Fußgängerzone ist die Kaiserstraße. Aber nur eigentlich, denn auch nach der offiziellen Lieferzeit sind neben und zwischen den Bahnen jede Menge Autos unterwegs.
Fußgängerzone ist die Kaiserstraße. Aber nur eigentlich, denn auch nach der offiziellen Lieferzeit sind neben und zwischen den Bahnen jede Menge Autos unterwegs. | Foto: jodo

Intensiver Lieferverkehr

So viel Platz haben Fußgänger auf der Karlsruher Kaiserstraße wirklich

Anzeige

Zum Flanieren und Verweilen, zum Einkaufen und Essen gehen soll die Fußgängerzone in Karlsruhe einladen und ist daher nur am Morgen für den Lieferverkehr freigegeben. Tatsächlich sind in der Flaniermeile aber auch außerhalb dieses Zeitfensters noch jede Menge Autos unterwegs. Eine Bestandsaufnahme:

Zugang durchs Nadelöhr

Kurz nach 11 Uhr an diesem ganz normalen Werktag führt der Zugang zur Fußgängerzone beim Berliner Platz durch ein Nadelöhr: Der Sprinter eines Trockenbauers steht zwischen Straßenbahngleisen und Trägerpfosten der Oberleitungen quer.

Hinter der Windschutzscheibe liegt die Telefonnummer des Fahrers. Vom Heck bis zur Hauswand bleiben vielleicht zwei Meter – durch die sich nun die Fußgängerströme drängen. Auch eine Gruppe junger Studierender ist darunter. Es ist eng. Und bleibt es: Eine Litfaß-Säule, Tische eines Imbisses, ein künftiger U-Strab-Ausgang des Haltepunktes Kronenplatz und drei Paletten Ware eines Schnäppchenladens stehen Flaneuren im Weg.

Auf den Gleisen kommt der Gruppe zwischen zwei Straßenbahnen der Lieferwagen eines Paketboten entgegen. Es ist nicht der letzte in der nächsten Stunde.

Der Kronenplatz ist Parkplatz

Fußgängerzone ist auch der Kronenplatz. Dennoch sind zehn Fahrzeuge abgestellt – vom herkömmlichen Pkw bis zu Handwerker-Fahrzeugen und Kastenwagen von Baubetrieben.

Zwei weitere Autos stehen in der Kronenstraße, ebenso wie der Lkw eines Möbelhauses. Quer über die Kaiserstraße setzt sich ein Pkw in Bewegung, der Proben für ein Labor transportiert. Sein Weg kreuzt sich mit dem eines Bierlasters, der flott Richtung Osten rumpelt.

Warten mit laufendem Motor

Um 11.15 Uhr ist zwischen Adlerstraße und Marktplatz offensichtlich Rushhour: Der Laster eines Entsorgers begegnet auf den Gleisen einem weißen Sprinter, muss aber zunächst einem Geldtransporter ausweichen, der mit laufendem Motor vor einem Laden wartet.

Dem Sprinter folgt ein schwarzer Kombi, aber nur bis kurz nach dem Marktplatz. Dann wendet er über die Kaiserstraße, stößt in die Karl-Friedrich-Straße und hält an. Der Fahrer telefoniert, wartet offensichtlich. Minuten später fährt er wieder an, dreht um, tastet sich in die Kaiserstraße – und stößt zurück, um eine Bahn passieren zu lassen. Schließlich biegt er nach links in die Flaniermeile ein und hält an, um eine Frau einsteigen zu lassen.

Zettel an der Scheibe

Um 11.30 Uhr begegnen sich die Lieferfahrzeuge zweier Paketdienste kurz vor der Ritterstraße. Ausweichen müssen sie dem abgestellten Wagen eines Metallbauers. Der Fahrer ist beim Friseur am Marktplatz, informiert er auf einem Zettel.

Ein Taxi quert die Kaiserstraße, der nächste Kastenwagen schießt flott hinter dem Paketdienst her, es folgt ein Service-Fahrzeug der Verkehrsbetriebe. Entgegen kommt ihnen, zwischen zwei Bahnen, ein Müllfahrzeug. Es dauert, bis die Fußgänger die Kaiserstraße überqueren können.

Paketdienste rangieren

Bis zur Herrenstraße flankieren zwei weitere Paketdienste die Flaneure. Auch das Laborfahrzeug ist wieder da. Der Kleinbus eines Shuttle-Services fährt vorbei, in seinem Windschatten ist ein Kombi.

Kurz vor der Ecke mit der Waldstraße quetscht sich ein Laster zwischen Stadtplan und Fußgängerzonen-Schild. Dann lässt der Fahrer die Heckklappe herunter und lädt ein mächtiges Paket auf eine Sackkarre. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fährt ein Kastenwagen eines konkurrierenden Paketdienstes, der gerade ausgeladen hat, 20 Meter weiter nach Westen und rangiert dicht an den Waldbrunnen.

Warnblinker an

11.45 Uhr: Im Abschnitt zwischen Waldstraße und Europaplatz sind ein Taxi, zwei Sprinter, ein Reinigungsfahrzeug, das Shuttle einer Augenklinik und noch ein Paketdienst unterwegs – zwischen den Straßenbahnen und einem Pkw mit Hänger, in den ein Handwerker abgeschlagene Fliesen lädt.

Und am Europaplatz machen sieben Handwerker-Fahrzeug, Bauzäune, ein Geldtransporter sowie eine Schuttmulde die Wege eng. Auf die Gleise ausweichen müssen Fahrgäste, die um 12 Uhr zwischen den Haltestellen in der Kaiserstraße und der Karlstraße hin- und her hasten: Ein Pkw parkt mit eingeschaltetem Warnblinker mitten auf dem Fußweg.

Fazit

In der Stunde zwischen 11 und 12 Uhr, in der die Kaiserstraße eigentlich den Fußgängern gehören sollte, wird sie von 30 Fahrzeugen befahren und zeitweise beparkt. Hinzu kommen zehn Autos auf dem Kronenplatz, acht auf dem Europaplatz sowie weitere in einigen Stichstraßen der Kaiserstraße, die ebenfalls als Fußgängerzone ausgewiesen sind.

AUSNAHMEN: Für bestimmte Erledigungen in der Kaiserstraße können kostenpflichtige Ausnahmegenehmigungen für das Befahren beantragt werden, erklärt Matthias Günzel, der die Abteilung Straßenverkehr im Ordnungs- und Bürgeramt leitet. So können Paketdienste zwischen 11 und 12 oder zwischen 14 und 16 Uhr ein 30-minütiges zusätzliches Zeitfenster buchen. Ebenfalls Ausnahmen gibt es für Lebensmittel- und Getränkelieferanten sowie Kurierdienste von Apotheken und Ärzten. Fahrzeuge von Bauunternehmen, die nicht in einem eingezäunten Bereich stehen, sind ebenso wenig zulässig wie Taxen, so Günzel.
Auch die Ordnungshüter sollen vor allem zu Fuß unterwegs sein, sagt er. Für illegales Befahren sind 20 Euro, für Parken weitere 30 Euro fällig. Bei der Neugestaltung der Kaiserstraße soll auch ein Konzept für den Lieferverkehr entwickelt werden, erklärt Günzel. Denkbar sei, dass nur bestimmte Punkte angefahren werden dürfen, von denen aus es zu Fuß oder mit dem Elektrorad weiter geht.

KOMMENTAR

Eine Fußgängerzone heißt so, weil sie den Fußgängern vorbehalten ist. Das schließt ein, dass dort nicht gefahren werden darf. Per Definition können zu bestimmten Zeiten dennoch Fahrzeuge zugelassen werden. In diesen Zeiträumen dürfen die Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, aber ebenfalls weder gefährdet noch behindert werden.
Was sich tagtäglich in der Kaiserstraße abspielt, hat damit nichts zu tun: Auf der Flaniermeile in der Karlsruher City kommt es zu massiven Behinderungen und auch immer wieder zu Gefährdungen der Fußgänger. Zum einen durch einzelne, rücksichtslose Fahrer. Aber auch die Masse macht es: Fast 50 Autos in der Kaiserstraße, auf dem Kronen- und dem Europaplatz in nur einer Stunde, das sind deutlich zu viel. Die Ausnahme scheint die Regel zu sein – höchste Zeit also, die Flut der Ausnahmen zu überdenken. Und mit mehr Kontrollen vor Ort sollte zumindest der illegalen Praxis ein Riegel vorgeschoben werden. Und was hindert die Verantwortlichen eigentlich daran, schon vor dem Abschluss der Kombilösung ein neues Lieferkonzept zu erproben?
Karlsruhe leistet sich die teure Kombilösung, um die Kaiserstraße wieder deutlich einladender zu machen – zum Flanieren und Einkaufen, zum Verweilen und Genießen. Da stören Autos. Jedes einzelne.

 

Laster in der Erbprinzenstraße
In der Erbprinzenstraße kommt es immer wieder zu kniffligen Situationen. Der Lkw, der über die Bürgerstraße abfahren möchte, blockiert den Weg. | Foto: Jock

Konflikte in der Erbprinzenstraße

Auch die Erbprinzenstraße zwischen Karl- und Herrenstraße ist eigentlich Fußgängerzone, auch wenn sie für Radler und Berechtigte bis zum Erbprinzenhof  freigegeben ist. Um 12.15 Uhr an diesem Werktag ist die Realität eine andere: Ein Laster wird gerade entladen, ein Müllfahrzeug und ein Kombi parken dicht an der Hauswand, ein weiterer Pkw und ein Taxi fahren durch. Besonders knifflig wird es für die Fußgänger, als der Lkw-Lenker durch die Bürgerstraße abfahren möchte. Er muss mehrfach rangieren, um das Fahrzeug schließlich zentimeterweise zwischen Markise und am Straßenschild angeketteten Fahrrädern durchzuschieben. Hinter ihm flucht der nächste Zulieferer – der wie die Fußgänger warten muss.