Guten Appetit: : Beim Nüsse knacken sind Krähen erfinderisch. Sie lassen sie solange auf den Boden fallen, bis sie aufplatzen. In Japan positionieren sich die großen schwarzen Vögel sogar direkt auf Ampeln. | Foto: dpa

Füchse und Co. in Karlsruhe

Anpassung ans Stadtleben: Wildtiere verhalten sich in der Stadt anders

Anzeige

Wildtiere wie Füchse, Krähen oder Waschbären zieht es immer mehr in die Städte – um sich dort anzupassen, tun sie mitunter erstaunliche Dinge. Lauter singen zum Beispiel. In Baustellen schlafen. Oder Nüsse vor fahrende Autos werfen.

Schwups, da fällt die Nuss. Und wieder, und wieder. Unermüdlich lassen die Krähen die gesammelten Walnüsse auf den harten Asphalt fallen – so lange, bis sie aufplatzen und ihr Inhalt von den großen, schwarzen Vögeln genüsslich verspeist wird. „Krähen sind die Intelligenzbestien unter den Vögeln“, weiß der Karlsruher Biologe und Tierbuchautor Mario Ludwig. Als solche passen sie sich zusehends an die Gegebenheiten der Stadt an, wissen mittlerweile, wo sie Futter finden. So sind heruntergefallene Pommestüten auf dem Boden beliebte Beute der schwarzen Vögel. Genauso gerne stecken die Krähen ihre Schnäbel in die Mülleimer im Schlossgarten. Und auch im Zoo wissen sie mittlerweile, wo sie etwas Essbares finden können.

Wagt sich vor: Der Waschbär sucht in der Stadt nach Futter. | Foto: dpa

Neben den Krähen gibt es viele andere Wildtiere, die sich immer weiter in die Städte vorwagen. Waschbären, Füchse, Dachse oder Wildschweine beispielsweise. „Das sind alles Generalisten“, fasst es Manfred Verhaagh vom Naturkundemuseum zusammen. Anders als Spezialisten fällt es diesen Tieren leicht, sich an die veränderten Gegebenheiten in der Stadt anzupassen. Die Spezialisten wiederum brauchen spezielle Nahrungsquellen oder auch ein entsprechendes Umfeld, um existieren zu können. „So werden Sie beispielsweise nie eine Kreuzotter in der Stadt finden“, sagt der Biologe. Diese sei in Hochmooren zuhause, in der Stadt kommen sie nicht zurecht. Waschbären, Füchse, Dachse, Wildschweine oder auch Marder oder Siebenschläfer fühlten sich in Karlsruhe aber sehr wohl. „Sie finden hier einen reich gedeckten Tisch“, erklärt der Biologe.

Rückzugsorte suchen sich Füchse in den Städten – etwa in Baustellen, in denen es warm und trocken ist. | Foto: dpa

Einer, der in der Stadt besonders heimisch geworden ist, ist der Fuchs. „Man vermutet, dass mittlerweile mehr Füchse in der Stadt leben als im Wald und auf den Feldern“, berichtet der Wildtierbeauftragte der Stadt, Stefan Lenhard. Hier sei es wärmer, zudem hätten die Tiere mehr Ruhe, da ihre natürlichen Feinde fehlen und sie sich spezielle Rückzugsgebiete suchen – die Großbaustelle der Kombilösung beispielsweise. „Füchse können sich in sämtlichen Nischen eine Behausung zusammenstellen“, so Lenhard. In den Baustellen der Fächerstadt gebe es für sie ideale Rückzugsmöglichkeiten. „Dort ist es trocken, warm und abgesperrt – perfekte Verhältnisse also“, erklärt der Wildtierbeauftragte. Dass sich immer mehr Wildtiere in die Städte verirren, findet er nicht bedenklich: „Das ist eine ganz natürliche Entwicklung.“ Das Nahrungsangebot sei verlockend für die Tiere. Zu finden seien Wildschwein, Waschbär und Co. in den Karlsruher Randgebieten.

Vögel singen lauter – oder nachts

In der Stadt müssen die Tiere auch mit dem Lärm zurechtkommen. Hierfür haben beispielsweise Singvögel einen interessanten Weg gefunden. „Sie singen lauter oder in der Nacht“, sagt Biologe Mario Ludwig. Albrecht Manegold vom Naturkundemuseum spricht hier vom sogenannten Lombard-Effekt. Dieser besagt, dass ein Sprecher (oder in diesem Fall: ein Singvogel) bei Hintergrundlärm seine Lautstärke und meist auch seine Tonlage erhöht. „Amseln etwa“, sagt Manegold. Die beschallten mitunter ganze Hinterhöfe, um sich Gehör zu verschaffen. Dies sei besonders bei der Partnersuche unerlässlich. „Wer nicht gehört wird, bleibt allein“, sagt Biologe Manegold und lacht.

Kojoten kennen Verkehrsregeln

Spannend ist hier auch ein Blick in andere Länder. So berichtet zum Beispiel Tierbuchautor Mario Ludwig von den Kojoten in New York. Lebten die Allesfresser vor 100 Jahren noch ausschließlich in Wüsten und Prärien, zieht es sie zusehends in die Städte. In New York finden sie sich laut Ludwig sehr gut zurecht: „Sie haben sogar die Verkehrsregeln gelernt.“

Krähen und Autos

Und um noch einmal zu den Krähen zurückzukommen: Es gibt Aufzeichnungen aus Japan, nach denen sich die schwarzen Vögel direkt auf Ampeln positionieren, um ihre Nüsse vor die Autos zu werfen. Diese fahren darüber, in der nächsten Rotphase fliegen die Krähen nach unten, um den Inhalt aufzusammeln. Ob sie das auch in der Fächerstadt tun? Das ist wissenschaftlich noch nicht belegt. Viele Karlsruher berichten aber von ähnlichen Erlebnissen.