Fahrstuhl von einer Wartungsfirma überprüft werden, was zwischen einer und zwei Stunden dauere.

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Galerie: Impressionen des letzten Karlsruher „Beamtenbaggers“

Hohe Unfallgefahr

Warum gibt es nur noch so wenige Paternoster? Eine Verordnung legte im Jahr 1972 fest, dass Personenumlaufaufzüge nicht mehr gebaut werden dürfen. Als Grund galt die hohe Unfallgefahr, immer wieder wurden Benutzer eingeklemmt. Der Paternoster in Karlsruhe durfte nur weiter betrieben werden, weil es parallel einen normalen Aufzug in dem Gebäude gibt und er nicht öffentlich zugänglich ist.

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Der erste Paternoster ging 1876 in England in Betrieb – damals noch ohne Personenbetrieb, sondern nur für den Transport von Paketen. 1885 kam dann der erste dieser Aufzüge in Hamburg auf, wo es viele Paternosterfahrstühle gab. In Karlsruhe existierten nur wenige dieser Modelle. Im Rathaus-West, in dem früher die Karlsruher Lebensversicherung war, oder im ZKM, wo zuvor die Patronenhülsenfabrik ihren Sitz hatte, gab es Paternoster.

„Beamtenbagger“

Einen Beinamen hat der alte Fahrstuhl auch: Weil die meisten dieser Aufzüge in Verwaltungen zu finden waren, erhielten sie den Spitznamen „Beamtenbagger“. Eine weitere Bezeichnung lautete „Proletenbagger“. „Bonzenheber“ hießen hingegen die sicheren Aufzüge, die oftmals nur besonderen Personen zur Verfügung standen. Der Name Paternoster selbst hat einen religiösen Hintergrund. Er geht auf das Prinzip des katholischen Rosenkranzgebets zurück und bedeutet übersetzt „Vater Unser“ – wie das Gebet und die größere Perle des Rosenkranzes.

Video: Der Paternoster in Bewegung

Um die alten Personenumlauffahrzuge ist in den vergangenen Jahren ein regelrechter Kult entstanden: Die Stuttgarter feierten 2015 die erneute Inbetriebnahme ihres Paternosters im Rathaus mit einer Party. In anderen Städten wie Duisburg wird der beliebte Nostalgie-Fahrstuhl oft für Hochzeitsaufnahmen als Motiv verwendet.

Wahre Technik-Denkmäler

Der „Verein zur Rettung der letzten Personenumlauffahrzüge“ setzt sich außerdem für den Erhalt der Paternoster ein. Die noch existierenden Aufzüge sind regelrechte Technik-Denkmäler.

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