Mit Ornamenten verzierte Decken sowie ein farbiger Fußboden mit Delfin und Oktopuss als Motiv: So wird der prächtige Thronsaal von Mykene im Karlsruher Schloss nachempfunden. In solcher Umgebung hätte auch König Agamemnon um 1250 vor Christus residiert, wenn er keine Sagengestalt wäre. | Foto: Badisches Landesmuseum/ Uli Deck

Die frühen Griechen im BLM

Zeitreise nach Mykene im Karlsruher Schloss

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Wodurch wurde der Trojanische Krieg ausgelöst? Der Fürstensohn Paris aus Troja entführte Helena, die Frau des Königs Menelaos von Sparta. Der Bruder dieses Menelaos war Agamemnon, König von Mykene. Die beiden riefen alle Griechen dazu auf, den Raub zu rächen. Und Agamenmon war der Anführer des Feldzugs – so wird die Sage von Homer erzählt. Dessen Epos „Illias“ hat eine überragende literarische Wirkung bis heute behalten. Der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) vertiefte sich so sehr in die „Ilias“, dass er über sich notierte: Er lese (in allen Schriften und Büchern) immer Agamemnon statt „angenommen.“

Thronsaal eines sagenhaften Königs

Das Badische Landesmuseum (BLM) bietet im Karlsruher Schloss eine Zeitreise in „die sagenhafte Welt des Agamemnon“. Der Ausstellungsparcours führt vorbei an Großfotografien mit Mauerresten, in schwarze Grabkammern hinein und über einen weißen Raum mit Alltagsaccessoires zum mykenischen Thronsaal. Von überwältigender Farbigkeit werden die Besucher empfangen. Die Wände strahlen rot, orange, blau oder ocker. Sie sind mit Fresken und Ornamenten verziert, ebenso wie die Fußböden. Auf ihnen sind Delfine und Oktopusse zu erkennen. Den Thron des Wanax (Königs) bewachen gemalte Löwen und Greifen. Noch viele weitere Elemente plus wenige, aber wertvolle Exponate enthält die Rauminszenierung der Designer von „res d“.

Erste Hochkultur auf europäischem Boden

„Selbst die Größe dieses Saals namens Megaron ist authentisch“, sagt BLM-Direktor Eckart Köhne stolz. Aber wenn König Agamemnon nur in der Sage existierte, wie kann man dann seine Regierungszentrale rekonstruieren? „Wir zeigen den Palast von Mykene um 1150 vor Christus. Er war ein Teil der ersten Hochkultur auf europäischem Boden. Agamemnon hätte so residiert“, erklärt Köhne. Auch in Pylos oder Tiryns entwickelten sich Staaten mit mächtigen Palästen, ausgeklügelter Verwaltung der ersten Bürokraten, vielen Handelsbeziehungen sowie schönen Dingen für die Oberschicht. Und von allem zeigt und erzählt das Landesmuseum. Beeinflusst wurde diese mykenische Kultur der Bronzezeit von der minoischen auf Kreta, die im Schloss bereits früher ausstellungswürdig war.

Wunderschöner Männerkopf aus Elfenbein. Er wurde vom Archäologischen Museum Mykene wie rund 400 weitere wertvolle Funde aus Griechenland nach Karlsruhe ausgeliehen. Die gute Zusammenarbeit zwischen dem Landesmuseum und den griechischen Institutionen begann, nachdem das BLM 2014 zwei Objekte der Kykladenkultur zurückgab, die aus Raubgrabungen stammten. | Foto: BLM/ Uli Deck

400 Leihgaben aus Griechenland

Dieser Sigelring mit Stiersprungszene wurde erst 2015 in einem Kriegergrab von Pylos entdeckt. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert vor Christus. | Foto: Hellenic Ministry of Culture and Sports/BLM; Foto: Gaul

Homer erzählte 400 Jahre nach jener Phase der frühen Griechen von einer alten Zeit, die durch brennende Paläste endete. Es ist nicht bekannt, ob Piraten, innere Unruhen der geschundenen Bevölkerung oder Zerrüttung der Eliten zum Untergang führten. Das Landesmuseum knüpft mit der neuesten Schau sozusagen rückwärts an seine Ausstellung „Zeit der Helden“ an. Sie befasste sich 2009 mit den „dunklen Jahrhunderten Griechenlands“ 1 200 bis 700 vor Christus. Die jetzige Schau mit über 400 griechischen Leihgaben – denn Pionier Heinrich Schliemann musste alle Funde in Hellas lassen, in Troja agierte er noch anders – kostete 1,38 Millionen Euro, die auch aus Rücklagen des BLM möglich wurden.

 

Die Prunkrone von Routsi: eines de vielen herausragenden Beispiele für Fundes aud der mykenischen Kultur, die jetzt im Badischen Landesmuseum ausgestellt sind. | Foto: Badisches Landesmuseum, Uli Deck

Nur über die Sage schweigt die Schau

Was fehlt bei allem Aufwand ist die mythologische Seite der mykenischen Medaille. In der „sagenhaften Welt des Agamemnon“ bleibt die Sage dunkel. Über die Geschichten rund um den homerischen Heroen, etwa wie er die Griechen im Hafen von Aulis auf schwer beladenen Schiffen versammelte, schweigt das sonst perfekt präsentierte Ausstellungsepos. Dafür sprechen die wunderschönen Exponate und die knappen Saaltexte eindrucksvoll zu den Besuchern.

Viel Gold aus Gräbern

Nach Golde drängt, am Golde hängt, doch alles. Das berühmte Zitat aus Goethes „Faust“ lässt sich auf die Mykene-Schau anwenden. Objekte aus dem edlen Metall gehören zu den Prunkstücken der Ausstellung. Und Besucher werden sich an den ersten Vitrinen und Schaukästen drängen, wo einige spezielle Ausgrabungsschätze platziert sind. Wie jene Goldmaske aus dem 16. Jahrhundert v. Chr., die Heinrich Schliemann 1876 aus einem griechischen Grab herausholte.

Heinrich Schliemann und die Masken

Der deutsche Unternehmer war beseelt vom Glauben an die Existenz jener Helden, die in den Mythen um Theben und Troja gefeiert werden.
In Mykene suchte Schliemann nach dem Grab des Königs Agamemnon. Unter Aufsicht des griechischen Fachmanns Panagiotis Stamataki stieß der Deutsche auf Leichname mit Schwertern, Dolchen und goldenen Artefakten. Darunter zwei Masken. Die berühmteste davon, die einen bärtigen Mann wiedergibt, bedeckte das Gesicht eines etwa 25 Jahre alten bestatteten Kriegers. Schliemann telegrafierte nach Athen, er habe in das Gesicht Agamemnons geschaut. Dieser größte Goldschatz aus Schachtgrab V wird vom Archäologischen Nationalmuseum Athen nicht verliehen. Aber die andere große, eine Mumie bedeckende Maske fand den Weg nach Karlsruhe. Dank guter Zusammenarbeit der deutschen Kuratoren Katarina Horst, Bernhard Steinmann und Viktoria Färber mit den griechischen Kollegen.

 

Prunkstück Goldmaske: Dieser Fund von Heinrich Schliemann wird im Badischen Landesmuseum gezeigt. | Foto: Hellenic Ministry of Culture and Sports/ H. Mavromatis

Der vertiefte Kontakt zu den griechischen Institutionen begann 2014, als das BLM aus seinem Bestand zwei Objekte der Kykladenkultur an das Mittelmeerland zurückgab. Weil jene Kunstwerke aus Raubgrabung stammten und auf dubiosen Wegen nach Deutschland gelangt waren.

Funde von 2015 im Greifengrab

Die Ausstellung des Badischen Landesmuseums präsentiert nicht nur schon bereits bekannte Fundstücke. Im Mai 2015 wurde bei offizieller Grabung nahe beim Palast von Pylos ein bestatteter Krieger aus der mykenischen Epoche um 1450 v. Chr. entdeckt. In seinem Sarg waren ihm Gefäße aus Gold, Silber und Bronze, Waffen, 50 Siegelsteine und vier Goldringe mitgegeben worden. Der Tote wurde außerdem mit Schmuckperlen, Kämmen und einem Spiegel für das jenseitige Leben ausgestattet. Weil eine bestechend fein gestaltete Elfenbeinplakette mit Darstellung eines Greifen mit dabei war, spricht man vom „Greifengrab“. Die daraus geborgenen Beigaben werden wie alle kleinen Objekte sorgfältig ausgeleuchtet.

Dieser Sigelring mit Stiersprungszene wurde erst 2015 in einem Kriegergrab von Pylos entdeckt. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert vor Christus. | Foto: Hellenic Ministry of Culture and Sports/BLM; Foto: Gaul

Die Anzahl von rund 400 Objekten macht es auch nicht schwer, einen gewissen Überblick zu behalten und in den Abteilungen nicht zu ermüden.
Zu finden sind neben zahlreichen Amphoren Alltagsgegenstände wie der Souvlaki-Grill der Bronzezeit, Schwerter und Beinschienen für Krieger, Tierplastiken und Idole sowie wertvolle Schmuckstücke für Frauen. Die Mykenerin im Palast trug Rot an Lippen und Wangen sowie schwarzen Lidschatten auf. Sie schätzte goldene Reliefperlen als Einzelstücke oder Halskette. Besucher sollten die Schmuckvitrinen im letzten Raum, vor dem mediterranen Erholungsort „blue room“ nicht versäumen.

400 Exponate, fast alle stammen aus griechischen Museen, zeigt die Ausstellung „Mykene. Die sagenhafte Welt des Agamemnon“ im Karlsruher Schloss. Geöffnet täglich außer Montag von 10 bis 18 Uhr. Dauer: bis 2. Juni; Eintritt zwölf Euro. Führungen Sonntag 11 Uhr, 14.30 (Familien) Kostümführung jeden ersten Sonntag im Monat 15 Uhr.