Werner Gerhardt
STADTMALEREI: Werner Gerhardt belebt beispielsweise den Marktplatz mit von seiner Fantasie leicht geführtem Pinselstrich. Mit Wasserfarben verzaubert er das Pflaster um die Pyramide in eine wahre Wasser-Kunst-Stadtlandschaft. | Foto: jodo

Karlsruher malt seine Stadt

Wasser für den Marktplatz

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Der freiberufliche Stadtplaner Werner Gerhardt gestaltet Karlsruhe in malerischer Freiheit. Besonders der Stadtumbau per Kombilösung regt seine Phantasie an. Dabei nimmt er sich die Gestaltung des U-Strab-Tunnels durch Markus Lüpertz und die Marktplatzlandschaft um die Pyramide kritisch vor.

„Nach 34 Jahren habe ich mich aus dem Beruf weitgehend zurückgezogen“, erklärt Werner Gerhardt seine gewonnene Freiheit für die Malerei. Nun kann der Durlacher im Hinterhofatelier an der Pfinztalstraße seiner künstlerischen Ader ungestört nachgehen. Bald 50 Jahre sind vergangen, nachdem ein geschenkter Ölfarbenkasten diese Leidenschaft in ihm weckte. Was er anfasst, will er ganz machen. Folglich geht er die Malerei mit gewohnter Disziplin an.

Vom Stadtplaner zum Stadtmaler

Der 63-jährige Gerhardt strotzt vor Kreativität. Über Jahrzehnte hat er sie auch als Architekt und Stadtplaner sowie als Musiker ausgelebt, jetzt drückt er sich eben vorwiegend in Öl- oder Wasserfarben aus. Gerhardt hat in der Karlsruher Weststadt, in der Weinbrennerstraße, ein Stadtplanungsbüro geleitet, sich im Team federführend als Gestalter von vielen Bebauungen im Südwesten verwirklicht.

Schaufeln
Schaufelei: Frisch von der Staffelei kommt dieses Bild vom Autotunnelbau. | Foto: jodo

Die aktuell in Karlsruhe heiß diskutierten Nachverdichtungsprojekte „Sophien-Carree“ und „Fasanengarten“, die er als ökologisch angemessene Antworten auf die Urbanisierung Karlsruhes verteidigt, gehören dazu. „Stark beansprucht hat mich daneben die Musik“, erzählt das Multitalent. Gerhardt ist der ewige Gitarrist der legendären Coverband „Route 66“, die in Pforzheim und im Enzkreis einen Kultstatus wie die Band „Moonlights“ in und um Karlsruhe besitzt.

In Todtmoos, auf der Höhe des früher einsamen Südschwarzwaldes, ist der kleine Werner aufgewachsen. Danach hat er eine Landjugend im Enzkreis verbracht. Nach dem Architektur-Studium hat Gerhardt sich als Stadtplaner in vielen Bauwettbewerben auch als Juror einen Namen gemacht. „Ich bilde mir ein, dass ich etwas aus der Perspektive des Stadtplaners zu sagen habe“, bekennt er. Gerhardt möchte als Maler nicht nur sich selbst ausdrücken, indem er seinen Eindrücken Farbe und Form verleiht. Er will als Künstler in der Planstadt weiterwirken. Begeistert spricht er vom „strukturierten Raum“, von Weinbrenners Stadtkanten. Gerhardt will die Themen in der so „hellen und wohlproportionierten“ Fächerstadt weiterspinnend ausmalen.

Kritischer Pinselstrich

Der Maler Gerhardt ist eben ein politischer Stadtkopf. Wie kann der Marktplatz aussehen? Auch den malenden Stadtplaner treibt diese Frage um. Eigentlich reichen ihm die nachträglich eingebauten 31 „Sprudler“ bei der Pyramide nicht zur Abkühlung. Er hält auch angesichts der Klimaproblematik mehr Wasser und auch mehr Grün in der Stadtmitte der heißen Zukunft für geboten. Mit Humor geht ihm da der kritische Pinselstrich leicht von der Hand: Und schon waten nackte Frauen in einer knöcheltiefen Pfütze um die Pyramide in Pink, während sich dahinter Weinbrenners klassizistische Kulisse in zartem Gelb aufbaut.

Lüpertz im Tunnel gemalt
Der Maler Markus Lüpertz (rechts mit Stock) samt Gefolge: Der Karlsruher Maler Werner Gerhardt holt den sendungsbewussten Kunststrategen aus dem U-Strab-Tunnel in wolkige Umgebung und zeigt ihn als einen Visionär in Bau-Uniform. | Foto: jodo

Fragen zur Kombi-Kunst

„Sehr gespannt“ ist Gerhardt darauf, wenn die Karlsruher Kombi nach einem Jahrzehnt Baustelle zur Tunnelerfahrung für die Menschen wird. Auch als Künstler beschäftigt ihn die Frage, wie die Kunst in der U-Strab ankommt. Wie es wohl dem Kunststar Markus Lüpertz gelingen wird, mit seiner Genesis-Version in der betonierten Unterwelt auf 14 Majolika-Tafelbildern die rastlosen Menschen auf den U-Strab-Bahnsteigen abzuholen? Die Pose des Malerfürsten Lüpertz, wie er sich bei einer Tunnelvisite gestützt auf seinen Stock mit Silberkauf aufbaut, malt Gerhardt mit beißender Ironie: Er holt das Quartett mit Lüpertz als wegweisendem Rechtsaußen aus dem Tunnel, als stünde der Großmeister vor wolkigem Hintergrund „abgehoben“ auf einem Feldherrnhügel.

Lüpertz und drei Männer
Der echte Markus Lüpertz am Kunst-Bahnsteig. | Foto: Fabry

Da wirken die Schutzhelme wie Stahlhelme, und die Bauwarnwesten verstärken wie Uniformjacken sonst schwarzer Männer den Eindruck, den Maler Gerhardt in altertümlicher Schrift gar mit der Text-Botschaft „Die Fürsten der Unterwelt“ ausschreibt.

 

Karlsruher Mythen

gemalter Greif
Als Ausdruck gefesselter Dynamik malt Gerhardt den Greifen. | Foto: jodo

Nicht so eindeutig lassen sich zwei andere Werke interpretieren, die mit zwei zentralen Karlsruher Mythen spielen. Gerhardt setzt diese Steinzeugen der badischen Geschichte, den Greif und die Pyramide, in einen veränderten Zusammenhang. Er stellt sie mit schrillen Ölkreidetönen in eine sphärische Welt, die zwischen übermenschlicher Fiktion und Katastrophenkitsch changiert: Da droht der mit roten Bändern gehaltene Greif die Fesseln zu sprengen. Badens Löwenadler krallt sich noch auf dem Obelisk fest, den er in Wirklichkeit vor zehn Jahren auf dem Europaplatz wegen des U-Strab-Baus räumen musste.

Hinter ihm gleißt schon ein Silberfeuerstrahl wie aus einer Anschubrakete in einem Science-Fiction-Krimi. Die Pyramide auf einem andern Gerhardt-Bild droht zwar nicht wegzuschwimmen. Aber sie ragt aus einer mit grünem Wasser gefluteten Marktplatz in die schwarze Nacht.

 

Breite Stil-Palette

Die breite Palette seiner malerischen Versuche erkennt Gerhardt. „Ich bin stilistisch noch nicht festgelegt“, sagt er. Mit skizzierten Momentaufnahmen will er „die Lebendigkeit vertrauter Dinge einfangen“. Andererseits möchte er mit durchdachter Konzeptkunst „Dinge in andere Zusammenhänge stellen, auch verfremden“. Auf jeden Fall will Werner Gerhardt dem Betrachter Denkanstöße geben. „Ich möchte mit den Bildern kommunizieren“, bekennt der Maler.

Pyramide
Geflutet ist der Marktplatz, aber die Pyramide bleibt überragend. | Foto: jodo