Nach sieben Wochen sieht Gustav Katzenmaier Tochter und Schwiegersohn wieder. Das AWO-Seniorenzentrum Knielingen ermöglicht die Begegnungen mit Abstand am Gartenzaun oder in einem Besucherraum. | Foto: Hora

Bewohner sehen Angehörige

Wieder Besuch im Pflegeheim: „Das ist wunderschön“

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Am Gartenzaun, in Zelten, in Räumen: Nach Wochen sehen Pflegeheim-Bewohner ihre Angehörigen wieder. Die Treffen sind überaus wichtig, sagt ein Psychologe – ansonsten könnten alte Traumata hochgespült werden. Ein Wiedersehen am Seniorenzentrum Knielingen.

„Ich habe heute Nacht nicht schlafen können.“ Gustav Katzenmaier sitzt auf einem Stuhl im Außenbereich seines Seniorenzentrums, neben ihm ein rundes Tischchen mit einer Blumenvase. Vor ihm stehen seine Tochter und sein Schwiegersohn. Katzenmaier begegnet ihnen nach sieben Wochen wieder.

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Nur ein Absperrband und ein Gartenzaun trennen sie. „Und jetzt sehe ich euch nicht“, sagt Katzenmaier. Mit 96 Jahren hat er seinen Humor nie eingebüßt, dafür große Teile seines Augenlichts und Gehörs. „Ich brauche meine Brille aber nicht – die ist nur Dekoration“, sagt er.

Neue Regelung ab dem 18. Mai

An zwei Tagen in der Woche bringt ihm seine Tochter Inge Nerlich Landjäger, Erdnüsse, Trauben, jeden Tag telefonieren sie. Doch keine Lieblingsspeise und kein Anruf können ein Wiedersehen ersetzen. „Das ist mehr als schön“, sagt Katzenmaier. „Das ist wunderschön.“

So wie hier für das Seniorenzentrum der AWO in Knielingen ist es für viele Einrichtungen derzeit wichtig, Begegnungen im Freien zu ermöglichen. Ab 18. Mai sind Besuche in den Gebäuden selbst, in Alten- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern, wieder erlaubt.

Manche Senioren kommen ohne die Besuche kaum aus

Seit Mitte März konnten sich Bewohner und Angehörige nicht mehr besuchen. Depressionen, Gewichtsverlust, Teilnahmslosigkeit – manche der Bewohner kommen ohne die Besuche kaum aus. Andere, das gehört zur Wahrheit, bemerken mit ihrer Demenz gar nicht, dass die Besuche ihres Lebenspartners ausbleiben.

Nur am Telefon – das ist nichts.

Inge Nerlich, Angehörige

Inge Nerlich besucht nach ihrem Vater noch ihre Mutter. Die 91-Jährige ist dement und sitzt im Rollstuhl. Für diese Besuche hat die AWO einen eigenen Raum eingerichtet. Eine einziehbare Wand trennt den Raum, nur in der Mitte ist Platz für eine Plexiglasscheibe. Wenn hier eine leise Stimme auf ein schlechtes Gehör trifft, wird es schwer.

Die Kommunikation über die Plexiglasscheibe hinweg ist nicht leicht. Doch alleine das Wiedersehen bringt Angehörigen und Bewohnern viel. | Foto: Hora

Inge Nerlich sagt aber: „Nur am Telefon – das ist nichts.“ Mit der Corona-Krise sei die Verbindung schlagartig gekappt worden. „Bei unseren Besuchen kommt es nur darauf an, dass wir da sind.“ Sie möchte sobald wie möglich wieder kommen.

Psychologe: Kriegserfahrungen können nun eine Rolle spielen

Die lange Zeit ohne Kontakt hat bei manchen der Senioren schon Spuren hinterlassen. „Im Durchschnitt ist das für die Bewohner ein zu langer Zeitraum gewesen“, sagt der Karlsruher Psychologe Horst Köster. Aufgrund seiner Erfahrungen als Berater in der Altenhilfe weiß Köster, dass jeder Bewohner anders mit seinem Leben in der Einrichtung umgeht. „Manche können gut damit leben, mit dem Enkel nur zu telefonieren. In einzelnen Fällen sind die Menschen aber verzweifelt.“

Generationen, die Krieg erlebt haben, hätten alte Belastungen, die zum Vorschein kommen können. „Ablenkung und Kontakt helfen, um das in der Seele unten zu halten – wenn das fehlt, spült es tieferliegende Störungen schneller nach oben“, sagt Köster.

Briefe oder aktuelle Fotos können helfen

Ohnehin würde im Alter mit abnehmender körperlicher Leistungskraft die Gefahr von Depressionen zunehmen. „Man geht davon aus, dass nahezu 30 Prozent der Menschen über 75 Jahren depressive Störungen aufweisen.“

Es hilft alles, was den Menschen deutlich macht: Wir lassen dich nicht alleine.

Horst Köster, Psychologe

Wie es den Bewohnern gehe, hänge auch davon ab, wie nahe Freunde und Familien sind. Auch mit eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten gebe es Lösungen, wie Köster betont. „Es hilft alles, was den Menschen deutlich macht: Wir lassen dich nicht alleine.“ Als solche Zeichen könnten auch Briefe oder aktuelle Fotos dienen, die man dem Bewohner zukommen lässt.

Treffen auf der Terrasse

Manche Einrichtungen setzen auf Zelte vor dem Gebäude, in denen Begegnung möglich ist. Andere Pflegeheime können Besuche weiterhin nicht ermöglichen. Beim Seniorenzentrum Neureut können sich Bewohner und Angehörige auf Terrassen sehen, mit zwei Metern Abstand. Zudem soll nun der Speisesaal zum Besucherraum umfunktioniert werden.

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„Solange das Wetter gut ist, wollen wir so viel wie möglich draußen machen“, sagt Heimleiterin Elke Juretzky. Erstaunlicherweise seien die Bewohner über Wochen „freiwillig auf den Zimmern geblieben und fühlten sich nicht abgeschoben“. Doch die Besuche nun seien wichtig. „Telefon ist das eine – sich aber zu sehen, ist was anderes.“

Schutzkleidung bleibt im Zoll hängen oder wird weggekauft

Wer die Einrichtung betritt, bekommt einen Schutzanzug sowie eine Mundschutzmaske. „Wir sind jetzt sehr gut aufgestellt, aber wir haben auch überall eingekauft.“ Etwa 30.000 Schutzmasken für fünf Einrichtungen. „Wir wissen noch nicht, wer die Schutzkleidung bezahlt – Angehörige oder wir?“

Die Heime haben ausreichend Schutzkleidung geordert – aber auch erlebt, dass Container beim chinesischen Zoll hängen bleiben oder aus den USA weggekauft werden.

Dafür entspannt sich nun die Lage, was Besuche angeht. Bislang, so hieß es in der Landesverordnung, durften Bewohner nur besucht werden, „wenn anderenfalls körperliche und seelische Schäden durch eine soziale Isolation drohen“. Auch in der Palliativpflege ermöglichten viele Einrichtungen Besuche.

Altenpfleger: „Das ist zu stemmen“

Ab 18. Mai sind Besuche generell wieder erlaubt. Bis dahin sollen sich die Einrichtungen darauf vorbereiten können. Bewohner dürfen die Einrichtung auch ohne triftigen Grund verlassen. Sie müssen nach ihrer Rückkehr in Gemeinschaftsräumen allerdings 14 Tage lang eine Maske tragen.

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Die Begegnungen empfindet auch ein Altenpfleger aus dem Raum Karlsruhe positiv. „So langsam ist der Lagerkoller ausgebrochen“, sagt er. Nun würden Besuche ermöglicht oder auch gemeinsame Spaziergänge von Bewohnern und Angehörigen. „Für uns ist das zu stemmen“, sagt der Altenpfleger. Und zuletzt konnte eine Dame an ihrem runden Geburtstag doch einen Gast empfangen.