Im Zoo geschlüpft: Ein paar Tage alte Kiebitze, die zum Erhalt der Art im Freiland beitragen sollen. | Foto: Jock

Einsatz für bedrohte Art

Zoo Karlsruhe hat Kiebitze ausgebrütet, aufgezogen und ausgewildert

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Der Karlsruher Zoo beteiligt sich an Hilfsmaßnahmen für Kiebitze, die zunehmend bedroht sind: 17 Kiebitze kamen im Brutschrank des Zoos zur Welt und werden von den Tierpflegern aufgezogen. Nun ging es für die ersten fünf Kiebitze zurück in die Natur. In einer Auswilderungsvoliere bei Achern-Wagshurst gewöhnen sie sich ein paar Tage an die Bedingungen im Freiland, ehe sich noch in dieser Woche das Tor zur völligen Selbstständigkeit für sie öffnen wird.

Er wirbt mit spektakulären Flugmanövern um sein Weibchen, und seine charakteristischen „Kiu-wit“-Rufe gehören zum Frühling. Nun ist die Luft für den Kiebitz dünn geworden. „In den vergangenen 30 Jahren ist der Bestand zu 90 Prozent zusammengebrochen“, sagt Martin Boschert.

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Der Freiland-Biologe engagiert sich für ein Schutzprojekt für die Wiesenbrüter, deren Hauptvorkommen in Baden-Württemberg zwischen Baden-Baden und Offenburg ist. „Hier gibt es noch 130 bis 150 Brutpaare“, sagt Boschert. Auch diese haben es schwer: Als klassische Kulturfolger brüten sie in Äckern und feuchten Wiesen – die intensive landwirtschaftliche Nutzung lässt ihren Lebensraum aber weiter schwinden. An Hilfsmaßnahmen für den Kiebitz beteiligt sich nun auch der Karlsruher Zoo durch die Aufzucht und Auswilderung junger Kiebitze.

Auf dem Industriedach hatten die Kiebitze keine Überlebenschance

Die Eier hat Forstmann Jochen Müller von zwei Industriedächern bei Baden-Baden geholt. Eine Überlebenschance hatten die Kiebitze dort nicht, das zeigen die Erfahrungen des Vorjahres. Zu trocken ist es auf den Dächern für die Tiere, zu wenig Insekten gibt es im begrünten Kies, erklärt Boschert.

„Und wenn die Jungvögel einen Absturz vom Dach überleben, kümmert sich die Mutter kümmert nicht mehr um sie“, schildert Müller. Auch ein Umsiedeln funktioniert nicht, so Simone Stollenmaier, die in Baden-Baden beim Forst tätig ist.

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Im Exotenhaus des Karlsruher Zoos schlüpften 17 Kiebitze

Kiebitze legen vier Eier, können aber mehrfach nachzulegen, wenn etwas schiefgeht, weiß Zoodirektor Matthias Reinschmidt. Auch die Kiebitze von den Industriedächern haben den Verlust der Eier kompensiert, sodass inzwischen 17 kleine Kiebitze zwischen Ende April und Mitte Mai im Brutschrank im Exotenhaus schlüpften. Je nach Alter sitzen sie in einer Kiste oder in einem Gehege hinter den Kulissen. Für die größeren Vögel geht es nach draußen in eine Voliere abseits der Besucherwege.

Dort sammeln Reinschmidt und Boschert nun fünf knapp vier Wochen alte, inzwischen flugfähige Tiere ein, beringen sie und packen sie in Kartons – aus denen auf der Fahrt nach Süden immer wieder ein empörtes „Kiu-wit“ zu hören ist. So bald ein Vogel anfängt, stimmen alle ins Rufen ein. Es hat etwas Beruhigendes: Den Kiebitzen, die ein feuchtes Handtuch zur Kühlung mit in ihren Kartons haben, gebt es offensichtlich gut.

Ein Elektrozaun schützt vor Fuchs, Marder und Co

Bei Achern-Wagshurst ist eine fünf mal zehn Meter große Auswilderungsvoliere aufgebaut. Ein Tarnnetz sichert sie nach oben ab. Um die Anlage ziehen Martin Boschert und seine Mitstreiter einen elektrischen Zaun, der Fuchs, Marder und Co auf Distanz hält. So schützen die Helfer des Kiebitz-Projekts auch Nester der Bodenbrüter. Zudem legen sie Mulden an und mulchen Flächen, in denen die Kiebitze dann Nahrung finden. „Das Gebiet hat genug Potenzial, nur deshalb hat es Sinn, die Population mit vielen Maßnahmen zu stärken“, erklärt Boschert.

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Sind die Gelege in Äckern, werden sie markiert, die Landwirte umfahren die Stellen dann oder lassen den Acker brachliegen. Dafür erhalten sie Ausgleichszahlungen, schildert Müller. „Über die Regierunspräsidien Karlsruhe und Freiburg gibt es umfangreiche Maßnahmen, um wieder mehr Lebensraum für Kiebitze und Brachvögel zu schaffen“, sagt Boschert.

Uns ist auch der Artenschutz direkt vor der Haustür wichtig, ebenso wie die Wiederansiedlung der Wisente in Rumänien und der Schutz der Elefanten Sri Lankas

Matthias Reinschmidt, Karlsruher Zoodirektor

Letzte sind noch stärker dezimiert als die Kiebitze, und auch für ihren Erhalt engagiert sich der Karlsruher Zoo. „Uns ist auch der Artenschutz direkt vor der Haustür wichtig, ebenso wie die Wiederansiedlung der Wisente in Rumänien und der Schutz der Elefanten Sri Lankas“, sagt Zoochef Reinschmidt.

 

Noch ein paar Tage bis zur Selbstständigkeit

Dann ist es so weit: Die Helfer öffnen die Transportkartons, und die Kiebitze machen sich sofort auf in ihr neues Gelände und beginnen, im Boden nach Insekten zu stochern. Bis sich noch in dieser Woche das Tor zur völligen Selbstständigkeit für sie öffnet, werden sie zweimal täglich mit Wasser, Heimchen, Fliegenmaden und weiterem Futter versorgt – von Zoochef Reinschmidt, dem angehenden Tierpfleger Pirmin Jäger und einem Helfer aus der Region Wagshurst. „Es funktioniert nur mit einem solchen Netzwerk“, sind sich Boschert und Reinschmidt einig.

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