Die Europäische Wildkatze ist das Wildtier des Jahres 2018. | Foto: F. Erichsen/dpa

Etliche Nachweise am Oberrhein

Die Wildkatze – mit Grüßen von „Hänsel und Gretel“

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Die Europäische Wildkatze wurde von der Deutschen Wildtier-Stiftung zum „Wildtier des Jahres 2018“ ernannt – was für unsere Region besonders erfreulich ist. Das nachtaktive Tier geht zwar stets „in Deckung“ und wird daher von Menschen nur selten beobachtet. Doch der scheue Jäger, der zwischenzeitlich fast ganz aus Deutschland verschwunden war, lebt nachweislich wieder am Oberrhein.

Von Patricia Klatt

„Bereits im Mai 2009 wurden im Wald bei Bühl in Baden zwei junge Wildkätzchen von einer Joggerin mitgenommen, die sie für verwaiste Hauskätzchen hielt. Die beiden kamen zunächst in die Obhut des Bühler Tierschutzvereins, blieben dort aber auffällig scheu und aggressiv, so dass wir dann vermuteten, dass es Wildkatzen sein müssten“, erinnert sich Andreas Wahl aus Scherzheim. Er war damals der behandelnde Tierarzt. „Ich habe Haar- und Blutproben der beiden zur genetischen Untersuchung an die zuständige Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg geschickt“, erzählt Wahl.

„Hänsel und Gretel“ in der Rheinebene ausgesetzt

Sein Verdacht habe sich bestätigt. Der Fund sei damals der erste Reproduktionsnachweis der Wildkatze in Baden-Württemberg gewesen. Die beiden kleinen Katzen erhielten die Namen „Hänsel und Gretel“. Sie wurden in der Eifel von Spezialisten „aufgepäppelt“. Dann versah man sie mit einem GPS-Sendehalsband  und ließ sie  im Oktober 2009 wieder in der Rheinebene frei.

Foto-Fallen und Baldrian-Lockstäbe

Seither verfolgt Dieter Borck aus Bühl im Auftrag der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt  (FVA) die Wanderungen der beiden Wildkatzen. „Ich habe die Daten der GPS-Sender damals einmal pro Woche abgerufen“, sagt Borck. Dafür habe er allerdings in der Nähe der Katzen sein müssen, was dazu führte, dass er quasi dauernd unterwegs war. Durch Foto-Fallen und und Baldrian-Lockstäbe (an denen sich die Katzen reiben, dabei bleiben Haare am Holz haften, die im Labor dann genetisch untersucht werden können) weiß Borck, dass der Wildkater in der Rheinebene blieb.

Wildkatze „Gretel“ wandert gern

Die Katze hingegen ist sogar bis in die Vorbergzone gewandert – und wieder zurück. „Sie geht unter der Autobahn durch und überquert anschließend die Schienen. Bis jetzt hat das gut geklappt“, so Borck. Die Kooperation mit Jägern und Förstern funktioniere ebenfalls sehr gut, betont Borck. „Auch von dieser Seite bekomme ich immer wieder Bilder aus anderen Fotofallen zugeschickt.“

„Leider auch Totfunde“

Auch Andreas Wahl bekam in den vergangenen Jahren elf Wildkatzenfunde gemeldet, „leider sind auch Totfunde von überfahrenen Tieren dabei gewesen“, bedauert er.

Raum Karlsruhe/Rastatt zählt zu Hauptverbreitungsgebieten

In Baden-Württemberg wurde die Wildkatze bereits 2006/07 nachgewiesen. Seitdem führt die FVA im Auftrag des Ministeriums für Ländlichen Raum ein Wildkatzenmonitoring durch. Aktuell erarbeitet es einen Aktionsplan „Wildkatze“. Der Raum Karlsruhe/Rastatt zählt zu dem Hauptverbreitungsgebiet des Tieres in Baden-Württemberg.

Mehr Aufmerksamkeit für die Wildkatze

Durch die Wahl der Wildtier-Stiftung zum „Tier des Jahres 2018“ soll die Wildkatze mehr Aufmerksamkeit erhalten. Denn die streng geschützte Art ist auf Schutzmaßnahmen und den Erhalt naturnaher Wälder sowie hecken- und gehölzreiche Kulturlandschaften angewiesen. Auch Landwirtschaftsminister Peter Hauk unterstützt diese Bemühungen.

„Der Erhalt der biologischen Vielfalt ist eines der großen Themen unserer Zeit. Mit dem ‚Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt’ übernimmt Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung, wenn es darum geht, die Biodiversität zu erhalten und zu fördern“, so der Landwirtschaftsminister. Die Wildkatze gelte als Leitart für eine gute Vernetzung naturnah bewirtschafteter Wälder. „Das weitere Ausbreiten der Wildkatze im Land ist ein Beleg dafür, dass wir mit unserem Konzept der naturnahen Waldwirtschaft und unserem Generalwildwegeplan auf einem guten Weg sind“, meint Hauk.

 

Das Vorkommen der Europäischen Wildkatze in Baden-Württemberg Stand 2006-2016. Zum PDF anklicken! | Foto: FVA

Nachweise der Wildkatze

Aufgrund der Wiederentdeckung der Wildkatze (Felis silvestris silvestris) in Baden-Württemberg in den Jahren 2006 und 2007 und ihres hohen Schutzstatus nach nationaler und internationaler Gesetzgebung wurde ein Monitoring für diese Tierart initiiert. Damit beauftragt wurde die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA). Seither haben die FVA mit Hilfe der Wildtierbeauftragten der Landkreise (seit 2007 bis heute), der BUND (seit 2010 bis 2015) und die Wildforschungsstelle des Landes (2008 bis 2010) systematische Lockstockuntersuchungen in verschiedenen Gebieten durchgeführt sowie zufällige Funde wie Totfunde, lebende Tiere, Haarfunde, Fotos und Sichtbeobachtungen erfasst. Seit Beginn des Monitorings im Jahr 2007 konnten bis Oktober 2016 insgesamt fast 700 sichere Nachweise (ohne Telemetrie-Ortungen) erfasst werden.

Wer eine Wildkatze beobachtet, sollte sich an den Wildtierbeauftragten des Landkreises oder direkt an die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg wenden.

Und hier gibt es Informationen der Deutschen Wildtierstiftung über die Wildkatze.