Krämpfe gehören zu den Begleiterscheinungen, mit denen ein Patient mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung zu kämpfen hat. | Foto: Adobe Stock/ Robert Kneschke - Fotolia

Gastroenterologe im Interview

Corona und Darmerkrankung: In Panik Medikamente abzusetzen ist ein Risiko

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Falk Dillmann ist als Hausarzt und Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie in einer Praxis im Karlsruher Stadtteil Rintheim tätig, in der auch Patienten aus dem nördlichen Landkreis betreut werden. Mit unserem Redaktionsmitglied Patric Kastner redet er über die Auswirkungen des Coronavirus auf Menschen mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung.

Wie gefährdet sind Menschen mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (CED) während dieser Zeit?

Dillmann: Das kann man nicht pauschal beantworten. Wir wissen eigentlich noch zu wenig darüber und haben schlichtweg zu wenig Daten, um zu sagen, dass Menschen mit einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung gefährdeter sind als andere. Insbesondere gefährdeter, dass eine potenzielle Coronavirus-Infektion einen gravierenden Verlauf nimmt. Man muss ebenfalls darauf achten, wie gut die Patienten auf ihre CED eingestellt sind. Und womöglich muss man sich fragen, ob eine immunsuppressive Therapie einen schweren Verlauf einer Virus-Infektion begünstigt.

Der Einfluss von Immunsuppressiva wird sehr kontrovers diskutiert.

Falk Dillmann, Hausarzt und Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie

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Da Sie es gerade ansprechen: Welche Wirkung haben Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen, so genannte Immunsuppressiva?

Dillmann: Der Einfluss von Immunsuppressiva wird sehr kontrovers diskutiert. Man muss wissen, dass ein Problem der Coronavirus-Infektion darin besteht, dass es zu einer überschießenden Immunreaktion im Bereich der Lunge, vor allem in den tiefen Lungenabschnitten, kommt. Dadurch wird ein massiver Entzündungsprozess in Gang gesetzt, der dort zur Folge hat, dass der Sauerstoff schlechter ins Blut aufgenommen wird. Es gibt tatsächlich sogar Diskussionen, ob eine immunsuppressive Therapie geeignet ist, diese überschießende Immunantwort einzudämmen.

Falk Dillmann ist Gastroenterologe in einer Praxis in Rintheim.

Immunsuppessiva, welche Medikamente sind das?

Dillmann: Das ist eine riesige Gruppe von Medikamenten, die an unterschiedlichen Stellen in das Immunsystem eingreifen. Dazu gehören Medikamente, die in der Chemotherapie eingesetzt werden, aber auch immunmodulierende Stoffe, wie sie beispielsweise bei Rheuma-Patienten oder Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt werden. Wir nehmen zwar an, dass Menschen mit einer Krebserkrankung, die sich einer stark immunsystem-unterdrückenden Therapie unterziehen, deutlich gefährdeter sind, an Covid-19 zu erkranken, letztlich fehlen uns aber die Daten, um diese Aussage zu 100 Prozent zu untermauern.

Es gibt mittlerweile zwei große Register mit Daten von Menschen, die eine CED und eine gesicherte Covid-19-Infektion haben

Falk Dillmann, Hausarzt und Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie

Werden Daten von Menschen mit einer CED in Bezug auf das Coronavirus gesammelt?

Dillmann: Ja. Es gibt mittlerweile zwei große Register mit Daten von Menschen, die eine CED und eine gesicherte Covid-19-Infektion haben, um diese Erfahrungen zentral zu sammeln und auszuwerten. Bis Ostersonntag waren rund 300 Patienten in das Register eingepflegt worden. Offiziell publizierte Daten gibt es bisher allerdings noch nicht. Ich denke aber, dass in den nächsten Wochen und Monaten diese Daten veröffentlicht werden.

Die Daten sind noch nicht ausreichend. Was sollen diese Menschen nun tun?

Dillmann: Am Ende des Tages heißt es ganz klar, dass sie besondere Vorsicht walten lassen müssen: Menschenansammlungen meiden, Sozialkontakte geringhalten, das konsequente Tragen eines Mundschutzes und auf eine vernünftige Hygiene achten – Hände waschen oder, wenn möglich, sogar desinfizieren. Mehr vernünftige Empfehlungen gibt es zurzeit nicht.

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Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, können bei den Patienten eine höhere Anfälligkeit für Infekte hervorrufen. Soll man deswegen die Medikamente absetzen?

Dillmann: Auf gar keinen Fall. Ein Beispiel: Bluthochdruck-Patienten nehmen unter anderem so genannte ACE-Hemmer. Der ACE-Rezeptor ist als Eintrittspforte für das Coronavirus bekannt. Es gab Diskussionen, ob solche Patienten ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken. In Panik haben manche dann die Medikamente abgesetzt, mit der Folge, dass sie wieder Probleme mit Bluthochdruck bekommen haben – bis hin zum Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Man muss das bei den Patienten mit einer CED, die Medikamente nehmen, genauso sehen. Wenn die Erkrankung wieder aktiv wird, muss man wieder medizinisch behandelt werden oder es können Komplikationen bis hin zur notfallmäßigen Aufnahme im Krankenhaus kommen. Man kommt in eine Situation, in der die Körperabwehr durch die aufflammende Grunderkrankung massiv unter Druck gesetzt wird.

Apropos Druck: Eine chronisch entzündliche Darmerkrankung kann psychisch belastend sein. Wie belastend ist zusätzlich die aktuelle Lage für diese Menschen?

Dillmann: Wahrscheinlich gibt es hier auch zu wenig Daten, wie viele CED-Patienten aufgrund der derzeitigen Lage einen Schub bekommen. Ich denke, dass man damit rechnen muss, vor allem je länger die ganze Geschichte dauert. Letzten Endes sehen wir ja gerade, dass psychische Erkrankungen, Angsterkrankungen und Panikattacken vermehrt auftreten.

Solange man fit und in einer guten körperlichen Verfassung ist, muss man sich keine zu großen Sorgen machen.

Falk Dillmann, Hausarzt und Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie

Welche Aspekte sind für eine schwere Coronavirus-Infektion ausschlaggebend?

Dillmann: Die entscheidenden Faktoren sind letzten Endes Alter, Vorerkrankung und hier vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und schwere Lungenerkrankungen. Dazu zählt auch die chronische Bronchitis. Es zählt aber explizit nicht das Asthma dazu. Wir wissen mittlerweile, dass ein Asthmatiker kein erhöhtes Risiko hat, an Corona zu erkranken. Solange man fit und in einer guten körperlichen Verfassung ist, und da sind tatsächlich viele, aber nicht alle Menschen mit einer gut behandelten CED einzurechnen, muss man sich keine zu großen Sorgen machen. Man muss sich aber in Acht nehmen, da es bei den CED-Patienten nicht wenige gibt, die mangelernährt sind oder nicht in sogenannter Remission.

Also jung und vorerkrankt ist besser als alt und vorerkrankt?

Dillmann: So sieht es aus.

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Horrorszenario: Draußen wütet ein Virus und man bekommt einen Schub. Was tun?

Dillmann: Auf jeden Fall den Hausarzt oder behandelnden Gastroenterologen anrufen – das sollte immer der erste Schritt sein, bevor man dann womöglich ins Krankenhaus geht. Aus der Erfahrung weiß man aber, dass nicht jedes Anzeichen eines möglichen Krankheitsschubs wirklich einen Krankheitsschub mit sich bringt. CED-Patienten können auch eine normale Durchfallerkrankung bekommen und es gibt andere infektiöse Durchfallerkrankungen, die gehäuft bei Patienten mit einer Immunsuppression oder einer CED vorkommen. Das kann auch wie ein Schub aussehen. Ein ganz großes Problem: Viele Patienten mit einer Coronavirus-Infektion haben Durchfall. Die anfänglichen Daten sprachen rund von einem Drittel der Patienten. Da gilt es, mit dem Arzt das Thema gründlich zu besprechen und zu überlegen, ob es denn Covid-19 sein könnte. Nicht jeder Schub ist ein Notfall, und der lässt Zeit, gründlich zu evaluieren, was dahintersteckt. Man hat die Zeit, eine Corona-Diagnostik zu machen, um eine Infektion auszuschließen und schlussendlich den Patienten die Angst zu nehmen, dass sie mit Covid-19 infiziert sind, aber auch den behandelnden Ärzten, dass nicht jeder Patient mit Durchfallsymptomen am Coronavirus erkrankt ist.

Darmerkrankungen
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehören zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, kurz auch CED genannt. Die Krankheiten verlaufen in Schüben, deren Ausprägungen unterschiedlich sein können. Auch hat ein Patient mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung immer mal wieder schubfreie Phasen. Während Morbus Crohn den kompletten Verdauungsapparat befallen kann, wütet Colitis ulcerosa im Dickdarm und verursacht dort Entzündungen. Zu den Merkmalen während eines Schubs zählen unter anderem Durchfälle, Krämpfe und der Verlust von Gewicht. Auch Blutarmut und Fieber können Begleiterscheinungen sein. Die Krankheiten sind leider noch nicht heilbar. Auch sind deren Ursachen noch nicht ganz geklärt, wohl aber, dass das Immunsystem dabei eine Rolle spielt. Eine Vermutung liegt nahe, dass bei den Patienten die Darmbarriere gestört ist, die dann eine Antwort des Immunsystems und damit Entzündungen auslöst. Unter normalen Gesichtspunkten hat die Darmbarriere die Aufgabe, Erreger und Keime fernzuhalten.