Fehlende Begegnungen: Aufgrund der Sicherheitsvorgaben zur Corona-Pandemie fallen der Volkshochschule Räume weg, wie etwa in Schulen, auf die sie für ihr Kursangebot und die Teilnehmerzahl jedoch angewiesen ist.
Fehlende Begegnungen: Aufgrund der Sicherheitsvorgaben zur Corona-Pandemie fallen der Volkshochschule Räume weg, wie etwa in Schulen, auf die sie für ihr Kursangebot und die Teilnehmerzahl jedoch angewiesen ist. | Foto: Murat/dpa

Begegnung fällt weg

Die Volkshochschule Karlsruhe-Land sieht ein finanzielles Defizit auf sich zukommen

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Der wöchentliche Pilates-Kurs, der regelmäßige Sprachunterricht oder spezielle Kenntnisse für den Beruf: In den Volkshochschulen kommen zahlreiche Bürger meist wohnortnahe und für kleines Geld zusammen, etwa um sich weiterzubilden, auf die Gesundheit zu achten oder Kontakte zu pflegen. Das ist seit Wochen nicht mehr möglich.

Insgesamt 16 Kommunen, davon 15 aus dem Landkreis Karlsruhe sowie die Stadt Bad Herrenalb, haben sich in der Volkshochschule Karlsruhe-Land vereint. Welche positiven und negativen Folgen diese aufgrund der Corona-Krise verbuchen muss, darüber sprach deren Leiter Heiko Müller mit unserem Redaktionsmitglied Janina Keller.

In welcher Ausgangslage befand sich die Volkshochschule Karlsruhe-Land, bevor die Corona-Krise das Angebot stilllegte?

Müller: Wir wurden in unserem Modernisierungsprozess unterbrochen. Die Volkshochschulen sind in einem Weiterbildungspakt mit dem Land Baden-Württemberg. Die Zuschüsse steigen, sofern bis 2022 ein Qualitätsmanagement etabliert wurde. Wir arbeiten seit einem halben Jahr an unserem Modell – der Lernerorientierten Qualitätstestierung in der Weiterbildung. Der Lerner steht hierbei im Mittelpunkt des Geschehens. Diese Entwicklung ist jetzt ins Stocken geraten.

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Was heißt das konkret?

Müller: Der Prozess lebt vom Austausch und der Evaluation in Gruppen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen sind Treffen abgesagt worden. Natürlich kann man viele persönliche Gespräche auch durch schriftliche ersetzen. Aber das ändert die Dynamik. Und aktuelles Krisenmanagement kann eben nicht warten, das lässt sich im Gegensatz dazu nicht verschieben.

Heiko Müller leitet die Volkshochschule-Land, an deren Bildungsangeboten 16 Kommunen beteiligt sind.
Heiko Müller leitet die Volkshochschule-Land, an deren Bildungsangeboten 16 Kommunen beteiligt sind. | Foto: privat

Befürchten Sie dadurch weitreichende Auswirkungen?

Müller: Wir stehen unter zeitlichem Druck, die Vorgaben bis 2022 zu erfüllen. Wenn man die Qualitätssicherung bis zum Stichtag nicht vorweisen kann, kann der Verband eine Einrichtung theoretisch ausschließen. Noch könnten wir die Unterbrechungsphase einholen.

Welche Aufgaben übernimmt die Volkshochschule denn in den Kommunen?

Müller: Die drei wichtigsten Punkte sind Bildung, Bewegung – sowohl körperlich als auch geistig – und Begegnung. Wir decken wohnortnahe und sozialverträglich eine ganze Bandbreite aus sechs Programmbereichen ab. Darunter sind etwa Gesundheit, Sprache, aber auch Arbeit und Beruf.

Die Möglichkeit der Begegnung ist mit der Pandemie weggefallen …

Müller: Das ist das Schlimmste an der Misere. Viele unserer Angebote tragen auch einen sozialen Aspekt. Der Gemeinschaftsgedanke kann derzeit nicht ausgelebt werden.

Viele Institutionen greifen auf digitale Alternativen zurück.

Müller: Wir können und wollen uns vor den digitalen Angeboten nicht verschließen, aber wir müssen sie im Rahmen unserer Möglichkeiten umsetzen. Personell haben wir nur bedingt Ressourcen. In den vergangenen Wochen hat die Digitalisierung aber an Dringlichkeit gewonnen. Über unsere klassischen Kanäle, wie Amtsblätter oder das Kursheft, ist vieles davon schwer zu bewerben. Oft trifft man damit nicht die Zielgruppe. Aber wir nutzen mitunter Kooperationen mit anderen Volkshochschulen. Unsere Angebote enden nicht am Ortsschild.

Wir setzen uns viel intensiver und schneller mit dem Thema auseinander, als es ohne die Corona-Krise der Fall wäre.

Heiko Müller, Leiter der Volkshochschule Karlsruhe-Land

Also erhält die Digital-Strategie auch bei Ihnen einen Schub?

Müller: Wir setzen uns viel intensiver und schneller mit dem Thema auseinander, als es ohne die Corona-Krise der Fall wäre. Unsere Kursleiter müssen sich erst einmal einfinden. Und es muss eine Bereitschaft der Teilnehmer folgen, sich darauf einzulassen. Die gegebenen Umstände bestärken das sicher.

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Sind Sie an bestimmte Vorgaben gebunden?

Müller: Als Volkshochschule können wir nicht jedes beliebige Tool nutzen, das es auf dem Markt gibt. Wir müssen strenge Datenschutzregeln beachten. Der Verband stellt eine Vhs-Cloud bereit.

Das vorläufige Kursprogramm endet im August. Werden sich die Entwicklungen im Neuen bemerkbar machen?

Müller: Wir planen derzeit das ab September gültige Programm, so gut es unter den aktuellen Vorzeichen möglich ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieses von der Corona-Krise gezeichnet sein wird. Wie massiv, ist noch nicht absehbar. Es wird aber bestimmt Änderungen geben, etwa mit Blick auf digitale Angebote, von denen wir ohne Corona wahrscheinlich ein paar weniger im neuen Programm hätten.

Für uns endet die Krise selbst nach den Lockerungen nicht.

Heiko Müller, Leiter der Volkshochschule Karlsruhe-Land

Sie haben die Hoffnung auf eine baldige Entscheidung der Politik, welche zumindest vereinzelte Vhs-Angebote wieder ermöglicht.

Müller: Für uns endet die Krise selbst nach den Lockerungen nicht. Ein Beispiel: Wir sind in vielen Fällen mit unseren Kursen nur Gast in Schulen. Dort ist eine Drittnutzung derzeit aus Hygienegründen ausgeschlossen. Das könnte auch noch eine Weile so bleiben. Wir wissen also nicht, ob wir ausreichend Räume zur Verfügung haben und sind dort dann auch an die jeweiligen Vorgaben gebunden. Eine reduzierte Gruppengröße ist für uns letztlich auch ein finanzielles Problem.

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Wie steht es denn grundsätzlich um die Finanzen?

Müller: Teilnehmer haben sich angemeldet, Gebühren bezahlt und bekommen jetzt nicht die volle Leistung. Das Geld verharrt bei uns als Gutschrift, weil sich unsere Kunden zum großen Teil sehr solidarisch zeigen und auf Rückerstattungen verzichten. Zu Jahresbeginn zahlten die Kommunen ihren Mitgliedsbeitrag, zudem flossen bereits Teilzahlungen der Landesförderung. Das verschafft uns einen gewissen Puffer. Über 60 Prozent basiert bei uns aber auf Eigenfinanzierung. Davon fällt ein wichtiger Teil weg, da Termine unterbrochen sind, nicht nachgeholt werden können oder ein Neustart von Kursen unmöglich ist. Das finanzielle Defizit wird voraussichtlich nicht ohne weitere Unterstützung der öffentlichen Hand auszugleichen sein.

Die Volkshochschule Karlsruhe-Land widmet sich als Verein der Bildungsarbeit in Kommunen – möglichst wohnortnahe und zugänglich für jeden Bürger. Zu ihren Aufgabenbereichen gehören etwa Kultur, Gesundheit, Ernährung, Sprache sowie Berufliche Weiterbildung. Dabei stehen Erwachsene aber auch die Jugend im Blickpunkt. Der Einrichtung angeschlossen sind insgesamt 16 Außenstellen. Aus dem Landkreis Karlsruhe gehören dazu Malsch, Marxzell, Rheinstetten, Dettenheim, Eggenstein-Leopoldshafen, Graben-Neudorf, Linkenheim-Hochstetten, Pfinztal, Stutensee, Walzbachtal, Weingarten, Kürnbach, Oberderdingen, Sulzfeld und Zaisenhausen sowie aus dem Landkreis Calw die Kurstadt Bad Herrenalb. Weitere Städte der Landkreise führen eigenständige Volkshochschulen.