Auf der Osterinsel war die Welt für Renate und Albert Süß noch in Ordnung. Das Ehepaar aus Stutensee erlebte inmitten einer 16-wöchigen Weltreise den Ausbruch der Corona-Pandemie mit allen möglichen Auswirkungen auf das Kreuzfahrtschiff. | Foto: privat

Weltreise mit Hindernissen

Ab Sydney kam die Corona mit an Bord

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„Eine Kreuzfahrt auf der ,Costa Deliziosa’ schenkt ihnen unvergessliche Momente“, heißt es in der Werbung der italienischen Reederei, zu der das Kreuzfahrtschiff gehört. „Das stimmt in der Tat“, sagen Renate und Albert Süß unisono – und bekunden trotz allem, „sofort wieder“ an Bord des Luxuskreuzers gehen zu wollen. Und das, obwohl das Rentnerpaar aus Blankenloch während seiner 16 Wochen dauernden Weltreise den Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa erlebte.

 In Venedig war die Welt noch in Ordnung

Aber der Reihe nach: Am 5. Januar brechen die Beiden mit der „Costa Deliziosa“ von Venedig zur Weltumrundung auf – an Bord rund 1.800 Passagiere und 900 Besatzungsmitglieder. Durchs Mittelmeer führt die Route zunächst zur Straße von Gibraltar. Teneriffa wird besucht, über den rauen Atlantik geht es weiter nach Barbados, wo tropische Temperaturen und Sandstrände den nasskalten Januar in der Heimat rasch vergessen lassen. An Bord hat sich inzwischen aus einigen Dutzend Passagieren ein Chor formiert – und es dauert nicht lange, bis man dem langjährigen Vizedirigenten der „Concordia“ Blankenloch den Taktstock überlässt.
Beeindruckt sind die Weltreisenden vom Panamakanal, von wo aus es über den Äquator nach Ecuador geht, wo das Paar Ende Januar seinen 25. Jahrestag feiert. In Chile wird die Stadt Arrica angesteuert, wo bereits der Karneval auf Hochtouren läuft. Die Osterinseln werden angesteuert, dann Pitcairn, wo die Nachfahren der Meuterer der „Bounty“ leben und Papeete auf Tahiti (Französisch-Polynesien). Natürlich fehlt Bora-Bora nicht, für Albert Süß „die schönste Insel der Welt“. Bevor Neuseeland angesteuert wird, müssen die Passagiere den 23. Februar streichen – und ihre Uhren vom 22. direkt auf den 24. Februar stellen. Der Grund: die Datumsgrenze.

 

Kapitän informiert über Corona

Als die „Costa Deliziosa“ im Hafen von Sydney liegt, informiert der Kapitän die Passagiere, dass sich das Coronavirus im asiatischen Raum immer mehr ausgebreitet und man deshalb aus Sorge um die Gesundheit der gut 2.700 Menschen an Bord die geplante Route über Japan, Südkorea, China und Singapur gecancelt habe. „Das wurde alles sehr professionell rübergebracht“, erzählt Renate Süß rückblickend. Und zollt gleichzeitig den Verantwortlichen an Bord und der Reederei ein dickes Lob: „Die mussten ja alles mögliche umplanen. In kürzester Zeit eine neue Route planen, umorganisieren und und und“.
Im heimischen Wohnzimmer zieht Albert Süß auf einer Weltkarte die neue Tour nach. Die südlich von Australien gelegene Naturschönheit Tasmanien steht nun auf dem Plan, dann Adelaide und Albany in Westaustralien. „Da hatten wir unseren letzten Landgang“, erzählt der 79-jährige Weltenbummler.
Das Problem: Etwa ein Dutzend Passagiere, die von einem Ausflug in Australien an Bord zurückkehrten, mussten aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen 14 Tage in Quarantäne bleiben. Für alle übrigen Passagiere wurden die Hygienemaßnahmen verschärft – mittlerweile wütete das Coronavirus in Italien, dem Heimatland des Schiffes und es galten entsprechende Verordnungen. Abstand halten, Hände desinfizieren war das eine, zudem durfte man nicht mehr an die Bartheken ran, die Tanzkurse an Bord wurden abgesagt, es gab mehr Showtermine mit jeweils weniger Gästen und an den Buffets wurde die Selbstbedienung abgeschafft.

 

Küstenwache nimmt kranke Passagiere auf

„Jeden Tag wurde Fieber gemessen“, berichtet Albert Süß, und bei Stopps vor Mauritius oder den Seychellen wurden von den jeweiligen Küstenwachen kranke Patienten abgeholt. „Die hatten aber keine Corona“, so Renate Süß, „sondern eher Herz-Kreislauf, Magenprobleme oder Schlaganfälle“. Da viele Passagiere zu den älteren Semestern zählten, sei das „eine zusätzliche Herausforderung für unser schwimmendes Altersheim“ gewesen. Indes: „Wir hatten nie das Gefühl, dass man Angst haben muss.“
Auch als das Schiff nach dem Verlassen des Hafens in Dubai Richtung Jemen wegen der Piratengefahr abgedunkelt wurde, sei sie völlig entspannt gewesen, berichtet die 71-Jährige. Durch den Suezkanal führte die Reise zunächst nach Malta – auch dort gab es keine Erlaubnis, den Hafen anzusteuern.
Im sizilianischen Marsala wurde es dann ernst: Küstenwache und Polizei kamen an Bord und der Kapitän bat alle Passagiere, in ihren Kabinen zu bleiben. „Wir wurden fast zwei Tage lang optimal versorgt, durften aber nicht raus“, erzählt Albert Süß. Der Grund: Bei einem Passagier gab es den Verdacht auf Corona, was sich nach zweitägigen Untersuchungen an Land dann aber als nicht zutreffend herausstellte. „Als dann wieder die Bars geöffnet wurden, war die Erleichterung deutlich zu hören und zu spüren“, erinnert sich Süß.
In Barcelona gingen die spanischen Passagiere von Bord, was man den französischen in Marseille indes verwehrte. In Genua schließlich war für alle die Reise zu Ende – und die Reederei sorgte für eine reibungslose Heimreise.
Den Taktstock durfte Albert Süß übrigens doch noch schwingen: Am letzten Abend gestaltete der Chor ein Konzert. Natürlich auch mit „Auld Lang Syne“, dem Lied der wohligen Erinnerungen.