Oliver Langewitz (Filmboard) ist als Location Scout unterwegs und macht mit dem Handy ein Foto von der Hirschbrücke.
Entführung unter der Hirschbrücke: Locations Scouts machen auch Fotos vor Ort, die später unter anderem als Gedächtnisstütze für das Kamerateam dienen. | Foto: Peter Sandbiller

Location Scouting in Karlsruhe

Wenn die Stadtkirche das Rathaus mimt…

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Dr. Kaminski schlägt die Zeitung auf: Ein Skandal um den Baubürgermeister erschüttert die Stadt. Es ist zwar die erste Szene, aber nicht der Anfang der Geschichte, die das Filmboard Karlsruhe mit dem Kurzfilm „Die kuriosen Fälle des Dr. Kaminski: Der Voodoo-Kult“ als ersten Teil einer Webserie erzählen will.

Kaminski, Kunsthistoriker und Ethnologe, wird von der Enkelin seines ehemaligen Professors gebeten, nach dessen Tod eine afrikanische Nagelfetisch-Plastik aufzuspüren, die im Nachlass zu fehlen scheint. Bei seinen Nachforschungen stößt der Wissenschaftler auf einen geheimen Voodoo-Kult, der sich im Geheimen Bahn bricht und in die Machtstrukturen der (fiktiven) Stadt eingreift…

Location Scout auf der Suche nach der richtigen Kulisse

Zurück in die Realität: In der Antikensammlung des Badischen Landesmuseums (BLM) im Karlsruher Schloss stehen Oliver Langewitz und BLM-Pressesprecherin Katrin Lorbeer. Langewitz ist Regisseur des Films, an diesem Tag ist seine Arbeit aber die eines Location Scouts, der für Filmproduktionen passende Gebäude, Zimmer und Orte für bestimmte Szenen sucht (siehe Stichwort).

Im BLM soll er eine Szene spielen, in der Kaminski – eher der Typ „zerstreuter Professor“ als ein Abenteurer à la Indiana Jones – bei einer Führung von einem alten Freund unterbrochen wird, der ihm einen wichtigen Hinweis für seine Recherche gibt. Lorbeer und Langewitz gehen an einem Sarkophag hinter Glas vorbei.

Wo könnte die Szene spielen? Oliver Langewitz vom Filmboard Karlsruhe und Katrin Lorbeer vom Badischen Landesmuseum sehen sich Räume in der Antikensammlung des Badischen Landesmuseums an.
Wo könnte die Szene spielen? Oliver Langewitz und Katrin Lorbeer sehen sich Räume in der Antikensammlung des Badischen Landesmuseums an. | Foto: Peter Sandbiller

„Damit kann man ganz schnell einen Bezug herstellen, das ist beim Film sehr wichtig“, sagt Langewitz. In großen Schritten durchquert er den Raum, dreht sich, macht Fotos mit dem Smartphone, macht ein Rechteck mit Daumen- und Zeigefingern, um die Kameraeinstellung zu simulieren.

Die etwa vier Quadratmeter große Nische hinter den ägyptischen Grabreliefs weckt seine Aufmerksamkeit: „Hier dieser Rückzugsbereich ist sehr gut. Da könnte Kaminski sich mit seinem Freund kurz zurückziehen. Und wie ich den Kameramann kenne, filmt er gerne mit fester Kamera einen One Shot“.

One Shot bedeutet, dass die ganze Szene ohne Schnitt gedreht wird. „Das wirkt lebendiger“, erklärt Langewitz. Eine andere Ecke des Museums wäre für diese Art von Kameraführung auch geeignet, es geht in eine schöne Rechtskurve – allerdings zu den Exponaten der griechischen Antike, das passt nicht in die Story.

Beim Film kann man wunderbar konstruieren

Trotzdem muss nicht alles in der gewählten Kulisse genau so aussehen, wie der Drehbuchschreiber den Raum beschreibt. „Beim Film kann man wunderbar konstruieren“, erklärt Langewitz, ein Raum im Film erscheine dann ganz anders als in der Realität.

Ein prominentes Beispiel aus der Region hat er auch parat: Szenen aus dem Kinofilm „Ottos Eleven“ wurden im Kurhaus-Casino Baden-Baden gedreht – als die Schauspieler im Film aus dem Casino herauskommen, stehen sie allerdings in Berlin.

Zwei bis drei Stunden, so rechnet Langewitz, würde der Dreh der Szene im Landesmuseum in Anspruch nehmen. Im Film sind davon nur 90 Sekunden zu sehen. „Wir werden es auch noch anders ausleuchten müssen.“ Ob tatsächlich dort gedreht werden darf, hängt aber noch davon ab, ob der Museumsdirektor die offizielle Genehmigung erteile. Der sei aber noch in Urlaub, erklärt Lorbeer. Dass der Ort des Geschehens trotzdem schonmal begutachtet wird, sei gängige Praxis beim Location Scouting, sagt Langewitz.

Vorausplanung ist wichtig beim Location Scouting

Etwa drei Wochen vor dem anvisierten Drehtermin müsse man in Karlsruhe mindestens auf die entsprechenden Eigentümer der Gebäude zugehen, denn gerade bei Außenaufnahmen müsse man sich oft an verschiedene Verantwortliche wenden.

Vor dem Karlsruher Schloss etwa kommen je nach Blickwinkel das Bundesverfassungsgericht, das Landesmuseum, das Regierungspräsidium Karlsruhe und der Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg als Ansprechpartner ins Spiel.

Ein Location Scout sucht und vermittelt mögliche Drehorte für Filmproduktionen entsprechend deren Vorstellungen für die Umsetzung des Drehbuchs. Es gibt keine standardisierte Berufsausbildung, oft sind Location Scouts Quereinsteiger aus Filmberufen, aber auch Fotografen oder Architekten etwa hätten oft die nötigen Kenntnisse, so Oliver Langewitz.
Meist würden Location Scouts von außerhalb beauftragt, etwa über den Bundesverband Location Scouts. Diese reisten dann extra nach Karlsruhe, hätten aber natürlich nicht dieselbe Ortskenntnis wie die Menschen, die in der Fächerstadt leben. Direkt vor Ort bieten etwa die SWR-Mitarbeiter Pamela Schmidt und Johannes Eppinger, der Filmemacher Matias Bleckman sowie die PrestigeFilm Location Scouting an. In der Region bietet außerdem die FilmCommissions Baden-Baden diesen Service, mit der das Filmboard eng zusammenarbeitet.

 

Manchmal seien die Orte auch einfach nicht zum gewünschten Termin verfügbar. Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum Stadtgeburtstag 2015 etwa konnte eine Szene vor dem Schloss nicht gedreht werden, weil da schon das Gerüst für die erstmals stattfindenden Schlosslichtspiele aufgebaut wurde – die Produktionsfirma verlegte den gesamten Dreh, der auch an anderen Orten in Karlsruhe hätte stattfinden sollen, nach Wien. Die Stadt habe ihrerseits die Planungen nicht verschieben können, und so wurde der Film, der sogar in Karlsruhe spielt, an Locations in Wien gedreht.

Verkehrsmuseum leiht Limousine von Günther Klotz aus

Doch auch innerhalb Karlsruhes schlüpfen Gebäude, Ecken oder Fassaden oftmals in andere Rollen. Zurück zu Dr. Kaminskis kuriosen Fällen: Eine Szene, in der der Bürgermeister vor den Rathaustreppen von Journalisten belagert wird und sich erklären soll, wird im September auf dem Marktplatz gedreht – aber nicht vor dem echten Rathaus, sondern auf den Stufen und zwischen den Säulen von Weinbrenners Stadtkirche.

Das sieht staatstragender aus, vor allem, wenn die Limousine des früheren Karlsruher Oberbürgermeisters Günther Klotz ins Bild rollt, die Langewitz für den Dreh beim Verkehrsmuseum ausleihen darf. Auch bei dieser Szene seien Absprachen nötig, mit der Stadtverwaltung und dem Ordnungsamt.

Entführung unter der Hirschbrücke

Unter der Hirschbrücke zückt Langewitz erneut sein Handy, macht Aufnahmen und schätzt ab, wo man wohl am besten den Kran für die Kamera aufbauen könnte. Auch hier soll wieder eine One-Shot-Szene gedreht werden: Kaminski läuft oben über die Brücke, während unten eine Frau in ein Auto gezerrt wird – und unten findet der Wissenschaftler noch den Schuh, den sie bei der Entführung verloren hat.

Bis Ende September sollen die Dreharbeiten beendet sein. Dann beginnt die Postproduktion mit Schnitt und Tonmontage, erklärt Langewitz – „der Komponist in Paris fängt schon mal an.“