Gefragtes Naherholungsgebiet: Die Knielinger Feldflur lockt nicht nur in Corona-Zeiten Erholungssuchende. Die Radwege, die durch das Areal führen, sind an das regionale Radwegenetz angebunden.
Gefragtes Naherholungsgebiet: Die Knielinger Feldflur lockt nicht nur in Corona-Zeiten Erholungssuchende. Die Radwege, die durch das Areal führen, sind an das regionale Radwegenetz angebunden. | Foto: jodo

Zwischen Rhein und B36

Verkehrsplanung kontra Naturschutz: Planung der zweiten Rheinbrücke ist in Karlsruhe-Knielingen umstritten

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Es ist die pure Idylle, auch wenn im Hintergrund die Türme der Raffinerie sich erheben, der Verkehrslärm der Südtangente zu hören ist. Am Himmel kreist ein Storch, ein Bauer pflügt das Feld. An der Alb sitzen Familien mit Kindern. Andere ziehen per Rad oder Fuß über die Wege und Feldwege – die Knielinger Feldflur ist ein Stück Natur in einer vielfach zersiedelten Landschaft und eine grüne Lunge für Knielingen, das in den vergangenen Jahrzehnten viel Natur eingebüßt hat.

Doch nun steht ein weiterer starker Eingriff am Horizont. Er geht einher mit der Planung der zweiten Rheinbrücke etwa 1.000 Meter rheinabwärts von der bisherigen Brücke.

Untersucht wird nämlich der Anschluss der zweiten Rheinbrücke direkt an die B36 nördlich an Knielingen vorbei. Die Maßnahme steht im Bundesverkehrswegeplan 2030 im vordringlichen Bedarf. Der Bedarfsplan sieht eine Anbindung der geplanten zweiten Rheinbrücke an die B10 über das Ölkreuz vor, aber auch eine Verknüpfung zwischen der zweiten Rheinbrücke und der B36 über eine Querspange.

Wenn die Straße kommt, verlieren wir viel, nämlich den Freiraum, den wir auf dieser Seite von Knielingen noch haben.

Ursula Hellmann, Vorsitzende des Bürgervereins Knielingen

Die zügige Weiterplanung der Querspange ist eine Auflage aus dem Planfeststellungsbeschluss des Regierungspräsidiums zur zweiten Rheinbrücke und eine Forderung der anhängigen Klagen. Mit der Querspange soll die Verkehrsbelastung der Südtangente reduziert werden.

Bedrohte Natur: In diesem Wiesengelände zwischen Knielingen und der Raffinerie im Hintergrund soll die Trasse aller Voraussicht nach entstehen, wie Ursula Hellmann, die Vorsitzende des Bürgervereins, erläutert.
Bedrohte Natur: In diesem Wiesengelände zwischen Knielingen und der Raffinerie im Hintergrund soll die Trasse aller Voraussicht nach entstehen, wie Ursula Hellmann, die Vorsitzende des Bürgervereins, erläutert. | Foto: jodo

Für Ursula Hellmann, Vorsitzende des Bürgervereins Knielingen, ist bei einem Rundgang mit dem BNN-Redakteur durch die Knielinger Feldflur mit dem Blick auf Felder, Kleingärten, Radwege und einzelne Häuser klar: „Wenn die Straße kommt, verlieren wir viel, nämlich den Freiraum, den wir auf dieser Seite von Knielingen noch haben.“

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Knielinger Bürger haben unterschiedliche Meinungen

Das Argument mit der Entlastung der Südtangente kann die Vorsitzende des Bürgervereins Knielingen nicht nachvollziehen: Man baue ja nicht für jede stark belastete Straße in Karlsruhe eine Ersatzstraße. Sie weiß aber auch, dass es unterschiedliche Meinungen in Knielingen gibt. Die einen befürchten die Zerstörung der Natur, andere hoffen auf die Entlastungswirkung, speziell in der Rheinbrückenstraße. „Die Brückensperrung 2018 hat bei manchem den Wunsch nach einer Umgehung befördert.“

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Die Karlsruher Kommunalpolitik vertritt in dieser Sache eine schwierige Position. Sie ist mehrheitlich gegen diese Brückenplanung, die Stadt klagt gegen den Beschluss, doch einen Anschluss an die B36 bei Neureut halten die allermeisten Akteure für notwendig – wenn die Brücke denn kommt wie geplant.

Für OB Frank Mentrup (SPD) als Wortführer der städtischen Klage ist dies ein zentrales Argument in der Angelegenheit. So fehle im Planfeststellungsbeschluss ein rechtlich belastbares Junktim zwischen Brückenbau und Bau einer B36-Anbindung, begründet er unter anderem die Klage. Die alleinige Verkehrsableitung über die Südtangente mit Anschluss am Ölkreuz würde dort zu bedenklichen Situationen in puncto Verkehrssicherheit führen, Südtangente und innerstädtisches Straßennetz sieht Mentrup weiter belastet.

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Gravierender Eingriff in die Natur

Eine Kapazitätssteigerung durch eine zweite Rheinbrücke sei nur mit B36-Anschluss sinnvoll, so Mentrup. So gab es im April 2019 erneut einen Mehrheitsbeschluss des Rats, der so lautet: „Der Gemeinderat setzt sich – unabhängig von der jeweiligen Grundeinstellung zur zweiten Rheinbrücke – dafür ein, dass eine Inbetriebnahme der Rheinbrücke ohne zeitgleichen Anschluss an die B36 keinesfalls durchgeführt werden darf.“

Allerdings: Nicht nur die Naturschützer, sondern auch die Akteure der Karlsruher Politik wissen, dass dieser Eingriff in die Natur noch gravierender ist als die Brückenplanung auf badischer Seite.

Bei den Menschen, die vor Ort in dem Gebiet unterwegs sind, sieht der Kenntnisstand unterschiedlich aus. Die Debatte über die zweite Rheinbrücke hat der Familienvater, der an der Spitze seiner Familie Richtung Alb radelt, verfolgt, doch dass damit auch der Bau einer Straße quer durchs Knielinger Feld verbunden ist, hat er noch nicht gehört. Vor sechs Jahren ist die Familie mit ihren zwei Kindern vom Elsass ins Neubaugebiet Knielingen 2.0 gezogen.

„Die zweite Rheinbrücke muss sein, aber es ist natürlich schade, wenn noch mehr Natur zerstört wird“, sagt die Ehefrau. Eine Frau aus Eggenstein führt ihren Hund aus, sie ist Imkerin, ihre Bienenkörbe stehen am Ortsrand von Knielingen. Sie befürwortet ebenfalls die zweite Rheinbrücke, kennt aber auch die Debatten um einen Anschluss an die B36. „Das geht doch hier durch“, stellt sie fest.

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Ergebnisse dieser Umweltverträglichkeitsprüfung erwartet

Sie fragt sich, ob es nicht eine schonende Variante für die Querspange gebe. Momentan laufe noch die Untersuchung der vorgeschlagenen Varianten und die Umweltverträglichkeitsprüfung, so Irene Feilhauer, Sprecherin des Regierungspräsidiums. Die Ergebnisse dieser Umweltverträglichkeitsprüfung liegt noch nicht vor.

Außerdem gilt es noch andere Aspekte zu prüfen, so Feilhauer. Als da wären die Frage der Wirtschaftlichkeit der jeweiligen Variante, des Lärms und der Verkehrsqualität. Und es gilt die Frage des Störfallrechts zu prüfen. Denn eine der Varianten läuft direkt an der Raffinerie vorbei. „Das ist alles eine Frage der Abwägung“, so Feilhauer. Wenn die Ergebnisse vorliegen, gehen diese in den sogenannten Projektbegleitkreis, in dem neben den Behörden unter anderem die Umweltverbände vertreten sind.

Ich wohne seit 45 Jahren in Knielingen – diese Trasse war immer Thema.

Ursula Hellmann, Vorsitzende des Bürgervereins Knielingen

Für Ursula Hellmann, selbst Mitglied des eingerichteten Begleitgremiums, ist die Variantenplanung allerdings nicht mehr offen. Schon beim ersten Termin sei klar gemacht worden, dass die umweltschonendere Variante an der Raffinerie entlangeigentlich ausscheide – wegen Sicherheitsauflagen. Wegen des Anschlusses in Neureut-Süd wird diese auch in Neureut favorisiert. Angepeilt ist stattdessen, so Hellmanns Eindruck, die Variante mitten durch die Feldflur, die zudem noch das seit Jahrzehnten umzäunte 40 Hektar große Gewann Waid nahe der Kläranlage quert.

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Auf dem einstigen Panzerübungsplatz der US-Armee, inzwischen ein Naturidyll, wurden naturschutzrechtliche Ausgleichsflächen für das Baugebiet Knielingen 2.0 angelegt. Sie stellt sich zudem die Frage, warum die geplante Querspange vierspurig sein muss. „Ich wohne seit 45 Jahren in Knielingen – diese Trasse war immer Thema“, resümiert sie. Denn für Ursula Hellmann ist dies eine Nordtangente in neuem Kleid. „Aber die ist doch eigentlich beerdigt worden, oder?“