Spezialaufgabe: Während der Vorbereitungen zur Gleisunterquerung am Bahnhof Bruchsal musste das Stadtbauamt Geduld beweisen. „Es gibt in Deutschland nur sechs oder sieben Firmen, die in diesem Bereich arbeiten dürfen. Da haben wir dreimal ausgeschrieben“, berichtet Amtsleiter Oliver Krempel.
Spezialaufgabe: Während der Vorbereitungen zur Gleisunterquerung am Bahnhof Bruchsal musste das Stadtbauamt Geduld beweisen. „Es gibt in Deutschland nur sechs oder sieben Firmen, die in diesem Bereich arbeiten dürfen. Da haben wir dreimal ausgeschrieben“, berichtet Amtsleiter Oliver Krempel. | Foto: Heintzen

Landkreis Karlsruhe

Die Schatten des Booms: Städte und Gemeinden suchen Baufirmen

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Seit Jahren sorgen historisch niedrige Zinsen und staatliche Investitionen in die Infrastruktur zur Freude der Baufirmen für volle Auftragsbücher. Der Boom hat aber auch Schattenseiten. Nicht nur private Bauherren tun sich mit der Suche nach Dienstleistern schwer. Schon im Oktober berichtete Patrick Bohner, Leiter des Amtes für Straßen im Landratsamt, dass der Landkreis Karlsruhe aufgrund der guten Auslastung und einem Mangel an Personal in der Branche 2019 weniger Kreisstraßen werde sanieren können als geplant.

Einzelfall oder Normalzustand auch bei Städten und Gemeinden? Unser Redaktionsmitglied Laura Schüssler hat Fragen und Antworten zusammengestellt.

Wie stark ist der Rücklauf nach Ausschreibungen noch?

Der ist deutlich reduziert. Die Stadt Stutensee spricht von „generell weniger Angeboten“, in Ettlingen liegt der Rückgang bei 50 Prozent. Oliver Krempel, Leiter des Stadtbauamtes in Bruchsal, wird konkret: „Im Hochbau waren die Zahlen schon immer etwas schlechter. Aber noch vor einigen Jahren haben wir für ein attraktives Straßenbauprojekt zwölf oder 15 Angebote bekommen. Heute sind es höchstens noch fünf“, berichtet er. „Wenn es sich bei den wenigen Angeboten aber um fundierte Angebote handelt, reicht uns das“, sagt Ragnar Watteroth, Finanzdezernent im Landratsamt.

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Wie stellt die öffentliche Hand sicher, dass sie ihre Aufträge dennoch platzieren kann?

Städte und Gemeinden versuchen vorauszudenken. „Wir schreiben früher aus und hoffen, dass die Auftragsbücher der Firmen für den entsprechenden Zeitraum noch nicht voll sind“, informiert Oliver Krempel. Arbeiten würden oft ein halbes oder ein Dreivierteljahr vor Fälligkeit ausgelobt, berichtet Ragnar Watteroth. Und wenn möglich, wird den Firmen auch mehr Zeit gewährt.

Für Bauzeitverzögerungen, für die es keinen triftigen Grund gibt und die dem Bauherren zum Nachteil gereichen, können die Dienstleister zur Kasse gebeten werden

Führen der hohe Arbeitsdruck und der Personalmangel der Baufirmen auch vermehrt zu Verzögerungen auf den Baustellen?

Davon können die Bau- und Straßenämter nicht berichten. Das hat einen einfachen Grund: Für Bauzeitverzögerungen, für die es keinen triftigen Grund gibt und die dem Bauherren zum Nachteil gereichen, können die Dienstleister zur Kasse gebeten werden. Deswegen – so berichten die Baufirmen im Landkreis – geben sie auch nur dann Angebote ab, wenn sie die Arbeiten in der vorgegebenen Zeit erledigen können.

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Woran liegt es dann, wenn eine Baustelle mehr Zeit in Anspruch nimmt als angekündigt?

In den meisten Fällen hängt das mit der Witterung zusammen, beispielsweise mit „Dauerregen, der zu Überschwemmungen in der Baugrube führt“, wie die Stadt Ettlingen schreibt. Oder an Überraschungen im Untergrund – zum Beispiel an querlaufenden Leitungen, die auf keiner Karte verzeichnet sind.

Wie die Baufirmen berichten, sind Facharbeiter kaum noch zu finden

Worin liegt der Personalmangel begründet, den die Baufirmen beklagen und der auch einer der Gründe für die angespannte Situation ist?

Wie die Baufirmen berichten, sind Facharbeiter kaum noch zu finden. Der Bewerbermarkt ist leer gefegt. Ebenso schwierig ist es, Auszubildende zu rekrutieren. Angesichts eines im Vergleich mit anderen Branchen relativ attraktiven Lehrlingsgehalts ist das für die Chefs oft schwer nachzuvollziehen. Einerseits scheint sich da noch immer das lange Zeit schlechte Image der Baubranche bemerkbar zu machen, andererseits die Arbeitsbedingungen zum Beispiel bei großer Sommerhitze.

Wie schlägt sich der Boom auf die Preise nieder?

Die Preise sind generell gestiegen, Oliver Krempel spricht von bis zu 20 Prozent.