Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (rechts) und der Rektor der Karlsruher Hochschule für Musik Hartmut Höll auf dem Campus One. | Foto: Artis-Uli Deck

Streitkultur in Demokratie

Winfried Kretschmann hielt in der Musikhochschule „Karlsruher Rede“

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Bläserklang und Hörnerschall: Ein zwölfköpfiges Ensemble stimmte mit einer Serenade von Antonín Dvořák auf Winfried Kretschmann ein. Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg sollte die „Karlsruher Rede“ halten. Die gilt seit ihrer Einführung im Jahr 2007 als jeweiliger Höhepunkt der Akademischen Feier, mit der die Musikhochschule Karlsruhe das Semester eröffnet.

„Wie streiten in der Demokratie?“ lautete das Thema des Grünen-Politikers, doch bevor er seine Überlegungen erörtern konnte, hatte ihm und dem Publikum Erwin Vetter ein praktisches Beispiel für das gegeben, was er, Kretschmann, später in seiner Rede einfordern sollte.

Warnung vor „falscher politischer Korrektheit“

Vetter ist der Vorsitzende des Hochschulrats, aber er kommt aus der Politik, saß unter anderem für die CDU im Stuttgarter Landtag und war Minister, als diese Partei noch nicht Juniorpartner der Grünen war. „Wir sind alte politische Gegner und sind tüchtig aneinandergeraten,“ bekundete er in Richtung des Ministerpräsidenten.

Aber trotz allen Streits hätten beide gewusst, dass sie mit Ernst und Herzblut für ihre Sache eintreten. Und so fügte Vetter hinzu: „Ich bedanke mich dafür, dass Sie mir diesen Eindruck vermittelt haben bis auf den heutigen Tag.“ Damit traf der 82-Jährige bereits den Nerv der Ausführungen Kretschmanns.

Plädoyer für zivilisiertes Streiten

Der Ministerpräsident zeigte sich als Befürworter des politischen Streits, allerdings müsse er in zivilisierten Bahnen verlaufen. Zu seinen Voraussetzungen gehöre eine klare Sprache. Sie müsse respektvoll und höflich sein, sollte sich aber falscher politischer Korrektheit enthalten. „Wir sagen Austeritätspolitik und meinen Sparen,“ beklagte er nicht zuletzt in Hinblick auf den eigenen Berufsstand.

Humor helfe viel

Den Philosophen Immanuel Kant zitierend und dessen Wort vom Menschen aufgreifend, der „aus krummem Holz“ geschnitzt sei, betonte Kretschmann: „Wir brauchen Puffer und Knautschzonen, um uns zu ertragen“. Auch Humor helfe viel – eine Eigenschaft, die ihm bei Populisten und Fanatikern noch nie begegnet sei. Zu den Denkern, auf die der Polit-Profi verwies, gehörte die von Kretschmann verehrte Hannah Arendt, die Politik als Zusammensein von Verschiedenen betrachtete, die sich frei als Gleiche begegnen.

Nicht woher jemand kommt, ist entscheidend, sondern wohin er will.

Der Ministerpräsident plädierte für Toleranz und: „Nicht woher jemand kommt, ist entscheidend, sondern wohin er will.“ Das war ein Satz, der an der Musikhochschule Karlsruhe eine besondere Note erhielt: Hier studieren 640 junge Frauen und Männer aus 50 Nationen, wie ihr Rektor Hartmut Höll hervorhob.

Seiner Überzeugung, dass Musik in all ihren Ausprägungen zu einer humanen Gesellschaft gehöre, verlieh er als eine Art Rosenkavalier Nachdruck. Denn zu dem Festakt gehörte auch die Verabschiedung der Absolventinnen und Absolventen, die neben ihren Urkunden eine rote Rose erhielten. Wie Kretschmann, dem Höll wünschte, dass er ihn spätestens 2021 als Ministerpräsident wiedersieht: Da feiert die Hochschule für Musik ihr 50-jähriges Bestehen.