Da blickt nicht einmal ein Engel fröhlich drein: Weihnachten 1918 das war für viele Menschen in der Region ein trauriges Fest. | Foto: © Jeanette Dietl -stock.adobe.com

Wie die Badener „feierten“

Weihnachten 1918 mit Kommiss-Brot und Schwitzbädern gegen die Grippe

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„Weihnachten 1918 – das wird ein gar trauriges Datum bleiben in der deutschen Volksgeschichte“, prophezeite am 24. Dezember der Kommentator der „Badischen Presse“. Es war der Heilige Abend nach dem Ersten Weltkrieg. Seit dem 11. November schwiegen die Waffen. Doch Frieden war noch nicht geschlossen. Dieser „Frieden, vor dem uns bangt und den wir trotzdem ersehnen“, wie es in der „meist gelesenen Zeitung Karlsruhes“ hieß. „Wie war es sonst so schön an Weihnachten“, beklagte auch der „Badische Beobachter“ die harte Zeit: „Wir befinden uns mitten in einer großen Umwälzung, von der wir nicht wissen, was sie noch alles bringen wird.“

Nur gegen Brotmarken

Zukunftsängste, die Not der Gegenwart und die Erinnerung an die Opfer des Krieges waren an Weihnachten vor 100 Jahren allgegenwärtig. Noch hatten die Frauen das „Badische Kriegskochbüchlein“ nicht beiseite gelegt, mussten die Speisen fürs Fest „gestreckt“ und „Ersatz“ aufgetischt werden. Bei einer Bäckerei am Karlsruher Werderplatz gab es Kommiss-Brot – „prima Qualität“. Allerdings nur gegen Brotmarken. In den Fettverkaufsstellen Nr. 247 und 248 konnte die eingetragene Kundschaft von 24. bis 27. Dezember weißen Käse kaufen – ein viertel Pfund pro Kopf, wie das Nahrungsmittelamt mitteilte.

An Weihnachten 1918 sind viele Schicksale noch ungewiss

Das Durlacher Wochenblatt freute sich trotz der schlechten Versorgungslage mit den Familien, die am Abend bei flackerndem Kerzenlicht den Erzählungen von heimgekehrten Kriegsteilnehmern lauschen durften. Aber auch an die „gefallenen Helden“ erinnerte das Blatt. Und an die „Bedauernswerten“, bei denen keine Festfreude aufkommen würde, weil sie Weihnachten ohne ihre „Ernährer“ und Söhne begehen mussten. Über 61 000 Soldaten aus Baden sind im Ersten Weltkrieg gestorben. An Weihnachten 1918 waren viele Schicksale noch ungewiss. Der letzte Karlsruher Kriegsgefangene kehrte erst acht Jahre nach dem Waffenstillstand in seine Heimatstadt zurück.

Am Baum ohne Lichterglanz

„Am Baum ohne Lichterglanz, ohne Obst, ohne die Backwerkzutaten, die seit Menschengedenken zur Weihnachtsfeier gehören, wird wohl jede Familie der Vergangenheit Gedanken und Erinnerungen nachschicken, die das Fest des stillen Jubels zum Fest der Trauer, die aus dem Segen versonnener Feiertagsruhe den Fluch anklagender Verbitterung machen“, monierte der sozialdemokratische „Volksfreund“.

Ein Gläschen Wein aus Bühlertal gefällig?

Immerhin konnten diejenigen, die das nötige Kleingeld hatten, sich das „traurige Fest“ schöntrinken. In einer Weinhandlung in der Karlsruher Herrenstraße war 1918er Markgräfler eingetroffen. Und aus dem „vorzüglichen Jahrgang 1917“ boten sich Bühlertäler, Klingelberger, Waldulmer und Affentaler Beerenauslese an.

„Der Weg, der zur Verdamnis führt“

Ablenkung versprachen die Kinos. Im „LuLi“, den „Luxeum Lichtspielen“ in Karlsruhe, stand an Heiligabend das Lustspiel „Schnurzel muss ins Bett“ auf dem Programm. Und „Der Weg, der zur Verdammnis führt“ – ein „Kulturfilm zur Bekämpfung des Mädchenhandels“. Das Residenztheater wartete am ersten Feiertag mit „Frieden auf Erden“ auf.

Schwitzbäder gegen die Grippe

Wer etwas für seine Gesundheit tun wollte, konnte das (heute nicht mehr existierende) Karlsruher Friedrichsbad aufsuchen: „Schwitzbäder, Dampf-, Heißluft- und elektrische Lichtbäder“ seien das „beste natürliche Vorbeugungsmittel gegen die Grippe“. Sie würden den ganzen Tag über angeboten, hieß es in einer Anzeige vom 24. Dezember. Das Werbe-Argument kam nicht von ungefähr: Weltweit wütete damals die „Spanische Grippe“. Von Oktober bis Dezember 1918 kostete die Pandemie allein in Karlsruhe 349 Menschen das Leben.

Geschenke soll es auch an Weihnachten 1918 geben

Wenngleich das „heiligste Fest“ in „unheilig-düsterer Zeit“ gefeiert wurde – Geschenke waren auch 1918 ein Thema. Wandkalender kamen in Frage. Oder Musikalien. Franz-Liszt-Werke für Klavier etwa oder „Sang und Klang fürs Kinderherz“. Und natürlich Bücher. Als „das beste Geschenk für Frauen und Jungfrauen“ empfahl der Badenia-Verlag Karlsruhe das Heimatbuch „Edle Frauen“ von Franz Dor. „Heimkehrenden Kriegern“ hingegen sollte man nach Ansicht der Verlagsbuchhandlung Unitas in Bühl unbedingt das Buch „Der Sieger im Kampf“ verehren. Bei dem Band mit dem martialischen Titel handelte es sich um ein elegant gebundenes Gebetbuch. Es sollte die Männer bei ihren neuen Aufgaben in der Heimat begleiten. Exemplare zur Ansicht lagen in den katholischen Pfarrämtern aus.

Haben Sie Lust in badischen Zeitungen vom 24. Dezember 1918 zu schmökern? Die digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe machen es möglich. Hier geht’s los.