Das ZKM in Karlsruhe (auf dem Bild noch im Vor-Pandemie-Betrieb) lässt seine Rechner für „Folding@home“ laufen.
In Anlehnung an das Homeoffice soll das ZKM zum Home Museum werden. | Foto: Deck

Vorstand Peter Weibel

„Zeitalter der Nähe geht zu Ende“ – ZKM plant Home-Museum und Eröffnung per Stream

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Schrecken und Chance – beides steckt für Peter Weibel in der gegenwärtigen Krise. Er sagt: „Das Zeitalter der Nähe geht zu Ende.“ Dafür könnte jetzt mit dem Aufbau einer Gesellschaft begonnen werden, in der auf körperliche Anwesenheit vielfach verzichtet werden kann. Das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), dessen künstlerischer Vorstand Weibel ist, will hier pionierhaft Zeichen setzen.

In Anlehnung an das Homeoffice soll es zum Home Museum werden. Wenn man das ZKM wegen der allgemein verfügten Museumsschließung nicht besuchen kann, dann kommt das Museum eben ins Haus. Das Internet macht’s möglich.

Coronavirus beendet unsere bisherige Nahgesellschaft

Weibel unterscheidet zwischen Nahgesellschaft und Ferngesellschaft. Unter Nahgesellschaft versteht er insbesondere Massenveranstaltungen, bei denen viele Menschen aufeinandertreffen – vom Fußballspiel bis zum Kreuzfahrtschiff.

„Das Virus ist das Monster der Nahgesellschaft“, erklärt der Medientheoretiker Weibel und weist darauf hin, dass das Virus etwas benötigt, das die Ferngesellschaft nicht braucht: einen Boten. Es benötigt den menschlichen Organismus, um seine Botschaft – die Krankheit – sichtbar zu machen.

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In früheren Epochen waren auch für die Gesellschaft körperlich existente Boten unabdingbar. „Sei es Pheidippides, der athenische Marathonläufer von 490 v.Chr., sei es eine Taube, ein Pferd, ein Reiter, eine Kutsche, ein Flugzeug, eine Eisenbahn, immer bedurfte es eines Boten, der eine Botschaft überbrachte“, schreibt Weibel dieser Tage in einem Essay für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ).

WhatsApp und Fernseher bringen Nähe trotz Abstand

„Auch der Briefträger ist ein solcher Bote“, sagt er im BNN-Gespräch. „Er zeigt, dass wir in einer Mischung aus realer, analoger Kultur und Technologien leben, die diese Form der Übermittlung nicht mehr nötig haben.“ Mit der Erfindung der Telekommunikation hat sich das Verhältnis zwischen dem, der eine Botschaft senden will, und dem, der sie empfangen soll, grundlegend geändert.

Es ist kein Überbringer mehr erforderlich. Alles geht – über größte Distanzen hinweg – telematisch: Telegraf, Telefon, Television. Das altgriechische Wörtchen „tele“ meint „fern“ und hat in vielfacher Hinsicht Eingang in unsere Sprache gefunden – bis hin zum Teleshopping.

Für die Umwelt ist Covid-19 eine Chance

In diesem Sinne versteht Weibel die Ferngesellschaft. Sie hat für ihn im Verhältnis zur Nahgesellschaft große Vorteile. Der ZKM-Vorstand verweist auf die ökologischen Folgen der Massenmobilität und des Massentourismus. Dass sie jetzt fast vollständig zum Erliegen gekommen sind, sieht er als günstige Gelegenheit „umzusteigen“.

Wir erleben ein großes soziales Experiment

Die Behandlung der Welt, als sei sie ein einziges Disneyland, mit Kohorten reiselustiger Touristen, habe vielfältige Schäden nach sich gezogen. Der aktuelle Stopp dieser Aktivitäten sei eine Chance, das alles neu zu denken. „Wir erleben ein großes soziales Experiment“, sagt Weibel und fügt hinzu: „Wären wir bereits in der Ferngesellschaft, könnte auch das Virus nicht reisen.“

Massenkonsum und Massenmobilität beenden

Allein, aber telematisch vernetzt: Peter Weibel im Fahrstuhl des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM).
Peter Weibel im Fahrstuhl des ZKM. | Foto: ZKM

Ihm ist dabei bewusst, dass eine solche Abkehr von einer Konsumgesellschaft, die sich an billiges Reisen gewöhnt hat, nicht zuletzt massive wirtschaftliche Probleme nach sich ziehen würde. Aber wenn man aus der Krise etwas lernen wolle, dann müsse das gesamte gegenwärtige System überdacht werden.

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Massentourismus und Massenkonsum tragen durch den global gesteigerten Warenverkehr erheblich zur Umweltbelastung bei. Deshalb gehe es darum, die Struktur der Massengesellschaft insgesamt infrage zu stellen, denn, so Weibel: „Die Welt ist unter die Räder gekommen.“ Weibel weiter: „Das Virus zwingt uns dazu, die Massenmobilität zu beenden“, denn sie ist es, die dessen Verbreitung beschleunigt.

Wir dürfen uns nicht die Hand geben, aber wir können telefonieren

Weibels These: Durch die Teletechniken kann man die Nahgesellschaft retten. „Wir dürfen uns nicht die Hand geben, aber wir können telefonieren.“ Davon seien allerdings selbst die Fernsehsender weit entfernt. Sie inszenierten etwa bei Talkrunden oder Volksmusik-Sendungen im Studio ein Publikum, auf das die Veranstaltungen im Grunde gar nicht abzielen: Das eigentliche Publikum ist die Ferngesellschaft, die millionenfach zu Hause vor den Bildschirmen sitzt.

Gibt es Fußball und Opern auch nach Corona nur ohne Gäste?

Ähnliches gelte für Fußballspiele. Die Fans in den Stadien seien letzthin nur Staffage für die TV-Übertragungen. Dass sie jetzt leerstehen, ist aus Weibels Sicht nur ein Vorgeschmack auf die Lebensbedingungen in einer Ferngesellschaft. Das lokale Publikum bei Bundesligaspielen oder Rockkonzerten kann entfallen, weil das absolute Gros der Fans beispielsweise über Live-Streams versorgt wird.

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Stadien sind Orte, an denen nicht nur SARS CoV-2, sondern jedes andere Virus künftiger Mutation leichte Verbreitung findet. Solche unter der Woche ohnehin leerstehenden Großbauten für Tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern würden nicht mehr gebraucht, was Weibel in seinem NZZ-Essay so formuliert: „Es scheint nun, dass die gigantischen Stadien und Opernhäuser die Pharaonengräber der Zukunft sind.“

ZKM plant Anfang Mai die Eröffnung von „Critical Zones“ per Stream

Und wie ist es für ihn, den Vielreiser, der zwischen Wien und Karlsruhe pendelt, international vernetzt, gefragt als Vortragsredner und Ausstellungskurator? Weibel nimmt die Situation konstruktiv. Er habe schon früh alles abgesagt und konzentriere sich ganz auf das Projekt „Critical Zones“, das er zusammen mit Bruno Latour erarbeitet.

Mit dem französischen Soziologen und Philosophen hat Weibel im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien bereits mehrere richtungweisende Vorhaben realisiert: „Iconoclash“ (2002), „Making Things Public“ (2005) und zuletzt „Reset Modernity“ (2016). Die dort thematisierte Suche nach einem alternativen Fortschrittsmodell wird mit „Critical Zones“ fortgesetzt. Dabei gehen Latour und Weibel von der Hypothese aus, „dass sich die Gesellschaft nicht allein an den Bedürfnissen der Menschheit orientieren darf, sondern wieder irdisch werden muss, wenn sie keine Bruchlandung hinlegen möchte.“

Wie rasch die gesamte Weltgesellschaft in eine kritische Zone geraten kann, zeigt jetzt das Virus. Auch die geplante Ausstellung ist davon betroffen. „Die Transportfirmen stellen den Betrieb ein und entlassen Leute“, berichtet der ZKM-Vorstand. Den Ausstellungstermin am 8. Mai will Weibel gleichwohl halten: „Wir schalten um auf das Online-Universum und machen eine Streaming-Eröffnung.“