Die Frau an der Spitze - nur eine spielerische Vision?I Zum Weltfrauentag fordern Expertinnen ein stärkeres gesellschaftliches Engagement für die Gleichberechtigung.
Die Frau an der Spitze - nur eine spielerische Vision?I Zum Weltfrauentag fordern Expertinnen ein stärkeres gesellschaftliches Engagement für die Gleichberechtigung. | Foto: dpa

Zum Weltfrauentag

„Wir Frauen sind zu freundlich!“

Woran liegt es, dass Frauen immer noch weniger lukrative Jobs und Chefsessel ergattern – obwohl die Mädchen in Schule und Studium längst an den Jungs vorbeigezogen sind? Elisabeth Zuber-Knost fallen auf diese Frage viele Antworten ein. Eine davon lautet: „Wir sind zu freundlich. Wir lächeln zu viel und legen dabei noch den Kopf schief!“

Zuber-Knost gehört selbst zwar eher zum Typ durchsetzungsfähige Frau, doch sie kennt sich aus mit dem Zögern und den Selbstzweifeln der bestens ausgebildeten Geschlechtsgenossinnen. Sie berät einige von ihnen als „Personal Coach“ und stärkt sie für Bewerbungsgespräche. Eine Situation erlebt sie immer wieder: „Frauen lesen Stellenanzeigen und erzählen mir dann, was sie alles nicht erfüllen“, sagt Zuber-Knost, die vor knapp 30 Jahren die erste Frauenbeauftragte der Universität Karlsruhe war und später Sprecherin des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). „Viele Frauen haben den Fokus auf ihren Unfähigkeiten statt auf ihren Fähigkeiten.“

Die renommierte Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler hat es einmal so ausgedrückt: „Männer sind in Konkurrenzsituationen im Vorteil, weil sie immuner gegen Selbstzweifel sind.“ Die Wissenschaftlerin befasste sich über Jahrzehnte sehr differenziert mit biologischen und sozialen Faktoren der Geschlechterunterschiede. Sie beschreibt, dass Männer Wettbewerbssituationen und Rangkämpfe in der Regel gar nicht als so stressig empfinden, sondern dass sie Freude daran haben – im Gegensatz zu den meisten Frauen.

Es hapert an Selbstvertrauen

An Selbstvertrauen und Eigenwerbung hapert es demnach also bei vielen Frauen, wie auch die Karlsruher Personaltrainerin feststellt. „Es ist mir noch nie untergekommen, dass eine Frau kommt und sagt: ,Mit 40 will ich die und die Position haben’“, erzählt Zuber-Knost, die deshalb Nachhilfe für die „Selbstvermarktung in Wissenschaft, Verwaltung und Öffentlichkeit“ anbietet – nicht nur für Frauen, sondern auch für die im Durchschnitt ehrgeizigeren Männer.

Eines ihrer Lieblingsthemen sind die unterschiedlichen Sprachregelungen von Männern und Frauen. Typische Frauensätze beginnen für sie so: „Könnten wir eventuell ..?“, „Ich hätte da noch einen kleinen Vorschlag …“. Zuber-Knost spricht lebhaft, rauft sich die Haare, wenn sie solche Frauen-Aussagen aus Firmenbesprechungen zitiert. „Es ist wichtig, klare Ansagen zu machen“, fordert sie. „Anstatt ,Ich hätte da noch einen kleinen Vorschlag‘, heißt das: ,Mein Vorschlag ist …‘“

Expertin: Sitzungen strategisch vorbereiten

Ihr weiterer Tipp an die Frauen: Jede wichtige Sitzung müsse auch strategisch vorbereitet sein. „Die Männer klären vorher ab: Wer ist der Anführer? Wer ist mein Ansprechpartner? Wo habe ich Verbündete?“ Und sie sitzen nach Zuber-Knosts Erfahrung gerne „in der Nähe der Macht“, also beim Boss oder anderen wichtigen Entscheidern. Die nächste Falle lauert dann in dem Moment, in dem die Frau den Konferenzraum betritt.

„Die Männer stehen in Grüppchen zusammen und parlieren – und die Frau kommt rein und huscht unauffällig zu ihrem Platz“, schildert Zuber-Knost eine typische Situation. Auch am Besprechungstisch machten sich Frauen allzu oft klein. Der Rat der Selbstvermarktungstrainerin: „Lieber fünf Minuten früher kommen, Ordner parat legen, sich am Tisch breitmachen.“ Man könnte es auch „Revier abstecken“ nennen.

Frauen sind empathischer als Männer

Auch mit Kritik können weibliche Mitarbeiter nach Zuber-Knosts Erfahrung schlechter umgehen. „Frauen sind empathischer als Männer, aber auch empfindlicher“, findet die Ex-Gleichstellungsbeauftragte. Und sie reagierten zu spät – und dann mitunter „giftig“. „Wer sich ungerechtfertigt kritisiert fühlt, sollte aber direkt nach der Sitzung, spätestens beim Hinausgehen, reagieren und klar sagen: ,Ihre Reaktion fand
ich unangemessen‘“, empfiehlt Zuber-Knost. „Man muss nicht die große Keule rausholen und die ganze Persönlichkeit des Gegenübers in Frage stellen.“ Früh, aber souverän reagieren und nicht „jammern“, das sei der Königsweg – oder Königinnenweg.

Förderprogramm für Frauen in Baden-Württemberg

Dass selbst sehr talentierte Wissenschaftlerinnen oft einen Schubs hin zur Karriereleiter brauchen, weiß auch die Karlsruher Professorin Sissi Closs nur allzu gut. Sie hat mit einigen Kolleginnen kürzlich ein ganz spezielles Frauenförderprogramm in Baden-Württemberg initiiert: „Traumberuf Professorin“. Erfahrene Hochschullehrerinnen beraten junge Doktorinnen, außerdem gibt es diverse Seminare, die das Rüstzeug für den Aufstieg liefern. „Wir haben viele Bewerbungen bekommen“, freut sich Closs. „30 Kandidatinnen waren es im ersten Anlauf und jetzt startet die zweite Runde und es haben sich bereits 15 gemeldet.“ Weitere Interessentinnen seien willkommen (Infos unter www.traumberuf-professorin.de).

Förderprogramm macht Mut

An der Qualifikation der Bewerberinnen gebe es keinerlei Zweifel, sagt Closs. Warum
die jungen weiblichen Talente trotzdem ein Förderprogramm brauchen? „Es macht Mut und gibt Bestätigung“, sagt Closs. „Und die Mentorinnen sind Vorbilder, weil sie auch Professorinnen sind und es geschafft haben, alles unter einen Hut zu bringen.“ Unter diesen einen Hut soll nämlich möglichst alles passen: Karriere, Beziehung und Kinder.

Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten

Auch für junge Karrierefrauen sei das ein ganz zentrales Kriterium, stellt Closs fest. Der Wunsch nach Kindern und nach flexibel gestaltbaren Arbeitszeiten tauche in Gesprächen mit weiblichen Bewerberinnen quasi immer auf: „Das ist immer noch der entscheidende Unterschied zu den Männern.“ Als selbstbewusst, zielstrebig, aber immer noch familienorientiert – so charakterisiert die Informatikerin Closs die potenziellen jungen Professorinnen.

Ob sie glaubt, dass ihr „Traumberuf“-Anschubsprogramm in einigen Jahren überflüssig wird? „Ich würde es mir wünschen, dass es sich verselbstständigt“, sagt Closs. Ein Frauennetzwerk, das den Männerbünden in der Wissenschaft etwas entgegensetzt, haben die Professorinnen nun immerhin schon geknüpft.

Auch der Fachkräftemangel könnte den Umbau von strengen Firmenhierarchien und männlich geprägten Arbeitswelten beschleunigen, meint Selbstvermarktungstrainerin Elisabeth Zuber-Knost: „Ich glaube, dass die Wirtschaft auf die Arbeitskraft der Frauen nicht verzichten kann – aber da ist noch viel zu tun.“ Um Frauen zu gleichen Karrierechancen zu verhelfen wie Männer, solle sich aber keine Seite verbiegen. „Weder sollen die Frauen wie die Männer werden, noch sollen Männer wie die Frauen werden. Sie sollen voneinander lernen.“

Annäherung – die ist auch aus Sicht der eher biologistisch argumentierenden Psychologin und Autorin Doris Bischof-Köhler möglich: Dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern „angeboren“ sind, bedeute nicht, dass sie „unveränderlich“ seien.