Peter Weibel
ZKM-Chef Peter Weibel ist der geistige Vater der Schlosslichtspiele | Foto: dpa

Ideen für Schlosslichtspiele

Peter Weibel und sein Glücksgefühl

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Geistiger Vater der Schlosslichtspiele und künstlerisch für sie verantwortlich ist ZKM-Chef Peter Weibel. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Tina Kampf verrät er, welche Show ihm persönlich am besten gefällt und warum er in diesem Jahr auf den Schwerpunkt Architektur setzt.

Was ist Ihre Lieblingsszene der aktuellen Produktionen?

Weibel: In „Structures of Life“ von Maxin10sity gibt es eine Szene, in der die virtuelle Kamera die Schlossfassade entlang nach unten gleitet und in das Innere der Erde vorstößt. Wir sehen Höhlen, Stalagmiten und Stalaktiten, Magma- und Lavaflüsse, wir sehen das Erdinnere. Die Idee, auf das Schloss die Erdschichten zu projizieren, auf denen sich das Schloss selbst befindet, fand ich visuell und konzeptuell sehr raffiniert, sehr reizvoll, eindrucksvoll und überwältigend.

Welcher Beitrag ist aus Ihrer Sicht der beste der Lichtspiele überhaupt, also seit 2015 bis heute, und warum?

Weibel: „300 Fragments“ von Maxin10sity, weil es bei der Eröffnung des Stadtgeburtstages eine komplette Überraschung war, was Projection Mapping, also digitales Kino, leisten kann. Es war das erste Mal, dass wir die gigantische Schlossleinwand mit den fantasievollsten Formen und Farben bespielt sahen. Mein Briefing war auch – in Auszügen – die Geschichte Karlsruhes darzustellen. Diese Mischung aus Zukunft und Geschichte, aus digitaler und analoger Architektur, aus Innovation und Tradition war ein komplettes Novum und hatte daher den Zauber des Anfangs, eben der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Sie haben in diesem Jahr international renommierte Architekten für die Schlosslichtspiele verpflichtet, von denen einige wenig oder gar keine Erfahrung mit Projection Mapping hatten. Warum sind Sie dieses Wagnis eingegangen?

Weibel: Die ausgewählten internationalen Architekten haben ihr Renommee dadurch gewonnen, dass ihre architektonischen Gestaltungen nur durch den Einsatz von digitaler Technologie herstellbar sind. Dadurch erzeugen sie biomorphe Formen jenseits des Würfels, eine dynamische Architektur, die an den Grundfesten des Bauens rüttelt, an der Statik und der Schwerkraft. Diese Architekten interessieren sich für Dynamik und Bewegung. Daher dachte ich, sie könnten ihren architektonischen Ansatz auch in bewegte Bilder umsetzen.

Ein Novum also.

Weibel: Es war für die Architekten Neuland, ebenso wie es Neuland für die Schlosslichtspiele war, nicht mit Künstlern, sondern mit Architekten zu arbeiten. Wir sind einen Schritt weiter gegangen in der Entwicklung der Schlosslichtspiele. Das war auch ein Schritt ins Ungewisse. Aber nur so entsteht Innovation. Die Arbeit zum Beispiel von Greg Lynn „Rolling Eye“ zeigt eine bewegte Maschine von Google als rollendes Auge, das wiederum bewegte Bilder erzeugt, montiert als 360-Grad-Ansicht. Wir haben daher auf der Fassade ein neues Seherlebnis. Wenn Bilder, vom Tafelbild der Malerei bis zum Bildschirm des Fernsehens, seit der Renaissance als Fenster definiert werden, erleben wir hier keinen kleinen Ausschnitt des Horizonts, sondern den ganzen Horizont. Das „Rolling Eye“ offeriert eine Tür, in die wir eintreten und uns umblicken können.

Sie präsentieren in diesem Jahr zum 200. Geburtstag des Fahrrades selbst einen Beitrag mit dem Titel „Velografie für Drais“. Was für ein Gefühl war es, diesen dann auf der Fassade zu sehen?

Weibel: Die Velografie war das Ergebnis eines Wunsches von Martin Wacker, unserem geschätzten Partner, der etwas zu den Drais-Tagen machen wollte. Um Geld zu sparen, habe ich es selber gemacht. Die Idee, dass Farbkleckse zu Noten und Noten zu Rädern werden und diese dann zu surrenden Fahrrädern, die auf den Notenlinien fahren, schien mir hübsch genug zu sein. Diese Idee wirklich auf der Fassade zu sehen und die Akzeptanz des Publikums zu erleben, war in der Tat ein Glücksgefühl. Ich war selbst überrascht, wie gut die Idee, nämlich die Schrift der Musik in die Schrift der Bewegung – Velografie – zu verwandeln, funktionierte.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie bei den Lichtspielen nicht aufs Schloss schauen, sondern auf das Publikum?

Weibel: Ich schaue in der Tat fast gleich oft in das über die Gartenanlage verstreute Publikum wie auf die Fassade des Schlosses und frage mich, was ist das größere Wunder: Die Schönheit der Schlosslichtspiele oder die Schönheit der Präsenz des Publikums? Dass hochartifizielle und hochtechnologische Kunst eine derartige Anschlussfähigkeit für das große Publikum beweist, erweckt Erinnerungen an utopische Träume, nämlich an Massenkunst, welche die Masse nicht verachtet – wie heute üblich –, sondern erhebt.

Zum Stadtgeburtstag 2015 war es Ihre Idee, die Schlossfassade zur Riesenleinwand zu machen. Hatten Sie sich damals vorgestellt, dass das so eine Erfolgsgeschichte wird?

Weibel: Die enorme Publikumsakzeptanz der Schlosslichtspiele zeigt, dass Kunst ein Medium der Gemeinschaft sein kann, nicht nur ein Fußballspiel. Während es bei Fußball um Wettkampf geht und es daher dann immer wieder zu Gewaltszenen kommt, schaffen die Schlosslichtspiele das Gefühl einer friedlichen Vergemeinschaftung, ob jung oder alt, ob Inländer oder Ausländer – alle fühlen sich vereinigt im Glück und im Stolz, hier in Karlsruhe etwas Außergewöhnliches zu erleben. Die Schlosslichtspiele sind zu der Signatur von Karlsruhe geworden. Das hätte ich nicht so erwartet.

Schlosslichtspiele
Das Interview mit Peter Weibel ist erschienen in der Superpanorama-Beilage zu den Schlosslichtspielen, die hier präsentiert wird vom stellvertretenden BNN-Anzeigenchef Udo Kamilli (links), ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel und dem Leiter der BNN-Stadtredaktion, Theo Westermann. | Foto: Hora

Welche Zukunft sagen Sie der Kunstform Projection Mapping voraus?

Weibel: Die Schlosslichtspiele werden häufig von Scouts für Städtemarketing besucht und die Künstler, die sie hier entdecken, für andere Events und Städte gebucht. Insofern entstehen ein globaler Run und ein globaler Wettbewerb, von Amerika bis China, um die Stadt mit dem besten Projection Mapping. Obwohl wir nur einen Bruchteil dessen bieten können, was beispielsweise Peking Maxin10sity anbietet, liegt Karlsruhe mit seinem Projection Mapping noch an vorderster Stelle.

Viele Zuschauer wünschen sich eine Fortsetzung der Schlosslichtspiele über das Jahr 2017 hinaus. Hätten Sie denn Lust, das Format weiterzuentwickeln – und haben Sie schon Ideen?

Weibel: Ja, ich habe noch Lust und schon Ideen! In Richtung Sport und Akrobatik mit spektakulären Stunts. Ich bin überaus glücklich, dass mich das Publikum mit enorm hoher Frequenz immer wieder anspricht, um mir zu sagen, wie sehr sie eine Fortsetzung der Schlosslichtspiele wünschen. Vielen Dank an die Bürgerinnen und Bürger.

Maxin10sity ist Jahr für Jahr der Publikumsliebling. Wenn es weitergeht mit den Schlosslichtspielen – gibt es eine Chance auf ein Wiedersehen mit dieser ungarischen Gruppe?

Weibel: Obwohl wir noch nicht wissen, ob es mit den Schlosslichtspielen weitergeht, sind wir schon im Gespräch mit Maxin10sity. Denn wenn wir diese erst im Frühjahr anfragen würden, wäre es schon zu spät. Denn diese Gruppe ist durch den Erfolg der Karlsruher Schlosslichtspiele mittlerweile weltweit gefragt.