Ein Baby nach Plan wünschen sich manche Eltern.
Das ersehnte Baby kommt immer öfter dank Reproduktionsmedizin. Dass deren Möglichkeiten stetig wachsen, kann Betroffene jedoch ebenso belasten wie ein unerfüllter Kinderwunsch. Dies beobachten Beraterinnen der Diakonie Karlsruhe. | Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Beratung in Karlsruhe

Wunschkind oder Baby nach Plan

Anzeige

Die unerfüllte Sehnsucht nach einem eigenen Baby kann Menschen so dominieren, dass alles andere in ihrem Leben in den Hintergrund gerät. Zusätzlich gerät manches Paar, das ungewollt kinderlos bleibt, in den Sog der Fortpflanzungstechnologie. Das erleben die Beraterinnen Ursula Kunz und Natalie Burkhardt-Süß in der Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik der Diakonie Karlsruhe. Ähnlich seien die Erfahrungen im Arbeitskreis aller Familien- und Partnerschaftsberatungsstellen der Region, berichten sie.

Design für das Baby?

„Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbaby“: Mit dieser provokanten Wortkette machen evangelische und katholische Kirche in einer gemeinsamen „Woche für das Leben“ ab heute, 29. April, 2017 bis Samstag, 6. Mai 2017, auf das Thema aufmerksam. Im Internet ist die Aktion hier zu finden.

Eine Biotech-Firma hat sich in den USA ein – bisher nur in den Vereinigten Staaten gültiges – Patent auf die Auswahl sogenannter „Designerbabys“ gesichert. Die Methode: Künftig könnten Eltern die Spender von Eizellen und Samenzellen nach Merkmalen auswählen, die sie sich bei ihrem Kind wünschen. Genetiker fürchten, dass es demnächst Wunschzettel für Eltern gibt, die ein Baby möchten: unbedingt ein Junge/ein Mädchen, mit blauen Augen, sportlich, intelligent …

Diese Sorge äußern Skeptiker seit Jahren, doch rasante Fortschritte in der Genetik, der Implantations- und Fortpflanzungsmedizin befeuern die Debatte immer wieder neu. Als Beispiel gilt aktuell der kleine Mason, der Mitte 2013 im Labor einer Reproduktionsklinik in New York entstand. Aus dem Embryo der „Güteklasse A“ wurde ein aufgewecktes Musterkind mit braunem Wuschelhaar, hellwachen Augen und ansteckendem Lachen. Für das „Baby nach Bauplan“ wurden 140 000 Dollar gezahlt.

Schattenseiten des medizinischen Fortschritts

Familienplanung als Leistungsnachweis oder ein „Baby nach Plan“ – auch diese Schattenseiten der Reproduktionsmedizin sieht die Karlsruher Diakonie-Beraterin Natalie Burkhardt-Süß. Das Angebot der „Kinderwunschtage“ für ungewollt kinderlose und homosexuelle Paare jüngst in Berlin schildert sie als Beispiel: „Auf dieser Messe präsentierten sich viele Fruchtbarkeitskliniken aus dem Ausland, deren Methoden in Deutschland bisher verboten sind.“

Deshalb verreisen etwa 3000 deutsche Paare pro Jahr

Fachleute gingen davon aus, dass 80 Prozent der Betroffenen aus rechtlichen Gründen Auswege im Ausland suchten. „Deshalb verreisen etwa 3000 deutsche Paare pro Jahr“, sagt Burkhardt-Süß.

Mit seelischem Druck oft allein

Erwartungsdruck lässt der kirchlichen Beraterin zufolge etliche Partnerschaften scheitern: „Oft kommen Frauen allein zur Beratung. Die Partner sind häufig schon auf Distanz zueinander gegangen.“ Der medizinische Fortschritt sei „Fluch und Segen zugleich“, und mit dem seelischen Druck seien Betroffene meist allein gelassen. Auch dass Frauen durch die medizinischen Möglichkeiten ohne Partner Mutter werden können, könne Betroffenen mit tickender biologischer Uhr eine schwierige Entscheidung abverlangen.

Wunsch nach einem Baby kann übermächtig werden

Wie ein Kinderwunsch übermächtig werden kann, schildert Ursula Kunz an einem Fall aus der kirchlichen Beratungsstelle. Eine Frau, die vor weniger als einem Jahr geheiratet hatte, erst Monate darauf mit ihrem Mann zusammengezogen war und ihr extremes berufliches Engagement noch später gedrosselt hatte, kam in die Beratungsräume der Diakonie Karlsruhe in der Stephanienstraße 98 beim Mühlburger Tor. Dort erfuhr die verblüffte Beraterin, dass die Frau schon drei Versuche künstlicher Befruchtung hinter sich hatte.

Es geht um persönliche Lebensgestaltung

„Diese Frau schien mir fast besessen von dem Wunsch, schwanger zu werden“, sagt Kunz. In ihrer psychosozialen Beratung setze sie auf eine andere Sichtweise: „Es geht ja nicht allein um medizinische Sachverhalte, sondern immer auch um persönliche Lebensgestaltung und Wertvorstellungen.“

Facharzt erlebt wachsende Zahl von Anfragen

Seit 1999 sieht Hans-Jürgen Graeber, Inhaber und Leiter des Kinderwunschzentrums Karlsruhe, die Entwicklung in seiner Praxis, laut Graeber bundesweit eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art. Paare mit Kinderwunsch kommen auch aus dem Schwarzwald, der Region Heilbronn und der Pfalz, sogar aus Neuseeland oder Russland. „Die Zahl der Anfragen wächst stetig, sicher auch wegen des zunehmenden Alters der Frauen bei erstmaligem Kinderwunsch“, sagt der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Zunehmend fragten auch homosexuelle Paare und alleinstehende Frauen an, ihre Zahl sei aber gering.

860 Behandlungen pro Jahr im Kinderwunschzentrum Karlsruhe

Im Jahr 2016 kam das Kinderwunschzentrum Karlsruhe Graeber zufolge auf rund 860 Behandlungen. „Das Scheitern der Bemühungen muss aber immer Teil der Lebensplanung sein“, betont Graeber. Auf der Internetseite des Zentrums, hier zu finden,  steht das Motto: „Wenn Leben entsteht, nehmen Sie es als Geschenk an. Wenn es nicht entsteht, seien Sie bereit, auch das zu akzeptieren.“ Dort wird auch auf das Beratungsangebot der Diakonie hingewiesen, das hier im Internet steht.

Kommentar: Zwickmühle

Die Fortpflanzungsmediziner entwickeln immer neue Möglichkeiten, trotz Problemen ein eigenes Baby zu bekommen. Das bedeutet für Menschen, die ungewollt kinderlos sind, zwangsläufig auch, dass sie mehr Entscheidungen treffen müssen. Dabei geht es um existenzielle Fragen. Allein medizinische Aspekte helfen nicht aus der Zwickmühle, die eigene Linie zu finden.
In Karlsruher Beratungsstellen ist das Thema präsent. Wie weit soll und darf der unerfüllte Kinderwunsch verfolgt werden, bei welchen Opfern, wann und wo ist die persönliche Grenze erreicht? Wie gelingt es Betroffenen, sich ihr Leben auch ohne das so sehnlich gewünschte eigene Kind vorzustellen?
Im Internet finden Menschen, die ungewollt kinderlos sind, mühelos kommerzielle Angebote. Die sind teils mit massiv beschönigenden Worten formuliert: „Urlaub“ im Ausland mit Transfer und Übernachtung als Komplettpaket mit „Behandlungen“, die zum Wunschkind führen sollen. Antworten auf zentrale, persönliche Fragen bekommen Ratsuchende kaum per Mausklick.
Den Fokus auf Hilfe bei diesen schwierigen Gewissensentscheidungen zu legen, jenseits kommerzieller Absicht, ist begrüßenswert bei der kirchlichen Gemeinschaftsaktion „Woche des Lebens“ zum Thema Kinderwunsch. Was aber auf Dauer zählt, ist ein weltanschaulich unabhängiges, für jeden erreichbares Beratungsangebot. In und um Karlsruhe gibt es das. Und unterschiedliche Anbieter kooperieren – auch das ist gut für die Betroffenen.