Der Tourbus wirkt anziehend: Sobald der Wagen der „Eis-Oma“ auf dem Parkplatz steht, kommen große und kleine Schleckermäuler aus der Umgebung angelaufen, um sich süße Kugeln aus dem mobilen Sortiment auszusuchen.
Der Tourbus wirkt anziehend: Sobald der Wagen der „Eis-Oma“ auf dem Parkplatz steht, kommen große und kleine Schleckermäuler aus der Umgebung angelaufen, um sich süße Kugeln aus dem mobilen Sortiment auszusuchen. | Foto: Jörg Donecker

Redakteure als Ferienjobber

Wenn die Gelato-Glocke bimmelt: Auf Tour mit der „Eis-Oma“

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Weg vom Schreibtisch – rein in die Eisdiele, Currywurstbude oder ins Schwimmbad. Die Redakteure versuchen sich diesen Sommer einmal in typischen Ferienjobs. Was sie dabei erleben, wo sie vielleicht auch an ihre Grenzen kommen – all das ist in der wöchentlichen Serie „Ferienjobber für einen Tag“ zu lesen.

 

Da werden Kindheitserinnerungen wach: Sobald die Glocke ertönt, springen wir am Baggersee von unseren Handtüchern auf und spurten barfuß dem Gebimmel entgegen. Der Eismann ist da!
Heute, viele Jahre später und rund 40 Kilometer weiter nördlich in der Großstadt, wechsle ich für einen Nachmittag die Seiten. Mit der „Eis-Oma“ werde ich aus dem Wagen heraus süße Kugeln verkaufen.

Die Eis-Oma ist gar nicht so alt…

Die „Oma“ ist 30 Jahre jung, männlich und sehr beschäftigt: Jerome Kuhn ist einer von zwei Söhnen im Familienbetrieb, die den Laden in der Heidenstückersiedlung sowie die zwei Filialen in Rheinstetten managen. Und natürlich mit dem Eismobil auf Tour gehen. Wir treffen uns im Hauptgeschäft. Ich bekomme Arbeitskleidung: ein weißes Poloshirt mit aufgesticktem Firmennamen und eine rote Schürze. Haare zusammenbinden, den Fingerring ablegen und die Hände waschen muss ich noch, dann darf ich hinter die kühlen Kulissen treten.

In der Trommel der Eismaschine dreht eine Joghurtmischung zügige Runden. „Die Masse wird durch die Rotation an die kalte Wand gedrückt und gefriert“, erklärt Jerome. Mit einem riesigen Spatel holt er dann das fertige Eis aus der Trommel, mischt es mit Erdbeermarmelade und füllt es in eine rechteckige Edelstahlschale, die sodann in der Theke versinkt.

Mein erstes Auto war der Eiswagen

Dann steigen Jerome und ich auf dem Hof in den gut befüllten und gekühlten Eiswagen ein. Zwischen Fahrer- und Beifahrersitz liegt eine schwere Messingglocke mit Holzgriff. „Das ist eine echte Schiffsglocke“, erklärt mir Jerome voller Stolz, „die stammt noch von unserer Urgroßmutter.“ Seit 1939 sei die Familie in Karlsruhe im Eisgeschäft. Anfangs mit einem Handkarren, später im VW Passat voller Kühltaschen.

Auch Jerome hat schon als Jugendlicher Eis verkauft. „Mein erstes Auto war der Eiswagen“, erzählt er. Und der ist entsprechend ausgestattet: auf einer Seite die auf bis zu Minus 20 Grad heruntergekühlten Eisfächer, auf der anderen Schränke für die Becher, eine beleuchtete Anzeige mit Fotos von Eisbechern und die Kasse.

Der Wagen hält, Jerome packt das Eis aus: klappt die Fächer auf, zieht die Klarsichtfolie von der leckeren Gefriermasse, stellt Eiswaffeln, Becher und Löffelchen bereit. Ich darf die Glocke läuten. Schwer ist sie, aber ich mache ja Sport, denke ich bei mir, und schwinge das Messing aus dem Verkaufsraum heraus. Vier, fünf Mal lasse ich den Klöppel gegen das Messing schlagen – wow, ziemlich laut. Und effektiv: Obwohl wir an einem frühen Nachmittag unter der Woche unterwegs sind, kommen schnell ein paar Eishungrige heranspaziert.

Das Eis kugelt nicht so ganz, wie ich will…

Jetzt wird es ernst für mich: „Zwei Stück Nuss in der Waffel bitte“, bestellt der erste Kunde. Den versorgt Jerome. Das tiefgefrorene Meloneneis, das dann ein Mädchen bei mir bestellt, lässt sich gar nicht so einfach mit dem Kugellöffel herauslösen. Das braucht fast so viel Kraft wie das Läuten der Glocke. Eine Kugel formt sich – und fällt prompt zurück in die Schale: Ich habe zu früh den Mechanismus ausgelöst, der die Kugel „auswirft“. Beim zweiten Mal klappt es schon besser. Aber die Kugel ist noch viel zu klein, da darf noch Nachschlag rauf.

Übung macht die Eis-Meisterin, ein paar Male noch sehe ich Kugeln kullern, dann irgendwann hab’ ich den Dreh raus. Das Abkassieren überlasse ich lieber dem Chef – Kopfrechnen konnte ich schonmal besser, damals als Studenten-Jobberin in der Cocktailbar. Den Preis für einen Krokantbecher von der Eis-Oma kenne ich ohnehin nicht. Immerhin, das Überreichen mit einem freundlichen Lächeln gelingt mir auf Anhieb. „Wir sitzen oft mit 15 Mamis beim Spielplatz“, erzählt die Kundin Daniela Nirenberg, „wir gucken immer mal rüber, und die Kinder hören natürlich auf das Bimmeln.“

Das ist ja ’ne andere Eis-Oma!

So auch ein kleines Mädchen auf einem rosa Fahrrad. „Das ist ja ’ne andere Eis-Oma!“ ruft es und strampelt lächelnd an uns vorbei. „Nur ein anderer Verkäufer!“, ruft Jerome Kuhn zurück. Die Oberreuter kennen „ihren“ Eismann halt. Normalerweise fährt Jeromes Bruder Guillaume den Wagen, nicht nur nach Oberreut, auch nach Rheinstetten oder Richtung Rappenwört. Jerome ist dann im Ladengeschäft, produziert Eis, macht die Personalplanung und anderen Papierkram. Dieser wartet auch an diesem Tag auf ihn, deshalb müssen wir bald schon zurück ins Eiscafé.

Hinter der Theke sind Azubi Emre, Student Purav und Schülerin Santana am Wirbeln: Sie nehmen Bestellungen auf, füllen Becher und Waffeln mit Eiskugeln, bringen große Eisbecher an die Tische. Das sei aber kein Vergleich zu richtig betriebsamen Tagen, etwa im Juli und vor allem am Wochenende. „Das kann echt stressig werden, da stehen wir hier zu siebt“, meint Santana.

Als ein Spaghettieis bestellt wird, melde ich mich freiwillig. Das geht überraschend einfach: Vanilleeis in einen Stahlzylinder füllen, diesen in die Maschine einhängen, und schon schlängeln sich die Spaghetti untenraus über den Sahnekern in den Becher.

Dann erlaubt Emre mir auch noch, die „Qualitätskontrolle“ zu machen: Ich entscheide mich für Drachenfrucht und Kaktusfeige. „Und was ist eure Lieblingssorte?“, frage ich in die Runde. „Gianduia!“ sagen Emre und Santana wie aus einem Mund. Eine Mischung aus Schoko, Haselnuss, Krokant und türkischem Honig – das versüßt wohl jedem die Arbeitszeit.