Fotografin Michèle Heinekamp setzt sich mit einem Fotoprojekt für mehr Sensibilität in der Gesellschaft gegenüber stillenden Müttern ein. "Stillen ist natürlich und schön", sagt Heinekamp.
Fotografin Michèle Heinekamp setzt sich mit einem Fotoprojekt mit Müttern aus Karlsruhe, Mannheim, Landau und Mainz für mehr Sensibilität in der Gesellschaft gegenüber stillenden Müttern ein. "Stillen ist natürlich und schön", sagt Heinekamp. | Foto: MiJa Fotografie

Gesellschaft

In diesem Café in Karlsruhe sind stillende Mütter unerwünscht

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Berlinde Schmitt und Ilana Miller haben ihre Kinder gestillt. Allerdings nicht zu Hause, sondern im Café Brenner in Karlsruhe. Dass das ein Problem sein kann, stellten die Frauen erst beim Verlassen des Cafés fest, als die Chefin sie mit „Gehen Sie das nächste Mal bitte woanders hin“ verabschiedete. Doch ist ein Hausverbot für stillende Mütter überhaupt erlaubt?

„Ich war zuerst einmal sprachlos, als die Chefin das gesagt hat“, berichtet Ilana Miller. Dass etwas nicht stimmte, habe sie aber bereits vorher bemerkt. Sie war mit ihrer Schwägerin Berlinde Schmitt ins Café Brenner gekommen, beide hatten ihre sechs Monate alten Babys dabei. Als diese zwischendurch Hunger bekamen, stillten die Mütter ihre Kinder. Dann kippte die Stimmung.

„Ich hatte die Theke im Blick“, sagt Miller, „und habe schon bemerkt, dass es ein paar nicht so freundliche Blicke gab und dass das Wort ‚Stillen‘ fiel“, so Miller. „Es war deutlich spürbar, dass da eine Unzufriedenheit ist.“

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Um die Wogen zu glätten, habe sie extra Trinkgeld gegeben und sich bei der Chefin noch einmal für den leckeren Kuchen bedanken wollen. „Man wollte ja niemanden aufregen“, sagt Miller. Trotzdem wurden die Mütter gebeten, beim nächsten Mal ein anderes Café zu besuchen. „Solch eine Klientel möchten wir hier nicht“, habe die Chefin des Café Brenner gesagt, erinnert sich Miller.

Hausverbot für stillende Mütter?

Bei einem persönlichen Besuch unserer Redakteurin im Café Brenner über einen Monat später bestätigen das auch Michael und Manuela Brenner, die das Café in Karlsruhe leiten. „Wir möchten das hier nicht und wir sagen Frauen, die das tun, dass dort die Tür ist“, so die Café-Chefin. Weitere Fragen zum Thema wollten beide nicht mehr beantworten.

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Laut Daniel Ohl, dem Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Baden-Württemberg (Dehoga), haben die Besitzer des Café Brenner sich rechtlich korrekt verhalten. „Juristisch ist das vom Hausrecht gedeckt“, erklärte Ohl auf Anfrage. Seine Etikette dürfe jeder Betrieb selbst definieren.

Wir möchten das hier nicht und wir sagen Frauen, die das tun, dass dort die Tür ist.

Manuela Brenner

Auch habe es sich bei der Bitte an die beiden Mütter, beim nächsten Mal ein anderes Café zu besuchen, rechtlich nicht um ein Hausverbot gehandelt. Gegenüber einer Abweisung oder gar einem Rauswurf hätten sich die Café-Betreiber hier sogar für das „mildere Mittel“ entschieden. Trotzdem gelte es immer, den Einzelfall zu bewerten.

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Dass wirtschaftliche Erwägungen einen Grund für ein Stillverbot in Cafés darstellen könnten, glaubt Ohl hingegen nicht. Zwar könnte es sein, dass Gaststätten räumliche Probleme hätten, wenn Eltern mit Kinderwagen kommen, dass dies aber zu finanziellen Einbußen führe, halte er nicht für wahrscheinlich. „Dass Mütter wirtschaftlich uninteressantere Gäste sind, kann ich überhaupt nicht bestätigen“, so der Dehoga-Sprecher.

Stillen in der Öffentlichkeit: Wo ist eigentlich das Problem?

Was aber stört überhaupt dabei, wenn Mütter ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen? Ulrike Lau-Rollbühler, die die Karlsruher Kreisgruppe des deutschen Hebammenbundes betreut, hat eine Vermutung: „Cafés mit älterem Publikum sind manchmal schwieriger“, sagt sie. „Die finden es anstößiger, wenn Frauen in der Öffentlichkeit stillen“. Verständnis habe sie dafür eigentlich nicht. Sie rate Müttern aber immer dazu, Rücksicht zu nehmen und „eventuell ein Tuch drüberzulegen“.

Eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung hat ergeben, dass zwar nur sechs Prozent der Bevölkerung es ablehnt, wenn eine Frau ihr Baby in der Öffentlichkeit stillt. Jedoch steht der Studie zufolge jeder Vierte dem Stillen im öffentlichen Raum zumindest zwiespältig oder ablehnend gegenüber.

Ulla Junghänel, die zwei Stillgruppen der „La Leche Liga“ in Karlsruhe leitet, glaubt, dass viele ältere Menschen wegen eigener negativer Erfahrungen das öffentliche Stillen ablehnen. „In den Sechziger- und Siebzigerjahren wurden viele Mütter mit ihrem Baby nahezu allein gelassen“, sagt sie. Mit dem Stillen habe es damals bei vielen deshalb auch nicht geklappt. „Und wenn man dann mit so fröhlich dahinstillenden Müttern konfrontiert wird, reißt das eventuell alte Wunden auf“, vermutet Junghänel.

Ist es okay, sein Kind in der Öffentlichkeit zu stillen? Fotografin Michèle Heinekamp glaubt, dass das so ist. Auch 2020 plant sie ein solches Fotoprojekt, um Vorurteile gegen das Stillen abzubauen.
Ist es okay, sein Kind in der Öffentlichkeit zu stillen? Fotografin Michèle Heinekamp glaubt, dass das so ist. Auch 2020 plant sie ein solches Fotoprojekt, um Vorurteile gegen das Stillen abzubauen. | Foto: MiJa Fotografie

Auch das Bild, das die Gesellschaft von stillenden Müttern habe, sei „verquer“. „Die nackte Brust wird von vielen als etwas Sexuelles eingestuft“, glaubt die Stillberaterin. Um die Tatsache, dass eine Mutter ihrem Säugling so Nahrung zuführt, gehe es bei der Ablehnung des öffentlichen Stillens gar nicht. Es rege sich ja auch niemand auf, wenn eine Mutter ihrem Kind öffentlich die Flasche gibt.

Cafés mit älterem Publikum sind manchmal schwieriger.

Ulrike Lau-Rollbühler, Hebamme

„Der Ton gegenüber stillenden Müttern ist aggressiver geworden“, stellt Junghänel außerdem fest. Das sei nicht immer so gewesen, habe sich in den letzten Jahren erst immer mehr verändert: „Da ist diese ganze Stimmung.

Getreu dem Motto ‚das wird man wohl noch sagen dürfen‘ werden inzwischen immer mehr Dinge laut ausgesprochen, die eigentlich beleidigend und taktlos sind.“ Eltern fühlten sich deswegen auch zunehmend orientierungslos. Wie man es mache, mache man es gefühlt verkehrt.

Sollten stillende Mütter einfach zu Hause bleiben?

Auch der aus dem Café Brenner gewiesenen Mutter, Ilana Miller, ließ die Frage, was die Café-Besitzer so gestört haben könnte, keine Ruhe. Sie ging noch einmal ins Café zurück, um das Gespräch mit der Chefin zu suchen. „Als Antwort hieß es dann, wir sollten eben in ein anderes Café gehen oder draußen stillen“, berichtet Miller. Man könne ja rechtzeitig nach Hause gehen. Früher habe man das auch so gemacht.

„Man kann nicht voraussagen, wann ein Kind gestillt werden muss“, sagt aber Ulrike Lau-Rollbühler vom Hebammenverband. „Man kann sich jetzt nicht einfach in ein Café setzen und sich sagen, so lange stillt man das Kind nicht.“

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„Man kann schon rechtzeitig zu Hause sein, um das Kind dort zu stillen“, räumt Ilana Miller allerdings selbst ein. „Aber eben nur dann, wenn es einem nichts ausmacht, dass das Kind weint. Und wenn man es so lange weinen lässt, bis man zu Hause ist.“

2017 führte das Unternehmen „Lansinoh“ eine internationale Stillstudie durch, bei der 12.087 Frauen aus neun Ländern, darunter 1.002 deutsche Frauen befragt wurden. 20 Prozent der Befragten gaben an, dass sie das Thema Stillen in der Öffentlichkeit mit negativen Gefühlen verbinden. Dabei sahen 47 Prozent der befragten Frauen Stillen in der Öffentlichkeit als etwas Natürliches an. In Deutschland berichtete mehr als ein Fünftel der Befragten, dafür schon einmal kritisiert worden zu sein.

Auf einen Nenner kamen Ilana Miller, Berlinde Schmitt und die Chefin des Café Brenner an jenem Tag im Dezember nicht mehr. „Man hat gemerkt, dass es keine wirkliche Gesprächsgrundlage gibt“, sagt Miller. „Da ging es eher um ein Abgrenzen. Es war mir wichtig, auszudrücken, dass ich so nicht behandelt werden möchte.“

Dass sich Menschen von stillenden Müttern gestört fühlen könnten, könne sie sich sogar vorstellen.  Aber dann müsse man eben rechtzeitig kommunizieren, dass Stillen an diesem Ort nicht erwünscht sei. „Dann wären wir in ein anderes Café gegangen“, sagt Miller.

Welche Rechte haben stillende Mütter – und welche nicht?

Von rechtlicher Seite gibt es kein Gesetz, das das Stillen in der Öffentlichkeit genau regelt. Es ist „weder ausdrücklich verboten, noch ausdrücklich erlaubt“ heißt es in einem Bericht zur „Zulässigkeit des Stillens in Cafés und Gaststätten“ des Deutschen Bundestags.

„Im Grundsatz“ hätte ein Gastwirt zwar die Möglichkeit „in der Ausübung seines Hausrechts der stillenden Mutter ein Hausverbot zu erteilen“. Dem könnten aber „Diskriminierungsverbote entgegenstehen.“ Ein Hausverbot wegen des Stillens eines Säuglings treffe nämlich „stets den weiblichen Elternteil und damit Frauen.“ Es gibt aber zwei Ausnahmen.

Zum einen kann ein Hausverbot durch einen Gastwirt dann gültig sein, wenn noch kein „Bewirtungsvertrag“ mit dem Gast zustande gekommen ist – also noch keine Bestellung aufgenommen wurde. Wenn der Gastwirt den Gast zu diesem Zeitpunkt darauf hinweist, dass Stillen im Café nicht erwünscht ist, ist dieses Hausverbot rechtlich gültig.

Außerdem darf ein Gastwirt dann ein Hausverbot aussprechen, wenn er „begründete Sorge haben muss, dass sich andere Gäste (…) durch den Anblick des Stillvorganges in ihrem Schamgefühl berührt sehen, sich entsprechend unwohl fühlen, eventuell die Gaststätte verlassen oder gar nicht erst betreten.“ Denn man werde „von einem Gastwirt nicht verlangen können, auf (…) Gäste zu verzichten, die nicht bereit sind, in einer Gaststätte neben einer stillenden Mutter zu speisen.“

Fotografin Michèle Heinekamp will mit ihrem Projekt „Mama stillt“ für mehr Sensibilität in der Gesellschaft für stillende Mütter werben. Die Mütter, die sich bei den Gruppenshootings bisher beteiligten, kamen aus Karlsruhe, Mannheim, Landau und Mainz. Auch 2020 soll es wieder ein Fotoprojekt geben.

Öffentliches Stillen: ein Grundbedürfnis?

Einen Hinweis darauf, dass das Stillen im Café Brenner nicht erwünscht ist, haben Miller und Schmitt nicht erhalten, sagen sie. „Das wurde beim Bestellen nicht thematisiert. Auch, dass wir Babys dabei haben, wurde nicht kommentiert“, erinnert sich Miller.

Dass sich andere Gäste durch das Stillen gestört gefühlt haben, glauben die beiden Mütter ebenfalls nicht. „Die Menschen von den Nachbartischen haben sich sogar mit uns unterhalten und mit den Babys geschäkert“, erinnert sich Berlinde Schmitt.

An den Pranger wolle sie aber niemanden stellen, sagt Miller. „Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Stillen etwas Natürliches ist. Es ist nichts, wo man extra hingucken muss und nichts, wo man weggucken muss.“ Grundbedürfnisse eines Babys sollten einfach gestillt werden dürfen. Egal, wo sie aufkommen.