Die Friedenskirche in Karlsruhe wurde 1948/49 als Notkirche nach Plänen von Otto Bartning gebaut. | Foto: abw

Architekt der Notkirchen

Wie ein Zelt in der Wüste: Ausstellung über Otto Bartning in Karlsruhe

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Deutschland 1945. Viele Städte gleichen Trümmerlandschaften. Millionen Menschen sind obdachlos. Flüchtlinge suchen eine neue Heimat. Dazu gehört für viele: eine Kirche. Doch das einzige, was es im Überfluss gibt, ist Schutt. Warum nicht daraus neue Gotteshäuser bauen? Der Architekt Otto Bartning entwickelt für das Evangelische Hilfswerk ein Notkirchen-Programm: Seriell herstellbare Holzkonstruktionen sind die Lösung. In sie können die Gemeindemitglieder das überall vorhandene Trümmermaterial verbauen.

Der Erfinder der Notkirchen

48 solcher Notkirchen sind in Deutschland entstanden. Eine davon in Bartnings Heimatstadt Karlsruhe: die Friedenskirche. Jetzt würdigt eine Ausstellung in der Städtischen Galerie das Lebenswerk des Mannes, der über seinen hohen künstlerischen Anspruch nie die Menschen vergaß: Seine Bauten sollten ihren Bedürfnissen entsprechen, ihre Akzeptanz war ihm wichtig. „Otto Bartning (1883-1959). Architekt einer sozialen Moderne“ heißt die Schau.  Sie ist bis 22. Oktober 2017 zu sehen.

Otto Bartning – Schlüsselfigur des Wiederaufbaus

Bartning war ein „Großer“. Einer, der der Baukultur des 20. Jahrhunderts seinen Stempel aufdrückte. Ein Reformer, der die grundlegenden Ideen des Bauhauses in Weimar mitentwickelte. Einer, der nach dem Ersten Weltkrieg den Kirchenbau revolutionierte. Der Aufsehen erregende Sakral-, Kultur-, Sozial- und Wohnbauten in ganz Deutschland sowie im europäischen Ausland plante. Eine Schlüsselfigur des deutschen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem ist er bislang außerhalb der Architektenszene eher wenig bekannt.

Zankapfel Franz-Rohde-Haus

In Karlsruhe hat der Streit um das Franz-Rohde-Haus, ein Pflegeheim in Mühlburg, sein Gedächtnis belebt: Der Bartning-Bau von 1938 sollte abgerissen werden, die Genehmigung der Stadt lag bereits vor. Jetzt sucht man aufgrund von Bürgerprotesten eine neue Lösung. Und Oberbürgermeister Frank Mentrup zeigt sich in der Ausstellung sicher, dass man sie finden wird: „Die Bereitschaft zu Gesprächen ist da, das ist das Wichtigste“, sagt er.

Drei Kirchen von Otto Bartning in Karlsruhe

Neben dem Altenheim hat Otto Bartning in Karlsruhe drei Kirchen hinterlassen. Die Markuskirche am Yorckplatz war die erste. Als Bartning sie plante, waren schon die Nationalsozialisten am Ruder. Robert Wagner, der NSDAP-Gauleiter von Baden, tobte angesichts der Wettbewerbsentwürfe, erzählt Kuratorin Sandra Wagner-Conzelmann. Das Gebäude sei „bolschewistisch“. Es habe „Fabrikhallenarchitektur“. Es passe nicht zu Karlsruhe. Otto Bartning konterte. Er verwies auf Parallelen zu Bauten von Friedrich Weinbrenner, dem großen badischen Baumeister des Klassizismus. Bartnings Pläne wurden umgesetzt.

„Zelte in der Wüste“

Nach dem Krieg entstand die Friedenskirche im Weiherfeld, eine Notkirche vom Typ B. Ihre Sandstein-Fassaden bestehen aus Trümmern des Karlsruher Rathauses. Die Gemeindemitglieder packten beim Bau kräftig mit an. Bartning betrachtete die Notkirchen nicht als Notbehelf, so Wagner-Conzelmann. Für den Architekten waren das würdige, dauerhafte Lösungen. Und zugleich Ausdruck der inneren und äußeren Not ihrer Zeit. „Zelte in der Wüste hat er sie genannt“, sagt die Bartning-Expertin von der TU Darmstadt.

Friedenskirche ohne Turm

Das Bild passt auch deshalb so gut zur Friedenskirche im Weiherfeld, weil sie damals keinen Turm hatte. Er wurde erst 1962 vom Architekten Erich Rossmann ergänzt. Die 1958 bis 1960 errichtete Thomaskirche in Daxlanden – Bartnings letzter Sakralbau – orientierte sich in ihrer Gestaltung ebenfalls an den Notkirchen.

Otto Bartning setzt auf „schlichte Einfalt“

Otto Bartning verabscheute den überladenen Historismus der Kaiserzeit. Schon früh setzte er bei Sakralbauten auf „schlichte Einfalt“. Wie spektakulär solche Kirchen trotzdem sein konnten, wird dem Besucher der Städtischen Galerie etwa mit einem Modell der expressionistischen „Sternkirche“ vor Augen geführt. Der Entwurf von 1922 wurde zwar nie realisiert. Aber er stellte ein Fanal in der Reform des evangelischen Kirchenbaus dar.

Eine Ausstellung zu seinem Lebenswerk

Die Ausstellung, die bereits in Berlin zu sehen war und ab November in Darmstadt gezeigt wird, würdigt nicht nur Bartnings Bauten. Auch seine Leistungen als Theoretiker, Inspirator, Kritiker, Schriftsteller und Berater werden beleuchtet. Zeichnungen, Fotografien, Modelle, Tonaufnahmen und Filme dokumentieren sein Lebenswerk. Speziell für die Schau in der Städtischen Galerie wurde die Präsentation um rund 100 Exponate mit Karlsruher Bezug erweitert.

Erfolg ohne Hochschulabschluss

Aus dem privaten Nachlass von Otto Bartning, den seine Witwe der TU Darmstadt übergab, stammen Bilder aus seiner Kindheit in der Fächerstadt. Auch Objekte, die an seine Studienzeit in Berlin und Karlsruhe erinnern, sind ausgestellt. Otto Bartning hat die Hochschule allerdings ohne akademischen Abschluss verlassen. Denn 1905 arbeitete er bereits an einem ersten Bauauftrag, dem rasch weitere folgten. „Es sind so viele unverbrauchte Kräfte in mir und drängen mich nach Arbeit und Leistung …“, schrieb der Architekt einer sozialen Moderne in sein Tagebuch.

Otto Bartning (1883-1959). Architekt einer sozialen Moderne. Bis 22. Oktober 2017 in der Städtischen Galerie Karlsruhe. Entstanden in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste Berlin, der Wüstenrot-Stiftung, dem Institut Mathildenhöhe und der Technischen Universität Darmstadt.
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