In Baden-Württemberg neu entdeckter Grundwasser-Bewohner: „Parabathynella badenwuerttembergensis“ heißt der Brunnenkrebs. | Foto: © IGOE

300 Messstellen im Land

Was sich im Grundwasser so tummelt

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Faszinierende Ökosysteme sind nicht zwangsläufig jedem bekannt. Manche sind sogar den Fachleuten noch ein weitgehendes Rätsel. Was tummelt sich etwa im „sauberen“ Grundwasser? „Die Grundwasser-Fauna ist fast so unbekannt wie die der Tiefsee“, sagt Hans Jürgen Hahn. Er ist habilitierter Biologe am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau und leitet dort das Instituts für Grundwasserökologie. Hahn untersucht im Auftrag der in Karlsruhe ansässigen Landesanstalt für Umwelt (LUBW) die Grundwasser-Lebewesen in Baden-Württemberg.

Von Patricia Klatt

Einer der ältesten Lebensräume in Europa

Das Grundwasser bildet einen der größten kontinentalen und ältesten Lebensräume in Europa. Man schätzt, dass darin weltweit an die 50.000 bis 100.000 Grundwasser- und Höhlenarten leben. Grundwasser fließt in verschiedenen Tiefen durch unterschiedliche Bodenschichten. Es steht in ständigem Austausch mit dem Oberflächenwasser.

LUBW hat landesweites Netz von Messstellen eingerichtet

Der Oberrhein-Grundwasserleiter gehört mit ungefähr 45 Milliarden Kubikmetern Wasser zu einem der bedeutendsten in Mitteleuropa. Seine Lage entspricht in etwa der des Oberrheingrabens. Bereits im Jahr 2002 hat die LUBW ein landesweites Netz aus über 300 Messstellen eingerichtet, um einen Gesamtüberblick über die Grundwasser-Fauna im Land zu erhalten. 43 davon sind Dauerbeobachtungsstellen. Damit will man längerfristige Entwicklungen und Veränderungen erkennen.

Kräfte der Selbstreinigung

„Grundwasser-Organismen reinigen das Oberflächenwasser“, erklärt Hans Jürgen Hahn. „Sie zerkleinern und mineralisieren die eingetragenen organischen Stoffe und tragen so zur Selbstreinigungskraft des Grundwassers bei, aus dem wir zu über 70 Prozent unser Trinkwasser gewinnen“, so der Wissenschaftler. „Die Tiere sind mit dafür verantwortlich, dass der Porenraum im Grundwasserleiter offen bleibt, in dem sie eingeschwemmtes organisches Material und Bakterien, die auf dem Material sitzen, fressen.“

Absolute Dunkelheit im Grundwasser

Der Lebensraum ist einzigartig, berichtet der Fachmann. Im Grundwasser herrsche absolute Dunkelheit und ab einer bestimmten Tiefe seien die Temperaturen konstant niedrig. Die Organismen, die dort leben, haben sich im Laufe der Zeit optimal an diese Bedingungen angepasst. Die wichtigste Tiergruppe sind Krebstiere. Einige Arten existieren schon seit ungefähr 300 Millionen Jahren und kommen weltweit fast ausschließlich im Grundwasser vor.

Neue Krebsart in Baden-Württemberg entdeckt

Bei ihren Untersuchungen entdeckten die Wissenschaftler der Universität Koblenz-Landau eine neue Brunnenkrebsart. Dieses sehr alte, urtümlich und skurril anmutende Tier trägt nun den Namen „Parabathynella badenwuerttembergensis“.

„Baden-Württemberg ist führend bei den Untersuchungen der Grundwasser-Fauna“, sagt Hahn. Er betont, dass das Vorhandensein bestimmter „Indikator-Tiere“ neben den chemischen und physikalischen Messwerten auch zusätzliche Aussagen über den Zustand des Grundwassers ermöglichen.

Höhere Wassertemperaturen bei Karlsruhe

Aktuelle Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe an Messstellen in Karlsruhe, Freiburg und Neuenburg liefern demnach belastbare Hinweise darauf, dass dieses Ökosystem durch höhere Wassertemperaturen geschädigt werde. Deshalb sei ein thermisches Management unbedingt notwendig.

„Weitere Erwärmung verhindern“

„In bestimmten Regionen muss man eine weitere Erwärmung verhindern. Es müssten Temperatur-Schwellenwerte für Grundwasser eingeführt werden und mancherorts die thermische Nutzung zum Schutz der Grundwasserlebensgemeinschaften auch eingeschränkt oder gar verboten werden“, meint Hahn.

„Die Lebensgemeinschaften im Grundwasser sollten auch rechtlich neu bewertet werden“, sagt Hahn: „Wie für Oberflächengewässer sollte die Wasserrahmenrichtlinie auch fürs Grundwasser den ,Guten ökologischen Zustand‘ als das zentrale Bewirtschaftungsziel vorschreiben.“

Das Grundwasser ist eine Art erdgeschichtliches Museum. Es ist bevölkert von zahlreichen Lebensformen, deren Vorfahren in früheren Epochen von der Erdoberfläche ins Grundwasser einwandern mussten, weil das Klima sich änderte. Die Grundwassertiere bilden gemeinsam mit Bakterien und Einzellern im Grundwasser ein Ökosystem, das wichtige Aufgaben im Untergrund wahrnimmt und auch wegen seiner großen Artenvielfalt ein schützenswerter Lebensraum ist, heißt es bei der in Karlsruhe ansässigen Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW).