Zukunftschance: Geflüchtete schaffen sich über die Qualifizierung zum Lokführer Sicherheiten und dämpfen den Personalmangel der Verkehrsgesellschaften.
Zukunftschance: Geflüchtete schaffen sich über die Qualifizierung zum Lokführer Sicherheiten und dämpfen den Personalmangel der Verkehrsgesellschaften. | Foto: Hora

Integrations-Coachs helfen

Die Ausbildung von Flüchtlingen zu Lokführern ist ein „Erfolgsrezept“

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Eine sichere Zukunft, Integration und vielleicht sogar die Möglichkeit, heiraten und eine Familie gründen zu können: Mohammad Almadani aus Syrien und Mhamed Jamal Naji aus Marokko kommen diesen Lebenswünschen näher. Die beiden Männer im Alter von 27 Jahren nehmen neben 13 weiteren Personen am Qualifizierungskurs für Geflüchtete teil und werden so zu Lokführern ausgebildet.

„Mit dem Projekt können wir zwei große Anliegen verbinden: die Integration von Flüchtlingen und den Kampf gegen den Personalmangel bei Lokführern“, sagt Winfried Hermann, Verkehrsminister von Baden-Württemberg, bei einer Ausbildungsfahrt von Karlsruhe nach Rastatt. Das Landesministerium für Verkehr, die Bundesagentur für Arbeit sowie die MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft, die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), Abellio Rail und Go-Ahead Baden-Württemberg haben sich für das Projekt zusammengeschlossen.

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25 Prozent der Züge fallen aus Personalmangel aus

„Dass Geflüchtete zu Lokführern ausgebildet werden, hat es so noch nicht gegeben“, sagt Winfried Hermann. Rund 1,1 Millionen Euro geben die Beteiligten für das Projekt aus: etwa die Hälfte bezahlt die Bundesagentur für Arbeit, je rund ein Viertel zahlen das Land sowie die Verkehrsgesellschaften. Drei bis vier dieser Qualifizierungskurse landesweit nennt Hermann als Ziel. Denn 25 Prozent der Zugausfälle seien auf Personalmangel bei den Lokführern zurückzuführen.

Der Kurs ist demnach eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Hannelore Schuster, Sprecherin von Abellio Rail Baden-Württemberg

„Die Personaldecke ist so knapp, dass es sich sofort bemerkbar macht, wenn etwa jemand krank wird“, sagt er. Auch Hannelore Schuster, Sprecherin von Abellio Rail Baden-Württemberg, betont, dass jedes der Unternehmen Fachpersonal wie Lokführer brauche, um sich langfristig ein gewisses Polster aufzubauen. „Der Kurs ist demnach eine Win-win-Situation für beide Seiten.“ Das gemeinsame Projekt sei gleichzeitig aber nicht die Lösung des Problems, so Alexander Pischon, Geschäftsführer der AVG. „Es ist ein Baustein.“

Die größte Herausforderung für die Kursteilnehmer ist die deutsche Sprache, da sind sich Mohammad Almadani, Mhamed Jamal Naji und AVG-Ausbildungsleiter Torsten Krüger einig. „Bereits zu Beginn ist ein recht hohes Sprachniveau gefordert. Aber das Fachdeutsch fehlt. Das bringen wir ihnen dann bei“, so Krüger. Ein Jahr haben er und seine Kollegen bei den anderen Verkehrsgesellschaften dafür Zeit. „Sie sind aber alle sehr motiviert.“

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Geflüchtete sehen Qualifizierung als Chance

Das bemerkt auch Marc Giesen, Geschäftsführer der MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft, welche für die Ausbildung hauptsächlich verantwortlich ist: „Die jungen Menschen, die bei uns anfangen, begreifen das Projekt als Chance.“ Die Projektteilnehmer müssen sich selbst auf die Stelle bewerben. Diese Intention und den Willen spüre man im täglichen Arbeiten, sagt Giesen.

Man kann nicht dort anfangen, wo man es sonst tut.

Marc Giesen, Geschäftsführer der MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft

Sechs Geflüchtete sind bei der AVG angestellt, je vier bei Go-Ahead und MEV, Abellio stellt einen Platz. „Das sind Menschen, die vor ihrer Ausbildung vielleicht noch nichtmal einen Zug gesehen haben“, so Giesen. „Man kann nicht dort anfangen, wo man es sonst tut.“ Ein Integrations-Coach, der wiederum vom Land gestellt wird, begleitet die Azubis, leistet Hilfestellungen und fungiert als Vertrauensperson.

Integration erfolgt auch auf dem Arbeitsmarkt

„Das Projekt eröffnet Flüchtlingen die Chance auf einen Qualifikationsabschluss und damit eine langfristige Integration auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Benjamin Gondro, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt: „Die Teilnehmer erhalten ein Gehalt und können so ihren Lebensunterhalt unmittelbar bestreiten.“ Das Modellprojekt lasse sich nicht eins zu eins auf andere Bereiche übertragen, so Gondro weiter. „Aber der Ansatz innovativ zu sein, neue Wege zu gehen, neue Personenkreise zu erschließen und Herausforderungen gemeinsam zu meistern, war sicher ein Erfolgsrezept.“

Die MEV Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft fährt deutschlandweit mit rund 450 Personen Züge im Güter- und Personenverkehr. Das Unternehmen stellt Verkehrsbetrieben nicht nur Personal zur Verfügung, sondern bildet auch eigenen Nachwuchs sowie Fachkräfte für Fremdunternehmen in allen Bereichen der Bahnbranche aus.
Mit über 800 Mitarbeitern sorgt die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Karlsruher Verkehrsverbund für den Öffentlichen Personennahverkehr aus Bus und Bahn im Stadt- und Landkreis Karlsruhe sowie in Richtung Schwarzwald.
Abellio Rail Baden-Württemberg betreibt seit 2019 im Auftrag des Landes den regionalen Zugverkehr im Stuttgarter Netz/Neckartal. Darunter sind auch Regionalbahnen auf der Strecke zwischen Stuttgart und Heidelberg – die nach Pforzheim oder über Bretten und Bruchsal führen.
Für Teile des Stuttgarter Schienennetzes ist zudem das Verkehrsunternehmen Go-Ahead Baden-Württemberg verantwortlich. Es betreibt eigene Regionalbahnen, die etwa Karlsruhe und Stuttgart über Pforzheim verbinden.