Nathalie Burckardt, Diethard Ochs und Kirsten Lechner sind beim bwlv in der Suchtprävention und -beratung tätig.
Nathalie Burckardt, Diethard Ochs und Kirsten Lechner sind beim bwlv in der Suchtprävention und -beratung tätig. | Foto: Weller

Beratung bei Fachstelle Sucht

Was tun, wenn der Partner oder Kollege alkoholabhängig wird? Karlsruher Experten geben Tipps

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Diethard Ochs, Nathalie Burckardt und Kirsten Lechner arbeiten beim Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv). Sie leisten Suchtprävention in Schulen und Betrieben und beraten Betroffene und Angehörige. Außerdem bieten sie in der Fachstelle Sucht in Karlsruhe verschiedene Formen der Therapien an, zum Beispiel eine ambulante Reha in den Räumen in der Karlstraße.

Im Gespräch mit BNN-Redakteurin Julia Weller erzählen sie von ihrer Arbeit und geben Tipps für Kollegen oder Partnern von Menschen, die in eine Alkoholsucht abzurutschen drohen.

Wie hat sich Ihre Arbeit in Karlsruhe in den vergangenen Jahren entwickelt?

Diethard Ochs: Seit sechs Jahren haben wir zweimal in der Woche eine offene Sprechstunde. Es dominiert weiterhin die Beratung von Leuten mit Alkohol- und Drogenproblemen. Aber es verschiebt sich etwas in Richtung der stoffungebundenen Süchte: Wir beraten auch zur Glücksspielsucht, zum pathologischen Internetgebrauch, zu Kauf- oder Sexsucht. Besonders Glückspiel und Internet haben in den vergangenen fünf Jahren zugenommen.

Gravierende Fälle betrunkener Jugendlicher im Landkreis Karlsruhe

Trinken Jugendliche in der Region heute mehr oder weniger als früher?

Kirsten Lechner: Ich mache im elften Jahr Jugendschutzeinsätze im Landkreis Karlsruhe. Am Anfang waren die Jugendlichen oft mit 13 oder 14 schon volltrunken. Jetzt haben wir nur noch ganz wenige so junge, dafür haben wir häufig 16- oder 17-Jährige mit erheblichen Promillewerten. Beim Oktoberfest in Stutensee-Blankenloch hatten wir einen jungen Mann mit 2,2 Promille. Und der war noch relativ klar, also nicht bewusstlos unterm Tisch gelegen. Der ist aufrecht gegangen, hat im Laufe des Gesprächs sehr viel Aggressivität an den Tag gelegt. Er hat nicht eingesehen, dass das Jugendschutzteam ihn mitnimmt, um seine Eltern zu kontaktieren. Er meinte, er ist doch noch ganz normal. Das deutet klar darauf hin, dass er das wohl nicht zum ersten Mal gemacht hat.

In den Räumen in der Karlstraße gibt es nicht nur Beratung, sondern auch ambulante Reha-Angebote.
In den Räumen in der Karlstraße gibt es nicht nur Beratung, sondern auch ambulante Reha-Angebote. | Foto: Weller

Welche Klientel erreichen Sie? In welcher Lebenssituation kommen üblicherweise Menschen mit Alkoholproblemen auf Sie zu?

Ochs: Das ist unterschiedlich. Zum Teil sind es Betroffene, die den Eindruck haben, sie müssten etwas an ihrem Trinkverhalten ändern. Zum Teil sind es Menschen, die geschickt werden von Ärzten, Krankenhäusern oder Arbeitgebern. Manche haben negative Konsequenzen erfahren, zum Beispiel eine Abmahnung oder einen Führerscheinverlust. Es kommen auch Leute, die arbeits- oder wohnungslos sind, aber es ist wirklich eine ganz bunte Mischung. Wir haben durchaus eine große Anzahl an berufstätigen Klienten. Und: Alkohol ist immer noch eine Männerdomäne. Die Betroffenen sind zu etwa zwei Dritteln männlich, das hat sich auch in den letzten zwanzig Jahren kaum verändert.

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Was ist mit Russisch oder Rumänisch sprechenden Personen? In Karlsruhe gab es in der Vergangenheit Probleme mit dem Alkoholkonsum solcher Gruppen.

Ochs: Wir erreichen diese Leute vereinzelt auch, sie kommen bei äußerem Druck hierher. Wir haben in manchen Fällen die Möglichkeit, einen Dolmetscher einzusetzen. Dennoch muss man sehen, dass die Arbeit aufgrund der kulturellen Hintergründe schwierig ist. Wir haben aber auch die Möglichkeit, in Kliniken zu vermitteln, die fremdsprachliche Angebote machen.

Wie sehen Ihre Beratung und die Behandlung aus?

Ochs: Wir schauen, welchen Auftrag die Leute uns erteilen und welches Ziel dahintersteckt. Das ist nicht immer automatisch die Abstinenz: Wir sind bei den Behandlungszielen offen. Die Leute entscheiden mit, in welche Richtung sie beraten und behandelt werden wollen. Nicht jeder, der ein Alkoholproblem hat, will abstinent sein. Wir klären, welche Ziele realistisch sind und vermitteln dann in entsprechende Behandlungsmaßnahmen. Diese reichen von der Beratung über die ambulante, die ganztätig ambulante bis hin zur vollstätionären Rehabilitation.

Welche Kriterien auf eine Abhängigkeit hindeuten

Ab wann ist man alkoholkrank?

Ochs: Es gibt handfeste Kriterien für die Alkoholabhängigkeit. Da geht es nicht nur um die Menge oder Häufigkeit des Konsums, sondern überwiegend um die Folgen: Die Kriterien sind der starke Drang, Alkohol zu konsumieren; die stark erhöhte Verträglichkeit; der Kontrollverlust über Menge und Zeitpunkt; körperliche Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwitzen und Reizbarkeit; der Verlust von Interessen und der Wahrnehmung von Verpflichtungen; und das Trinken trotz des Wissens um die negativen Folgen. Von diesen sechs Kriterien müssen drei erfüllt sein, egal welche. Die meisten Menschen denken ja, abhängig ist nur, wer körperliche Entzugserscheinungen hat. Aber das ist nur eines der Kriterien, das nicht erfüllt sein muss.

Regenbogenfarben laden in den Flur der Fachstelle Sucht in Karlsruhe ein.
Regenbogenfarben laden in den Flur der Fachstelle Sucht in Karlsruhe ein. | Foto: Weller

Wie gehe ich damit um, wenn mein Partner oder Kollege sich verändert und ich eine Abhängigkeit vermute?

Ochs: Wir beraten auch Angehörige, sie nutzen besonders häufig unsere Telefonsprechstunde. Wenn Angehörige hierherkommen, dann ist es fast immer so, dass der Alkohol in der Partnerschaft schon ein Konfliktthema ist. Wir empfehlen den Leuten, ihren Partnern zu sagen, dass sie hier waren, damit deutlich wird, wie ernst es ihnen ist. Wenn sie externe Hilfe aufsuchen, ist das ein Zeichen, dass sie stark belastet sind: Entweder ändert sich etwas im Trinkverhalten, oder es besteht die Gefahr, dass man sich trennt. Wir haben innerhalb unseres ehrenamtlichen Angebots auch eine Angehörigen-Gruppe, die den Betroffenen helfen kann.

Nathalie Burckardt: Wenn man am Kollegen eine Veränderung bemerkt, ist der direkte Kontakt wichtig. Die Führungskräfte haben dann eine Verantwortung für ihre Mitarbeiter und müssen Fürsorgegespräche führen. In unseren Schulungen bringen wir den Chefs bei, wie sie Veränderungen erkennen und richtig reagieren.

Sind wir in Deutschland weit genug mit der Prävention?

Burckardt: Der Konsum von Alkohol ist unserer Kultur fest verankert und wird daher häufig nicht kritisch hinterfragt. Wir nehmen beim Pro-Kopf-Konsum im internationalen Vergleich eine Spitzenposition ein. Vor allem zum Schutz von Kindern und Jugendlichen würde ich mir wünschen, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert werden. Zum Beispiel könnte die Altersgrenze für Konsum und Erweb auf 18 Jahre erhöhte werden. Die Werbung für alkoholische Getränke sollte beschränkt werden. Da Alkohol im Vergleich zu anderen Ländern hierzulande sehr günstig ist, könnte über eine Erhöhung der Alkoholsteuer nachgedacht werden. Viele Maßnahmen wurden bei Tabak sehr erfolgreich durchgeführt, das wäre auch in Bezug auf Alkohol wünschenswert.