Wortgewaltiger Streiter: ZKM-Chef Peter Weibel | Foto: Fabry

ZKM-Chef sieht Defizite

Weibel kontra Lüpertz-Projekt

Heute stimmt der Gemeinderat über das Angebot des renommierten Künstlers Markus Lüpertz ab, Kunst für die U-Strab-Stationen zu gestalten. Da sorgt kurz vor der Abstimmung ZKM-Chef Peter Weibel mit einem höchst zugespitzten Rundumschlag für Wirbel. Im Visier des Zorns des ZKM-Chefs ist eine Gemengelage von Themen, bei denen er die in Karlsruhe hoch gehaltene Rechtstaatlichkeit in Gefahr sieht. „Doch seit einigen Wochen begegnen mir viele Menschen, die beunruhigende Fragen bezüglich des Umgangs mit dem Recht und den demokratischen Spielregeln in der Stadt Karlsruhe formulieren,“ heißt es in einem Schreiben Weibels. Den Brief richtete Weibel an die BNN, auch an OB Frank Mentrup (SPD) und an die Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat.

„Defekte der Demokratie“

Im Mittelpunkt der Weibelschen Generalkritik steht die heute anstehende Entscheidung in Sachen Lüpertz. Demokratische Spielregeln sieht Weibel hier und auch woanders verletzt. Als ein weiteres Beispiel nennt er die Entscheidung der Stadt Karlsruhe für die Millioneninvestition des Internet-Milliardärs Ralph Dommermuth am Hauptbahnhof-Süd. Hier moniert der ZKM-Chef vor allem den fehlenden Wettbewerb. „Wenn das ZKM den Boden des Museums sanieren will, was für das Image der Stadt relativ unwichtig ist, wird eine Ausschreibung für die Reparaturarbeiten verlangt. Bei einem Grundstück, das für die Marke ,Karlsruhe‘ von immenser Bedeutung ist, wird hingegen auf eine Ausschreibung verzichtet. Das ist doch widersinnig,“ führt er aus. „Anzeichen für Defekte der Demokratie“ sieht er auch im Falle der geplanten künstlerischen Gestaltung der sieben U-Bahn-Stationen. Hier führt Weibel unter anderem aus: „Entgegen demokratischer Gepflogenheiten findet für die Gestaltung dieser Haltestellen, dem vielleicht zentralsten Ort der Stadt Karlsruhe, keine öffentliche Ausschreibung statt. Das Argument lautet wieder: Sofern Privatleute die Finanzierung übernähmen, hätten sie auch das Recht, den öffentlichen Raum zu gestalten (…) Werden also mit der Gestaltung der U-Bahn-Stationen demokratische Rechte zugunsten der Wohlhabenden preisgegeben?“ Bekanntlich soll das Projekt, das die Installation von Keramiktafeln an den sieben Haltestellen vorsieht, durch Spenden aus der Wirtschaft finanziert werden, so der Plan des Kunstpromotors und einstigen Majolika-Geschäftsführers Anton Goll. Auf den Keramiktafeln sollen die sieben Schöpfungstage thematisiert werden. Der OB hatte das Projekt als „hochinteressante Kunstinstallation für Karlsruhe“, bezeichnet, nannte auch Bedingungen wie die Vereinbarkeit mit der beschlossenen Lichtinstallation und die Zustimmung der Gremien. Doch es ist nicht nur das Verfahren, das den Unmut des ZKM-Chefs erregt. Er schießt sich auch auf die seiner Ansicht nach stattfindende Fokussierung auf Religiosität ein. „Wie kann es dazu kommen, dass jahrhundertealte konfessionelle Kunst nicht wie bisher üblich in Kirchen gezeigt wird, sondern dass religiöse Mythen in öffentlichen Räumen präsentiert werden, nur weil einige Wenige deren Darstellung finanzieren?“ Weibel zieht sogar einen Vergleich mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan, der aus „Museen wieder Moscheen“ mache. Wolle Karlsruhe diesen Weg gehen? Die nun vorgeschlagene Kunst von Lüpertz beziehe sich „auf ein Narrativ vor der Aufklärung und vor der Reformation,“ zürnt Weibel. Theo Westermann

Liveticker

Die BNN informieren mit einem Liveticker auf www.bnn.de ab 15.15 Uhr über den Gemeinderat (ab 15.30 Uhr), die Lüpertz-Debatte und die anderen wichtigen Entscheidungen.