„Die Eselpartien haben auch ihre besonderen Reize“, meinte der französische Zeichner Alfred Darjou, der um 1860 die „Freuden“ von Baden-Baden auf die Schippe nahm. Kein Wunder, dass nach solchen Touren nicht nur die abenteuerlustigen Touristen, sondern auch die Reittiere bisweilen reif waren für die Wellness-Angebote der Kurstadt. | Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden

Tourismus-Geschichte(n)

Wellness für Esel und andere Schmankerln aus „Landpartien Nordschwarzwald“

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Ein Papagei, der auf den Fahrplan der Albtalbahn pfeift. Esel und Pferde, die sich im Thermalbad erholen. Ein Schotte, der Murgtal-Bauern mit Champagner abfüllt. Und ein Journalist, der beim Durlacher Turmberg an alpine Höhen denkt … Nein, das sind keine Fake News. Sondern von Fachleuten sauber recherchierte Fakten aus der touristischen Vergangenheit unserer Region, die beim Projekt „Landpartien Nordschwarzwald“ ans Tageslicht kamen.

„Landpartien Nordschwarzwald“ – so heißt das gemeinsame Projekt der Stadtmuseen Baden-Baden und Rastatt, des Museums Ettlingen und des Pfinzgaumuseums Karlsruhe-Durlach. Vier Ausstellungen mit verschiedenen Schwerpunkten (und unterschiedlichen Laufzeiten) sind daraus entstanden und bescheren den beteiligten Häusern einen regen Publikumszuspruch. Inzwischen liegt zudem eine Begleitpublikation vor. In dieser vertiefenden Zusammenschau zu schmökern ist höchst vergnüglich – nicht zuletzt, weil sich in den sachkundigen Texten etliche aus heutiger Sicht skurril anmutende „Histörchen“ finden. Hier gibt es einige Schmankerln als Appetitanreger.

Ein Thermalbad für Pferde und Esel

Spazieren gehen und wandern, gerne zu malerischen Burgruinen – im Zeitalter der Romantik kamen „Landpartien“ bei vornehmen Leuten in Mode. Auch die Kurgäste Baden-Badens verspürten den Drang nach draußen. Mancher Dame und manchem Herrn schien es aber doch sehr beschwerlich, auf Schusters Rappen die Umgebung zu erkunden. Sie konnten sich für ihre Ausflüge in Hotels oder bei privaten Anbietern Droschken oder Reitpferde mieten – seit 1825 waren zeitweise sogar Esel im Angebot.

Landpartien Nordschwarzwald: „Lichtenthaler Allee in Baden-Baden“, 1876, Holzstich von Wilhelm Diez | Foto: Stadtmuseum Baden-Baden

Doch solche Touren konnten ebenfalls recht strapaziös werden. Bei steifen Gliedern versprach das Baden-Badener Heilwasser Abhilfe – nicht nur für Menschen, auch für Tiere. Für letztere gab es in der „Sommerhauptstadt Europas“ ein eigenes Pferdebad. Zur Linderung von Verhärtungen, Lähmungen und Geschwülsten stellte man die Tiere in einen großen Thermalwasserbehälter. Und weil alles Gute von oben kommt, erhielten die Pferde und Esel zusätzlich Tropf- und Gießbäder. Das Pferdebad, für dessen Betreuung ein Tierarzt zuständig war, wurde Anfang der 1840er Jahre aufgegeben.

Mit Schmiergeld geht die Post ab

Wer mit der Postkutsche reiste, brauchte Zeit – pro Stunde kam man in früher Zeit etwa vier Kilometer weit. Mit der Eilpost und verbesserten Straßen ging es später doppelt so schnell – das Reisen wurde aber auch doppelt so teuer. 1850 kostete die Fahrt von Ettlingen nach Rastatt 50 Kreuzer – was bei Tagelöhnen um 24 Kreuzer ein erklecklicher Betrag war. Hinzu kam das „Schmiergeld“, denn die Achsen der Kutsche mussten an jeder Poststation geschmiert werden. Die Reisenden mussten dafür 12 Kreuzer extra berappen. Sparen konnten die Fahrgäste, indem sie ihr eigenes Schmierfett mitbrachten – dann reduzierte sich das Schmiergeld um die Hälfte.

Landpartien des „Champagner-Schotten“

Dass wohlhabende Briten ohne Not meilenweit durch den Wald wanderten – die Murgtalbewohner in der Frühzeit des Tourismus hielten das für Spinnerei. Einen besonders skurrilen Schotten namens Greeg schlossen sie aber ins Herz: Der Mann machte sich ein Hobby daraus, in die Dörfer zu fahren und möglichst viele Bauern in einem Gasthof zusammenzutreiben.

Dort ließ der Schotte den Murgtälern Champagner servieren, bis sie so richtig betrunken waren. Mister Greeg, so berichteten 1840 die „Blätter für den Geist, Gemüt und Publizität“ sei für die Bauern im Umkreis die „populärste Person“ gewesen.

In einer halben Stunde von Ettlingen nach Herrenalb: Die Albtalbahn machte es ab 1898 möglich. Mit der Postkutsche hatte die Fahrt rund dreieinhalb Stunden gedauert (Postkarte von 1915). | Foto: Museum Ettingen / pr

Frühstarts der Albtalbahn

Wenn der Zug Verspätung hat, finden das Reisende nicht wirklich toll. Aber ein Zug, der zu früh abfährt, kann ebenfalls viel Verdruss bereiten. Ausflüglern und Sommerfrischlern, die ab 1898 mit der neuen Albtalbahn von Karlsruhe nach Ettlingen oder weiter nach Herrenalb reisen wollten, passierte es immer wieder, dass der Zug bereits abgefahren war, obwohl sie eigentlich pünktlich zur Haltestelle kamen.

Denn nahe dem Albtalbahnhof, der sich damals am Ettlinger Tor befand, wohnte der stolze Besitzer eines Papageis. Und der Mann stellte den Käfig mit seinem Liebling den Sommer über gerne ans offene Fenster. Der Papagei aber konnte den Abfahrtspfiff des Schaffners bald perfekt imitieren – und tat dies auch freudig. Was zur Folge hatte, dass der Zug bisweilen lange vor der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit losfuhr. Ein Ende hatten die Frühstarts erst, als dem Vogelbesitzer per polizeilicher Anordnung verboten wurde, den Papagei am Fenster zu platzieren.

Landpartien in fast „alpiner“ Atmosphäre: Dank der Turmbergbahn können Ausflügler seit 1888 auch ohne schweißtreibenden Aufstieg die „Höhenluft“ auf Durlachs Hausberg genießen. Das Foto entstand um 1890. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Alpen-Feeling am Turmberg

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Durlacher Turmberg als Ausflugsziel „entdeckt“ worden. Ob man dort eine Bergbahn bauen sollte? Ein Autor des „Durlacher Wochenblatts“ plädierte im Jahr 1887 entschieden dafür. Er prognostizierte, dass viele „Residenzler“, also Leute aus dem benachbarten Karlsruhe, dankbar eine solche Bahn nutzen würden – vor allem im Sommer. Denn so könnten sie in nur 15 Minuten schweißfrei zum Turmberg-Gipfel gelangen – „aus fast tropischer, dunstgeschwängerter Atmosphäre in die Region einer schon an alpine Höhen erinnernden Luft.“

Noch im selben Jahr wurde die Baugenehmigung erteilt und 1888 ging die Standseilbahn in Betrieb. Als Ausflugsziel wurde der 256 Meter hohe Durlacher Hausberg mit der fast „alpinen“ Höhenluft dadurch noch attraktiver.

Das Buch: „Landpartien Nordschwarzwald“ ist ein reich bebilderter Band, der erstmals die touristische Erschließung der Region vom 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein beleuchtet. Das 207 Seiten umfassende, sehr informative Buch ist als Begleitpublikation zu vier derzeit laufenden Ausstellungen erschienen. Autoren sind Sandra Eberle, Heike Kronenwett und Walter Metzler (Baden-Baden), Iris Baumgärtner (Rastatt), Doris Henseler und Daniela Maier (Ettlingen) sowie Ferdinand Leikam (Durlach). Der Band ist für 20 Euro in den beteiligten Museen sowie dem Buchhandel erhältlich.

Landpartien Nordschwarzwald: Das Buchcover zeigt eine Murgtal-Szene nach einer Vorlage von Carl Ludwig Frommel um 1840.

Die Ausstellungen „Landpartien Norschwarzwald“:
• Stadtmuseum Baden-Baden: „Baden-Baden – Reise ins Weltbad“ (nur noch am 10. November)
• Stadtmuseum Rastatt: „Von Rastatt ins romantische Murgtal“ (bis 2. Februar 2020)
• Museum Ettlingen: „Ettlingen und das reizvolle Albtal“ (bis 29. November)
• Pfinzgaumuseum Karlsruhe-Durlach: „Durlach: Der Turmberg ruft!“ (bis 1. Dezember)

Hier gibt es weitere Infos zu den Ausstellungen.