KIT-Professorin Caroline Kramer untersucht den alltäglichen Zeitaufwand für Mobilität in Deutschland.
Caroline Kramer, Professorin am Karlsruher Institut für Technologie, untersucht den alltäglichen Zeitaufwand für Mobilität in Deutschland. | Foto: Philipp Kungl

Caroline Kramer vom KIT

Wie viel Zeit kostet uns die Mobilität?

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Manche Wege sind ganz schön lang, andere kann man bequem zu Fuß erledigen. Aber wie viel Zeit geht eigentlich für unsere alltägliche Mobilität drauf? Welche Faktoren spielen eine Rolle, wenn wir ein Verkehrsmittel auswählen? Ist die Zeit, in der wir unterwegs sind, wirklich verloren? Und wie kann man eine Großstadt „zeitgerecht“ gestalten? Solchen Fragen geht die KIT-Professorin Caroline Kramer nach.

Von Philipp Kungl

„Wie weit ist dein Heimatdorf denn von Karlsruhe entfernt?“ –  „Das ist ganz nah, ich brauche nur etwa 15 Minuten mit dem Auto.“ Der Faktor Zeit spielt in unserem Alltag eine wichtige Rolle, sei es im Beruf oder in der Freizeit. Selbst räumliche Entfernungen geben wir häufig nicht in Kilometern, sondern in Minuten oder Stunden an. Tatsächlich investieren Menschen einige Zeit in die Mobilität – der Pendler verbringt täglich viele Stunden im Auto oder im Zug, der Hobbykicker reist am Wochenende zu den Sportplätzen der Region.

Rechnen in Stunden statt in Kilometern

Genau diesen alltäglichen Zeitaufwand untersucht  Caroline Kramer. Die Professorin ist Lehrstuhlinhaberin für Humangeographie und Geoökologie am Karlsruher Institut für Technologie. Grundlage ihrer Forschung waren zunächst zwei Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamts von 1991/92 und 2001/02, die sie ausführlich analysierte.

Im Schnitt mehr als zwei Stunden am Tag unterwegs

„Eigentlich waren die Studien gar nicht darauf ausgelegt, die aufgewendete Zeit für Fahrtwege wiederzugeben“, erinnert sich Caroline Kramer. Doch ihre Ergebnisse gaben dem „Nebenprodukt“ der Studie Recht: Von etwa einer Stunde Zeitaufwand für die alltäglich zurückgelegten Wege war die Forschung jahrelang ausgegangen – auf 136 Minuten pro Tag kam Kramer bei der Studie von 2001/02. „Meine Analyse führte außerdem zur These, dass die für Mobilität aufgebrachte Zeit sowohl sozial als auch räumlich ungleich verteilt ist“, berichtet Kramer.

Die Tücken der Großstadt

Auch Orte tragen stark zu Unterschieden im täglichen Zeitaufwand der Menschen bei. „In der Großstadt geht durch Staus reichlich Zeit verloren und auch das viel größere Angebot erhöht den Zeitaufwand“, sagt sie. So müssten etwa Mütter ihre Kinder bei einer großen Auswahl an Vereinen mitunter zu verschiedenen Orten fahren – „Taxi Mama“ im Dauereinsatz. Ideal in dieser Hinsicht sei eine kleine Stadt außerhalb der Ballungsräume. „Im Vergleich zum Dorf hat man dort alles, was man braucht, gleichzeitig aber eine geringere Auswahlmöglichkeit als in der Großstadt“, sagt Caroline Kramer. Gibt es nur einen Verein in der Nachbarschaft, müssten die Kinder dorthin nicht zwingend begleitet werden: Es wird effektiv Zeit eingespart.

Ein eigenes Auto? – Das ist für viele junge Leute kein Muss mehr

Bei der Wahl der Verkehrsmittel spielt der Öffentliche Personennahverkehr gerade in der Großstadt eine entscheidende Rolle. Professorin Kramer macht hier einen kulturellen Wandel aus. „Der bisher übliche Wunsch junger Leute nach einem Auto ist geradezu hinfällig, sie brauchen es schlichtweg nicht mehr zwingend“, meint sie. Als Statussymbol fungiere da inzwischen mehr das neueste iPhone. Für ihre Freizeitaktivitäten nutzten die jungen Leute lieber die öffentlichen Verkehrsmittel.

Verlorene Zeit?

Interessant ist auch die Qualität der aufgewendeten Zeit, denn diese muss nicht zwangsläufig ein Verlust sein. Dazu wurden Interviews geführt. „Eine Mutter genoss beispielsweise die Fahrzeit vom Kindergarten zur Arbeit, denn da war sie einmal am Tag ganz für sich“, erzählt Caroline Kramer. Sie plädiert für ein bewussteres Verständnis von Zeit. „Zeit wird zu oft unter dem Druck der dauernden Verwendung betrachtet und nicht als Qualität des Lebens“.

Diese Qualität wissen vor allem sogenannte „multilokale Haushalte“ zu schätzen – etwa wenn ein Arbeitnehmer in einem anderen Ort wohnt als seine Familie. Vieles laufe dann anders, es entwickelten sich mitunter neue Routinen, so Caroline Kramer. „Durch die virtuelle Mobilität – zum Beispiel mit Skype – kann da schon viel aufgefangen werden, aber sein Kind in den Arm nehmen, kann der auswärts arbeitende Monteur damit noch nicht.“

Caroline Kramer und die „zeitgerechte Stadt“

In ihrem aktuellen Forschungsthema wirbt Caroline Kramer für eine „zeitgerechte Stadt“. Wie gestalten sich die Wegzeiten je nach Wohnviertel? Wie lange sind die Grünphasen der Ampel? Alltägliche Fragen, die auch ältere Menschen beschäftigen.

In Karlsruhe läuft manches schon ganz gut

„Die Herausforderung ist es, auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen“, stellt Caroline Kramer klar. Wer schnell ans Ziel möchte, für den sind Turbobuslinien gut. Für Outdoorfans bieten sich Fahrradschnellwege an. „Die verschiedenen Mobilitätsformen müssen in Zukunft flexibler sein und zunehmend vernetzt werden“, so Kramer. In Karlsruhe etwa laufe das Carsharing oder der schnelle Zugang zu Leihrädern schon ganz gut. „Vieles ist jedoch noch Vision“, meint die Professorin.