ARCHIV - 04.03.2015, Heilbronn: Ein Gefängnisinsasse sitzt in einer Justizvollzugsanstalt vor einem vergitterten Fenster. (zu dpa «Bewährungshilfe in Rheinland-Pfalz» vom 07.11.2018) Foto: Daniel Naupold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit

Vom Knast ins Heim

Wenn Senioren im Gefängnis Pflege brauchen

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Die Häftlinge in den Gefängnissen von Baden-Württemberg werden immer älter. Entsprechend steigt der Bedarf an Betreuung – etwa wenn ein langjährig Inhaftierter bei seiner Entlassung gleich in ein Pflegeheim wechseln muss. Die Justizverwaltung des Bundeslandes geht dabei im Zusammenwirken mit Vereinen und Verbänden neue Wege.

Dem Tag seiner Haftentlassung blickt Drago S. (Name geändert) mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwölf Jahre hat der 83-Jährige wegen eines Tötungsdelikts hinter Gittern verbracht. Und wenn es nach ihm ginge, würde er in der Justizvollzugsanstalt bleiben. Bis zu seinem Tod.

Seit der Inhaftierung des Seniors hat sich draußen viel verändert. Seine beiden Geschwister sind mittlerweile gestorben, die Freunde von einst – sofern sie noch am Leben sind – wollen nichts mehr von Drago S. wissen. Das Internet kennt er nur aus Zeitung und Fernseher, und Behörden sind ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Alkoholsucht und Altersdepression tun ihr Übriges: Das nahende Ende seiner Knastzeit schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Senior mit der gebrochenen Biografie.

„Entlassungsloch“

„Vor allem ältere Strafgefangene fallen oft in ein tiefes Entlassungsloch“, weiß Generalstaatsanwalt Achim Brauneisen. Der Jurist ist Sprecher des Netzwerks Straffälligenhilfe. Es setzt mit den darin versammelten Verbänden ein 2018 gestartetes Projekt zur Wiedereingliederung älterer Gefangener in die Gesellschaft praktisch um.

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Getragen wird es vom Verein „Projekt Chance“, der sich zuvor hauptsächlich um junge Gefangene gekümmert hat. Das Projekt zur Wiedereingliederung der Senioren unter den Strafgefangenen ist bundesweit einzigartig; die bisherigen Erfahrungen nach 22 Monaten Laufzeit und rund 80 Betreuungsfällen seien äußerst positiv, fasst Justizminister Guido Wolf (CDU) zusammen. Finanziert wird es über die Baden-Württemberg-Stiftung sowie die Lechler-Stiftung.

Behinderung und Demenz

Wenn Senioren aus dem Gefängnis zur Entlassung anstehen, gleicht kaum ein Fall dem anderen, verdeutlicht Anna-Roxanne Unruhe. Die junge Frau ist Vollzugsabteilungsleiterin und Sozialarbeiterin im Justizkrankenhaus Hohenasperg.

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Dort sind viele der besonders gebrechlichen Strafgefangenen untergebracht: Häftlinge mit Demenz, körperlichen Einschränkungen, Rollstuhlfahrer, Depressive. Bei Entlassung solcher Inhaftierter muss ein individuelles Paket geschnürt werden.

Es geht um die Feststellung von Pflegestufen, die Kostenübernahme durch die Kasse, die Anregung rechtlicher Betreuung oder auch die Suche nach einem geeigneten Pflegeheim. Mit dem Management des eigenen Falles sind die allermeisten der zu Entlassenden überfordert.

Viele Heime legen keinen Wert auf die Aufnahme eines ehemaligen Knast-Insassen, hat Anna-Roxanne Unruhe festgestellt. Dann helfen mitunter Aufklärungsgespräche mit der Pflegedienstleitung über den Bewerber. Aber nicht immer.

Hoher Anteil an Senioren

Die Anzahl der älteren Gefangenen im baden-württembergischen Strafvollzug steigt derzeit stetig an. „Damit spiegelt sich die Demografie auch im Justizvollzug wider“, sagt Justizminister Guido Wolf. Saßen 1993 noch 92 Gefangene mit einem Alter von mindestens 60 Jahren in den Gefängnissen des Landes ein, so waren 2003 bereits 150 Senioren hinter Gittern.

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Weitere zehn Jahre später lag die Zahl schon bei 239. Derzeit ist mit 284 Inhaftierten von 60 Jahren und mehr ein vorläufiger Höhepunkt erreicht. Der Anteil der 60-Jährigen und Älteren an der Gesamtzahl der Gefangenen und Sicherungsverwahrten von derzeit 5.491 (ohne Untersuchungshäftlinge) stieg von 1,8 Prozent auf gegenwärtig 5,2 Prozent an. Männer sind deutlich stärker vertreten als Frauen.