Die Linie S5 von Karlsruhe nach Pfinztal ist von Fahrtausfällen besonders stark betroffen. Bei dem dort geltenden Zehn-Minuten-Takt gilt es eher als vertretbar, notfalls einen Kurs herauszunehmen als auf einer Linie mit größeren Abständen. | Foto: Rake Hora

„Personalengpass“ bei der AVG

Wenn die Bahn nicht fährt

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Es ist Sand im Getriebe des öffentlichen Personennahverkehrs. Der Fahrplan wird nicht mehr so verlässlich bedient, wie er angeboten wird. Die Geschäftsführer der Albtal-Verkehrsgesellschaft, Alexander Pischon und Askan Egerer, betonen freilich, dass im Tagesschnitt nur zwei bis drei Prozent der angebotenen rund 1 300 Fahrten ausfielen. Betroffenen Fahrgästen aber ist es egal, wenn sie ihre Monatskarte voll bezahlen, aber nicht das volle Angebot nutzen können. Der Hauptgrund ist bekannt: Die AVG hat zu wenige Triebfahrzeugführer – das allerdings seit mehreren Jahren. Hinzu kommen die Baustellen im Karlsruher Stadtgebiet, die ebenfalls seit Jahren verlässlich für oft verlängerte Fahrzeiten sorgen. Die Verärgerung der Kunden über die Fahrtausfälle ist auch im politischen Raum angekommen. Im Aufsichtsrat der AVG, einer Tochter der Stadt Karlsruhe, wurde die nicht immer überzeugende Performance der AVG nach BNN-Informationen schon verschiedentlich thematisiert. Was ist los bei der AVG? Wie geht es weiter? Unser Redaktionsmitglied Matthias Kuld hat Fragen und Antworten zusammengestellt.

Das „Karlsruher Modell“ war einmal bundesweit Vorzeigeobjekt. Was ist davon übrig geblieben?

Man muss die Kirche die Dorf lassen. Nach wie vor ist das Nahverkehrsangebot im Raum Karlsruhe vor allem auch dank der „Zwei-System-Farzeuge“, die aus der Stadt heraus auf Bahngleisen ins Umland fahren, sehr ordentlich. Es gibt tagsüber vielfach einen Zehn-Minuten-Takt und die Fahrzeugflotte wird ständig erneuert. Und der Innenstadttunnel nimmt auch ständig mehr Gestalt an.

Dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt…

Auch das ist richtig. In der Konstruktion des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) ist die AVG ein zentraler Player – und der hat Probleme. Seit Jahren ist die Personaldecke zu dünn, um den angebotenen Fahrplan verlässlich bedienen zu können. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht im Verkehrsticker – oft auch mit update untertags – auf ausfallende Verbindungen hingewiesen wird: Zugausfälle, Fahrtausfälle, Personalengpässe, kurzfristige Krankmeldungen werden als Ursache genannt.

Was macht das Unternehmen dagegen?

Sehr viel. Aber die Marktlage ist eben so, dass nicht jeder Fahrer bei der AVG werden will. Die Bezahlung gilt zwar als ordentlich, aber Schichtdienst und permanentes Einspringen sind nicht populär.

Wie viele Fahrer fehlen denn noch?

Nachdem in den vergangenen drei Jahren 130 Fahrer neu eingestellt wurden, fehlen laut AVG aktuell noch 30. Und die angebotenen Kurse sind voll bis ins Jahr 2019. 14 Mann alle zwei Monate. Aber erstens besteht nicht jeder, und zweitens gehen Fahrer in Ruhestand oder wechseln in den Innendienst. Ganz so schnell wird das Defizit nicht behoben.

Wie ist das mit der Unregelmäßigkeit der Dienste?

Da hört man Unterschiedliches. Das eine sind kritische Stimmen aus dem Betrieb, das andere die aus Leitung. Die spricht von einem verlässlichen Dienstplan, der mit neuer EDV Planungssicherheit für ein Jahr geben soll. Planmäßig gebe es im Monatsplan eine „Hülse“, die zusätzliche Stunden ermögliche, aber in der Regel gebe es keine Abweichungen. Nur zuletzt habe es eine „erhöhte Zahl von Abweichungen“ gegeben. Das hängt auch an den Baustellen in der Stadt Karlsruhe, auf die „planerisch“ reagiert werden müsse.

Wie ist das mit den ausfallenden Verbindungen?

Das ist eine komplexe Sache. Die AVG bietet einen Fahrplan, für den sie – weil die Ticketerlöse nicht ausreichen – Geld von der öffentlichen Hand bekommt. Wird ein Kurs nicht gefahren, zahlt das Unternehmen an die öffentliche Hand eine Gebühr. 2017 musste eine Gesamtsumme an diesen „Poenalen“ in nicht unerheblicher Höhe gezahlt werden, die auch in wirtschaftlicher Sicht für die AVG „bedeutend“ ist.

Die Fahrgäste klagen in den sozialen Netzwerken sehr über die unzulängliche Fahrgastinformation…

Die AVG hat „den Anspruch, die Fahrgäste umfassend zu informieren“, weiß aber gleichzeitig, dass das EDV-technisch ein größeres Thema ist. Hauptgrund für die Unzulänglichkeiten sind die unterschiedlichen Einspeisesysteme. Über die App sei allerdings die Echtzeitinfo gewährleistet. Bezüglich der Fahrgastinfo an den Haltestellen sei man mit den Firmen in ständigem Kontakt.

Die Fahrgäste klagen auch darüber, dass nur bei bestimmten Linien wie S 1/11 oder S 5 häufig Kurse ausfallen.

Das stimmt bedingt. Auf beiden Linien (Ettlingen – Neureut beziehungsweise Karlsruhe – Pfinztal) gibt es einen Zehn-Minuten-Takt. Da gilt es als vertretbar, notfalls eher dort einen Kurs herauszunehmen als auf einer Linie, die in größeren Abständen bedient wird.

… und warum gibt es bei den Karlsruher Tramlinien seltener Fahrtausfälle?

Da ist die Fahrersituation entspannter. Die Ausbildung ist auch eine andere als die für die AVG-Fahrer, die nach Eisenbahnregeln unterwegs sind.

Der KVV gilt als einziger deutscher Verkehrsverbund, dessen Fahrgastzahlen nicht steigen. Ist das so?

Seit drei Jahren stagniert die Zahl bei jährlich rund 170 Millionen Fahrgästen. Das hängt laut dem Unternehmen damit zusammen, dass durch das sehr gute Angebot auch bei den Preisen schon sehr früh sehr gute Zahlen erreicht waren. Da ist die Luft nach oben dünn.