Lastenrad statt Auto: Der Architekt Andreas Seebacher und die Geoökologin Sarah Meyer-Soylu vor dem „Zukunftsraum für Nachhaltigkeit und Wissenschaft“.
Lastenrad statt Auto: Der Architekt Andreas Seebacher und die Geoökologin Sarah Meyer-Soylu vor dem Zukunftsraum für Nachhaltigkeit und Wissenschaft in der Oststadt. | Foto: Patricia Klatt

Nachhaltigkeit im Visier

Zukunftsraum in der Karlsruher Oststadt

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Von Patricia Klatt

Der Zukunftsraum in der Karlsruher Oststadt ist hell und freundlich. Er gehört zu zwei fachgebietsübergreifenden Projekten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT): „Quartier Zukunft? Labor Stadt“ und „Reallabor 131: KIT findet Stadt“, heißen sie.

Die Oststadt soll ein nachhaltigeres Stadtquartier werden

„Hierbei arbeiten Wissenschaftler Hand in Hand mit den Bewohnern des Viertels zusammen, mit dem Ziel, die Oststadt in ein nachhaltigeres Stadtquartier umzuwandeln“, sagt Andreas Seebacher, promovierter Architekt und Ko-Projektleiter des Reallabors 131. Das Ganze wird mit Forschungsgeldern finanziert und ist langfristig angelegt, auch die Stadt Karlsruhe ist mit im Boot.

„2013 haben wir 7 000 Haushalte angeschrieben und die Leute zu einem ersten Treffen eingeladen“, erinnert sich Seebacher. An die 20 Leute hätten an dem Abend spontan ihre E-Mail-Adressen ausgetauscht – und daraus habe sich dann letztendlich die „Oststadt-Nachbarschaft“ mit eigener Homepage, Newsletter und eigenem Blog entwickelt. Bei einem 2014 veranstalteten Bürgerforum haben die Wissenschaftler des KIT Ideen für die Umsetzung von mehr Nachhaltigkeit im Viertel gesammelt.

Alle zusammen entwickeln Ideen

„Das Besondere dabei ist zum einen, dass es nicht so gedacht war und ist, dass wir Vorschläge machen und die Leute sie dann umsetzen sollen, sondern dass alle zusammen in einem gemeinsamen Prozess Ideen entwickeln“, erläutert Sarah Meyer-Soylu. Sie ist Geoökologin und zuständig für die Wissenschaftskoordination und Kooperationen.

Das Projekt sei von Anfang an auf mehrere Jahre konzipiert gewesen: „Dadurch haben wir viel mehr Spielraum in der Umsetzung bekommen und es war auch nicht schlimm, dass manche Sachen wieder ,im Sande verlaufen sind‘, wie zum Beispiel die Fassadenbegrünung“, so Meyer-Soylu. Auch die angestrebte Reduzierung des Individualverkehrs überzeugt noch nicht wirklich, wie ein Blick in die vollgeparkte Straße zeigt.

Die nachhaltige Stadtentwicklung gilt als eine der drängenden Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dabei ist die digitalisierte und am Reißbrett entworfene Stadt nicht alles – der „Faktor Mensch“ und sozialen Komponenten sollen ebenfalls eine große Rolle spielen.

Standort der Refill-Initiative

In der Oststadt sammelten die Bürger Vorschläge zu Themen wie Leben und Wohnen, Alltagsmobilität, Klima und Energie, die im Alltag in den bereits bestehenden Strukturen in der Oststadt verwirklicht werden konnten. „Das waren Sachen wie ,Beete & Bienen‘ und Urban-Gardening oder Mobilität mit dem Lastenrad“, sagt Meyer-Soylu. Der Zukunftsraum ist zudem ein Standort der bundesweiten „Refill-Initiative“, die unter dem Motto steht: „Plastikmüll vermeiden – Leitungswasser trinken – Wasserflasche auffüllen.“

Auch ein „Reparatur-Café“ wurde mehrfach angeboten – „Es hat sich mittlerweile verselbstständigt und ist ein eingetragener Verein“, so Meyer-Soylu. Sie persönlich sei froh gewesen, dass dorthin nicht nur Leute kamen, die etwas repariert haben wollten, sondern auch Leute, die tatsächlich noch reparieren können.

Im Zukunftsraum kommt die Wissenschaft zu den Bürgern

„Es gibt auch regelmäßige Vorträge über diverse Nachhaltigkeitsaspekte, bei denen wir uns bemühen, auch den globalen Bezug herzustellen wie bei fairer Kleidung, Saatgutsouveränität oder dem Thema Ernährung“, berichtet Andreas Seebacher: „Die Wissenschaft kommt damit zum Bürger und wir haben in den letzten Jahren ein Vertrauensverhältnis zu den Leuten aufgebaut“, betont er. Man dürfe nie vergessen, dass der momentane Kulturwandel hin zu mehr Nachhaltigkeit immer mit den Menschen zusammen stattfinden müsse, eine sharing-economy – also eine Ökonomie des Teilens – brauche nun mal Leute, die mitmachen.

Das Projekt „nachhaltige Zukunft in der Oststadt“ hat bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt und bereits mehrere Preise bekommen. Nicht nur das Team freut sich darüber, dass es in der Karlsruher Oststadt auch in Zukunft um die Zukunft gehen wird.

Was sind Reallabore?
In Reallaboren begeben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in reale Veränderungsprozesse, dort werden Praktiker aus Kommunen, Sozial- und Umweltverbänden oder Unternehmen von Anfang an in den Forschungsprozess einbezogen. In diesem ergebnisoffenen Prozess entsteht Wissen, das in der Praxis etwas bewirkt. Mehr dazu.

Karlsruher Reallabor wird ausgebaut
Unter Federführung des KIT wird in Karlsruhe in den kommenden zwei Jahren das „Transformationszentrum für nachhaltige Zukünfte und Kulturwandel“ (KAT) entstehen. Darin werden mögliche Übergänge zu nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen in engem Austausch mit Bürgern und anderen gesellschaftlichen Akteuren entwickelt, erforscht und erprobt. Neben der Weiterführung bereits laufender Reallaboraktivitäten soll mit dem entstehenden Transformationszentrum das Aufgabenspektrum ausgebaut werden und Bildung, Beratung sowie transdisziplinäre Grundlagenforschung das Portfolio des bestehenden Reallabors ergänzen. Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg fördert die Konzeption und Entwicklung des KAT mit 480.000 Euro. Mehr dazu.

Und hier geht es zum Quartier Zukunft.