Blick auf das Badische Staatstheater Karlsruhe. | Foto: Uli Deck/Archiv

Staatstheater-Projekt

Wie lässt sich Heimat beschreiben?

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Ein Mann und eine Frau schlendern den Werderplatz entlang. Es ist 2016, Mitte Oktober. In der Karlsruher Südstadt steht die Forschungsstation des Projekts »Inschrift Heimat«, welches das Staatstheater Karlsruhe realisiert. Schon seit ein paar Tagen forscht hier ein kleines Team aus Theaterschaffenden zum Thema Heimat(en) in Karlsruhe und befragt Passanten, lädt sie zum Gespräch ein.»Heimat ist, wo die Liebe ist.«

»Heimat ist, wo die Liebe ist.«

Gerade sind sie dabei, hellblaue Zettel von außen an die Forschungsstation zu heften. Aus den bereits geführten Interviews hat das Team besonders prägnante Aussagen oder Definitionen rund um den Heimatbegriff gesammelt. Der Mann und die Frau bleiben stehen, lesen sich einige Zettel durch. »Warum kann ich nicht sehen, wer das gesagt hat?«, fragt der Mann. Zwei Projektbeteiligte erklären, dass nicht alle Gesprächspartner wünschen, in der Weiterverarbeitung des gesammelten Materials genannt zu werden. Der Mann stellt sich vor: Jojo heißt er. Und er erklärt sich bereit, ein Interview zu geben. »Aber nur, wenn dann mein Name dabeisteht«, sagt er und verspricht wiederzukommen. Am Folgetag betritt er die Forschungsstation und bringt dem Team ein Rezept für Garnelenreis und die Verpackung einer Curry-Gewürzmischung aus seinem Herkunftsland Indien mit. Aber ist Indien auch seine Heimat? Jojo erklärt: »Heimat ist, wo die Liebe ist. Und meine Liebe, meine Lebensgefährtin, ist hier in Karlsruhe. Meine Liebe ist aber auch in Indien, wo meine Familie herkommt. Doch ich fühle mich wohl hier – ich habe meine Freundin, meinen Bekanntenkreis und meine Musik. Beim Musikforum Durlach spiele ich Schlagzeug und seit zweieinhalb Jahren fühle ich mich da geborgen.« Jojo teilt außerdem Kindheitserinnerungen mit dem künstlerischen Forschungsteam, spricht von Fußball und der Zubereitung des Garnelenreises. Er verabschiedet sich herzlich. Das Team zieht sich zurück und bereitet das Interview nach.

»Heimat ist, wo ich mich geliebt fühle«

Es ist Februar 2017, die Forschungsstation steht auf dem Alten Schlachthof in der Oststadt. In der Forschungsstation sitzt eine Gruppe von Menschen: Friedrich Greilig, Musiker aus Berlin, und Felicitas Wetzel, Soundkünstlerin aus Karlsruhe, stellen diesmal die Fragen zum Themenkomplex Heimat. Aus den Interviews produzieren sie Klangcollagen und Lieder. Marco kommt aus Spanien und besucht mit seiner Freundin die Forschungsstation. »Heimat ist, wo ich mich geliebt fühle – von Freunden, von der Familie. Also nicht ein bestimmter Ort, sondern die Leute sind es. Ohne Liebe kann niemand Heimat finden. Ich habe Liebe gefunden. Sie sitzt neben mir!« Seine Freundin lacht. Marco arbeitet als Ingenieur in einer Firma in Ettlingen und ist seit knapp zwei Jahren in Karlsruhe. Er berichtet von einer handgreiflichen Auseinandersetzung in einer Karlsruher Kneipe: Ein Freund, der gebürtig aus Mexiko stammt, wurde von einer Gruppe junger Männer als Ausländer beschimpft. Nach einem kurzen Streitgespräch ging einer der Männer aus der Gruppe auch auf Marco los. Dabei verletzte sich Marco mit der Hand an einem Glas. Dreimal wurde er operiert und kann den betroffenen Finger seither nicht mehr beugen: »Aus Spanien kenne ich sowas nicht. Ich gehe aber immer noch in diese Kneipe!« Und auch in Karlsruhe möchte er bleiben.

Inschrift Heimat-Projektinitiatorin Beata Anna Schmutz im Gespräch:

Liebe Beata Anna Schmutz, zum Einstieg bitte einmal mit den Worten der Initiatorin selbst: Was genau ist INSCHRIFT HEIMAT?

Dahinter verbirgt sich ein Projekt des Staatstheaters, genauer gesagt der Sparte Volkstheater. Mein Team und ich wollen als Künstler gemeinsam mit der Stadtgesellschaft darüber nachdenken, was Heimat im Hier und Jetzt bedeutet. Und damit meinen wir konkret: 2017 in Karlsruhe.

Wie kann man sich diesen gemeinsamen Denkprozess vorstellen?

Zunächst einmal sind wir seit Oktober vergangenen Jahres mit unserer Forschungsstation im Stadtraum unterwegs. Wir besuchen Karlsruher an den Orten, wo sie auf verschiedenste Weise beheimatet sind. Bislang waren wir in der Südstadt, in Oberreut, auf dem Schlachthofgelände und dem Schlossplatz in Durlach. Im Mai werden wir abschließend noch in Palmbach Halt machen. Wir befragen, sehen uns um, hören zu und untersuchen künstlerisch, was uns bei dieser Art von Feldforschung begegnet.

Lassen sich beispielhaft konkrete »Fundstücke« benennen?

Da verstärkt die Methode des Interviews zum Einsatz kommt, würde ich in erster Linie von Geschichten sprechen, die uns geschenkt werden. Genauso aber auch Objekte als Repräsentationen von Heimat: Bilder, Kleidung, Steine oder Lebensmittelverpackungen – war alles schon dabei. Man muss sich ja nur selbst fragen, was man mit Heimat verbindet! Die meisten kommen basal zunächst bei Gerüchen, beispielsweise von bestimmten Gerichten, Geräuschen oder Liedern aus. Aber natürlich spielt auch Sprache eine sehr große Rolle. Erst recht, wenn Heimat aus der Ferne definiert wird.

Sie selbst kommen gebürtig aus Polen. Was käme dabei heraus, wären Sie selbst Gast in Ihrer Forschungsstation?

Gute Frage … Ich würde früher oder später sicher von Möwengeschrei sprechen! Da bin ich gedanklich sofort zuhause in Danzig am Meer. Und in meinen Arbeiten als Regisseurin merke ich immer wieder, welch große Bedeutung die polnische Sprache für mich hat. Ich arbeite nun mal mit Sprache und wechsle dauernd hin und her. Manchmal überprüfe ich Gedanken im Polnischen.

Zurück zum tatsächlichen Material, wie verfahren Sie mit dem Gesammelten?

Zum Abschluss der einzelnen Episoden betreiben wir immer gleich vor Ort eine künstlerische Ergebnissicherung: In kleinen Abschlusspräsentationen halten wir fest, was uns beim Ordnen des Materials auffällt. Auf dem Schlachthofgelände ist dabei beispielsweise eine begehbare Soundinstallation entstanden. Thematisch kreiste die um Stichworte wie Grenzen oder vielmehr begrenzte Möglichkeiten. Die Idee entstand aufgrund einer Frage, die uns dort verstärkt begegnete: Inwiefern kann es überhaupt gelingen, eine zweite Heimat zu finden?

Das Ergebnis können also auch Fragen sein?

Unbedingt! Wir wissen doch vorher nicht, was am Ende herauskommt. Allein schon, weil ich die partizipatorische Vorgehensweise absolut ernst nehmen will. Wir gehen ohne vorgefertigtes Konzept an die Sache heran. Und das fällt nicht immer leicht! Ich empfinde es als Herausforderung, mich erst einmal nur auf das unbekannte Terrain einzulassen, bestehende Theorien zu hinterfragen und wirklich erst am Ende eines Forschungsaufenthalts das zugehörige passende Format zu entwickeln.

Dennoch die Frage: Was für ein Ergebnis steht im Idealfall am Ende des Projekts?

Ich sag’ mal so, sicher abzusehen ist zu diesem Zeitpunkt nur eines: Am Ende holen wir die Stadtgesellschaft wieder ins Staatstheater zurück. Karlsruher, ihre Geschichten und das, was wir in den verschiedenen Stadtteilen glauben erforscht zu haben, werden im Juni und Juli die Bühne des Großen Hauses füllen. Vieles andere ist noch offen!