Die neue Frauenbewegung nahm im Nachgang zu 1968 den Kampf gegen patriarchalische Strukturen auf. Blick in die Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ im Prinz-Max-Palais.
Nach 1968: Die neue Frauenbewegung nimmt den Kampf gegen patriarchalische Strukturen auf. Blick in die Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ im Prinz-Max-Palais. | Foto: abw

Zur Ausstellung im Stadtmuseum

Weibliches 1968? – Als das Private in Karlsruhe politisch wurde

Vor 50 Jahren gingen in Karlsruhe vor allem junge Männer auf die Straße. Doch 1968 politisierte auch Frauen. Manche Aktivistin rieb sich freilich zunächst einmal im Kampf für eine gerechtere Welt in der eigenen Einbauküche auf. Dann schwappte eine neue Welle der Frauenbewegung hoch. Die Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ erinnert an lokale Initiativen und Aktionen.

Manchmal entdeckt man auf alten Fotos von Karlsruher Studentenprotesten auch Frauen. Aber bei den meisten Aufnahmen aus dem Jahr 1968 muss man schon ziemlich genau hinschauen, um sie zu finden. Junge Männer beherrschen das Bild. Okay, das war in anderen Universitätsstädten ähnlich, schließlich gehörten 1968 bundesweit drei von vier Studierenden zum männlichen Geschlecht. In Karlsruhe mit seiner stark technisch-naturwissenschaftschaftlich geprägten Hochschullandschaft war der Frauenanteil allerdings besonders bescheiden.

Sitzstreik auf der Karlsruher Kaiserstraße am 15. Mai 1968: Junge Männer dominieren das Bild. Sie protestieren gegen die Notstandsgesetze.
1968: Junge Männer dominieren das Bild. In Karlsruhe demonstrierten am 15. Mai vor 50 Jahren politische Hochschulgruppen gegen die Notstandsgesetze. Hier sind Studenten bei einem Sitzstreik in der östlichen Kaiserstraße zu sehen. | Foto: Horst Schlesiger/ © Stadtarchiv Karlsruhe

Aktivistinnen gab es trotzdem. Dass sie oft unsichtbar blieben, lag nicht zuletzt daran, dass man(n) Frauen am liebsten mit den Zuarbeiten betraute. Flugblätter tippen, Kaffee kochen, nach den Sitzungen aufräumen. Die alten Rollenbilder waren in vielen Köpfen noch fest verankert. Und die politische Arbeit – große Reden schwingen, diskutieren, demonstrieren – erledigten die Männer lieber selbst.

Rudi Dutschke macht es vor

Eine Galionsfigur der 68er-Bewegung wie Rudi Dutschke machte es vor. Der charismatische Wortführer der linken Studentenbewegung wollte sich schon deshalb nicht zu sehr aufs Häusliche konzentrieren, weil das zum Reformismus statt zur Revolution führen würde. Das Putzen sowie die Betreuung seiner „schreienden Windelvollkacker“ überließ Rudi Dutschke liebend gerne seiner Frau.

Der lange Marsch in den Einbauküchen der Republik

Gretchen Dutschke-Klotz stieß in ihrem „Kampf um eine bessere Gesellschaft bei uns zu Hause“ an typische Grenzen. Der lange Marsch der Frauen „fand weniger in den politischen Institutionen als in den Einbauküchen der Republik statt“, urteilt die Historikerin Christina von Hodenberg in ihrem Buch „Die anderen Achtundsechziger“.

Plakate und Flugblätter zur Frauenbewegung

„Das Private ist politisch!“ heißt es denn auch in der Ausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen in Karlsruhe“ . Und zwar an der Wand, an der Plakate, Flugblätter und Fotos zur Frauenbewegung hängen. „Während die Diskriminierung von Frauen bei den Protesten der 68er-Bewegung selbst noch kaum eine Rolle gespielt hatte, entstanden im Nachgang zu 1968 auch in Karlsruhe verschiedene Initiativen von Frauen, die für eine Selbstbestimmung über ihren Körper, gegen die männliche Bevormundung und für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung kämpften“, heißt es in der Schau.

Vom § 218 bis zur Walpurgisnacht

An die Proteste gegen den Paragrafen 218 wird im Stadtmuseum ebenso erinnert wie an Walpurgisnacht-Aktionen oder die Idee eines Frauen-Nacht-Taxis, die sich in Karlsruhe nicht durchgesetzt hat. Und die politischen Institutionen kamen auf Dauer nicht umhin, sich mit feministischen Anliegen zu beschäftigen. Ein Kristallisationspunkt bildeten Initiativen zum Schutz von Frauen gegen Gewalt.

Widerstände gegen ein Frauenhaus in Karlsruhe

Für das 1982 eröffnete Karlsruher Frauenhaus etwa hatten sich sowohl Autonome als auch die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und FDP-Politikerinnen stark gemacht. Sie erkämpften es gegen Widerstände aus verschiedenen Parteien: Es gebe keine Notwendigkeit für ein Frauenhaus, hieß es – derartige Schutzhäuser würden Frauen nur aus ihren Ehen „hinauslocken“. Wegen des anhaltenden Bedarfs musste das Frauenhaus inzwischen mehrmals in größere Gebäude umziehen.

An einem Strang gezogen

Ebenfalls auf Druck von Frauenorganisationen und der Mehrzahl der Stadträtinnen wurde in Karlsruhe die Stelle der Frauenbeauftragten geschaffen und 1986 mit Theresia Riedmaier besetzt. Ihre Nachfolgerin Annette Niesyto firmiert seit 2011 freilich als Gleichstellungsbeauftragte. Erfolgreich an einem Strang zogen Stadträtinnen aller Fraktionen 1988 zudem mit einem Antrag, die Geschichte der Karlsruher Frauen zu erforschen.

„Es ist an der Zeit…“

Im Vorjahr hatte es bereits eine Ausstellung zum Thema „Frauen in den Naturwissenschaften“ gegeben. Die Schau sowie ein Begleitheft sollten an historischen Beispielen zeigen, dass Frauen in Naturwissenschaft und Technik durchaus erfolgreich arbeiten können. „Es ist Zeit, dass wir uns das Terrain der zukunftsträchtigen Berufe erobern“, schrieb Theresia Riedmaier damals im Vorwort. Jetzt, 31 Jahre später, sind in Karlsruhe mit seiner stark technisch-naturwissenschaftschaftlich geprägten Hochschullandschaft allerdings immer noch zwei von drei Studierenden männlich.

Die Sonderausstellung „Bewegt euch! 1968 und die Folgen“ ist bis 14. Oktober 2018  im Stadtmuseum Karlsruhe im Prinz-Max-Palais, Karlstraße 10, zu sehen. Hier gibt es mehr Infos.

 „Bewegungen gegen sexualisierte Gewalt in Karlsruhe – Von ,Mein Körper gehört mir‘ bis #MeToo“.
Zu diesem Thema gibt es am Montag, 14. Mai 2018, ab 19.30 Uhr im Prinz-Max-Palais Vorträge von Susanne Heynen und Sabine Zürn. Anschließend findet eine Diskussion statt. Mit dabei sind Vertreterinnen von AllerleiRauh, Wildwasser & FrauenNotruf sowie dem Verein In Nae.

Buchtipp:

Männer prägen das Bild von 1968. Und Großstädte wie Berlin und Frankfurt. Doch war das alles? Christina von Hodenberg, die in London Europäische Geschichte lehrt, lenkt den Blick zwar nicht auf Karlsruhe, aber auf die Provinz. Auf die damaligen Väter und Großväter. Auf die weniger Gebildeten. Und auf Frauen.

Das Bild, das Medien, Politologen und Historiker gemeinhin von den Studentenprotesten zeichnen, nimmt die Professorin ebenso wenig als in Stein gemeißelt hin wie die Selbstdeutungsmuster derjenigen, die sich als Standartenträger des Wandels feiern lassen. Ihr Buch „Das andere Achtundsechzig“ stützt sich stark auf „Stimmen aus dem Jenseits“ – Interviews, die junge Psychologen vor einem halben Jahrhundert für die Bonner Gerontologische Längsschnittstudie führten.

In der brillant geschriebenen Gesellschaftsgeschichte einer Revolte kommen viele Zeitzeugen zu Wort. Sie erzählen von einem 68, in dem junge Intellektuelle gegen „das System“ der Väter rebellierten, aber viele trotzdem nicht so genau wissen wollten, wie es um die Nazivergangenheit der eigenen Familie stand. Ein 68, in dem Ältere verblüffend viel Verständnis für die Anliegen der Jungen zeigten. Und ein 68, das auch weiblich war. Das nicht nur die Disziplin des Theoretisierens pflegte, sondern nach praktischen Lösungen in der Familie suchte. Die neue  Frauenbewegung, die von 1968 ausging, hat nach  Einschätzung von Hodenbergs eine entscheidende Zäsur gebracht. Denn die Frauenbewegung politisierte das Private – und habe autoritäre Hierarchien damit erst richtig ins Wanken gebracht.

Foto: C.H.Beck

Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, 250 Seiten, C. H. Beck, 24,95 Euro.