Die Vierfamilienhäuser nach Plänen von Franz Roeckle vermitteln im Dammerstock zwischen dem Geschosswohnungsbau und den Einfamilienhäusern. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Dammerstock 4

Wohnen in Karlsruhe-Dammerstock als moderne Lebensgestaltung

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Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Wer die bahnbrechenden Bauwerke des Gründungsdirektors Walter Gropius sehen will, muss aber nicht nach Dessau reisen. Dammerstock in Karlsruhe ist eine der modernsten Siedlungen des „Neuen Bauens“. Sie entstand vor 90 Jahren unter der künstlerischen Oberleitung von Gropius. Die Serie „100 Jahre Bauhaus – 90 Jahre Dammerstock“ beschreibt die Hintergründe.

Dies ist Folge 4. Hier geht es zu Folge 3.

Alles in Kleinschreibung

Die 228 Wohnungen in Dammerstock entstanden in der extrem kurzen Zeit von einem halben Jahr zwischen Frühling und Spätsommer 1929. Das war nur durch eine rationalisierte Bauweise möglich. Walter Gropius erläutert dies im Katalog, der zur Ausstellungseröffnung am 29. September anlässlich der Fertigstellung der Siedlung erschienen ist. Dies geschah selbstverständlich in der für das Bauhaus typischen Kleinschreibung: „das endziel ist also die schaffung von gesunden praktischen gebrauchswohnungen … dieses ziel ist nur durch rationalisierung im umfassenden sinne zu erreichen. der gedanke der rationalisierung ist heute … zu einer großen geistigen bewegung in der zivilisierten welt geworden.“

Bauen wie bei Ford

Der Münchner Kunstgeschichte-Professor Norbert Huse weist in seinem Buch über die Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts darauf hin, dass die modernen Architekten nach dem Ersten Weltkrieg davon träumten, die industrielle Produktion von Henry Ford auf die Baustelle zu übertragen. Der bereits in Folge 2 erwähnte Frankfurter Stadtbaurat Ernst May, der im Preisgericht für Dammerstock saß, sei damit sehr weit gekommen. Er ließ Bauteile in kommunalen Betrieben vorfertigen, so dass ein Haus an nur einem einzigen Tag stand. Davon war man in Dammerstock weit entfernt. Viele Gebäude wurden in klassischer Mauerwerksbauweise aus Ziegeln erbaut.

Geschosswohnungsbau steht im Dammerstock neben Einfamilienhäusern. Dieses Gebäude hat Otto Haesler entworfen, der mit Walter Gropius den Bebauungsplan für die Siedlung konzipiert hat. | Foto: Ulrich Coenen

Erlösung aus beengten Wohnverhältnissen

Normierung und Rationalisierung waren aber auch in Karlsruhe üblich. Es ging dort wie in den anderen Siedlungen des Neuen Bauens um nicht weniger als um die Erziehung zum neuen Menschen. „Die Wohnung sollte ein Werkzeug neuer Lebensgestaltung werden“, schreibt Ursula Muscheler. Das gefiel nicht jedem, weder im von Ernst May gestalteten „Neuen Frankfurt“, noch in Dammerstock. Muscheler berichtet, dass die Bewohner die modernen Wohnungen als „Erlösung aus beengten Wohnverhältnissen“ sahen. Gegenwind kam von der gebildeten bürgerlichen Mittelschicht.

Kritik von Adolf Behne

Adolf Behne, der wichtigste Architekturkritiker der Weimarer Zeit, attackiert, obwohl er ein Anhänger des Neuen Bauens war, Dammerstock 1930 in der Zeitschrift „Die Form“ scharf. Er warf Gropius und Otto Haesler bei ihrer Interpretation der Zeilenbauweise in strenger Nord-Süd-Ausrichtung Dogmatik vor. „Hier in Dammerstock wird der Mensch zum abstrakten Wohnwesen“, poltert Behne. „Er hat gegen Osten zu Bett zu gehen, gegen Westen zu essen und Mutters Brief zu beantworten.“

Eröffnung mit einer Ausstellung

Dammerstock wurde nach dem Vorbild der Weißenhof-Siedlung in Stuttgart mit einer Ausstellung unter dem Titel „Die Gebrauchswohnung“ eröffnet. In der Zeit vom 29. September bis zum 27. Oktober 1929 wurde sie von rund 50.000 Menschen besucht. Mehr als 30 Wohnungen wurden für die Schau komplett eingerichtet.

Marketing für die Stadt

Die Ausstellung war im Gegensatz zur Weißenhof-Siedlung nicht das wichtigste Anliegen der Stadt Karlsruhe, der es vor allem um die Schaffung von zeitgemäßem Wohnraum ging. Darauf weist Brigitte Franzen in ihrem bereits mehrfach erwähnten Buch über die Siedlung ausdrücklich hin. Als touristische Attraktion nutzte die Stadt aber Dammerstock gerne. Heute würde von Stadtmarketing sprechen. Über den geschäftsführenden und erweiterten Arbeitsausschuss, dem Baubürgermeister Hermann Scheider vorstand, behielt die Kommune großen Einfluss auf das Projekt. Alle Werbemittel ließ sie durch den legendären Dada-Künstler Kurt Schwitters gestalten.

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