Alkoholsucht ist ein Schwerpunkt der Kraichtal Kliniken. | Foto: Büttner / dpa

Interview mit Arne Zastrow

Chefarzt des Therapiezentrums Münzesheim: „Eine Sucht kommt selten allein“

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Arne Zastrow ist Chefarzt des Therapiezentrums Münzesheim in Kraichtal. Der 43-Jährige will erreichen, dass offen über das Thema Sucht gesprochen wird. Das soll Suchtkranken und Gesellschaft helfen. Ende September gibt es einen Ehemaligentag in der Klinik.

Ich bin Raucher und komme morgens ohne einen halben Liter Kaffee nicht aus dem Haus. Wieso kann man darüber lässig sprechen, über Alkoholismus und Spielsucht aber nicht?

Arne Zastrow: Aus rein medizinischer Sicht gehen auf das Konto der Nikotinabhängigkeit mehr Todesfälle und Folgeerkrankungen als auf Alkoholabhängigkeit. Ich sehe das Tabu, mit dem Alkoholabhängigkeit belegt ist, als eine Frage der gesellschaftlichen Rahmensetzungen. Eine Vielzahl von Interessen von Herstellern, von Vertreibern von alkoholischen Getränken, von Tabakprodukten spielen eine Rolle, aber auch Schamgefühle auf Seiten der Betroffenen. Leider sind bis heute tatsächlich gerade bei der Alkoholabhängigkeit sehr verzerrte Vorurteile verbreitet. Es ist rein statistisch so, dass sozial höher gestellte Schichten, wenn man das am Bildungsniveau oder am Einkommen festmacht, mehr alkoholische Getränke zu sich nehmen, als andere in unserer Gesellschaft. Das entspricht aber nicht dem Bild in der Öffentlichkeit.

Arne Zastrow ist Chefarzt des Therapiezentrums Münzesheim
Arne Zastrow ist Chefarzt des Therapiezentrums Münzesheim | Foto: PR

 

Mit Alkoholismus verbindet man eher untere Schichten.

Das ist häufig das Bild des obdachlosen Trinkers, der unter der Brücke sein Dasein fristet. Das entspricht aber überhaupt nicht der Realität. Aber dieses Klischee spielt bei der Frage, ob man offen über Alkoholmissbrauch sprechen darf, eine wichtige Rolle.

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Vorurteile sind spannend. Also: Die Unterschicht trinkt, die Leistungsträger greifen zu leistungssteigernden Drogen– das ist etwas, was Sie leicht hier widerlegen können.

In der Tat. Das belegen Statistiken. Der Alkoholatlas des Deutschen Krebszentrums beispielsweise, der sich auf eine breite Datengrundlage stützt.

Vieles, was süchtig macht, ist leicht verfügbar. Alkohol, Handy, aber auch THC. Alles verbieten?

Die komplette Prohibition löst sicher das Problem nicht, da gibt es ja entsprechende historische Erfahrungen. Das führt eher dazu, dass sich ein Schwarzmarkt ausbildet. Trotzdem sind Reglementierungen im Sinne einer Fürsorgepflicht des Staates und der Gesellschaft einerseits angebracht, weil auch die Solidargemeinschaft der Versicherten Folgekosten zu tragen hat. Und Reglementierungen sind auch wirksam und wirkungsvoll. Man hat das gesehen bei dem in Baden-Württemberg vorübergehend geltenden Verkaufsverbot von Alkoholika nach einer bestimmten Uhrzeit. Die Behandlung von Alkoholintoxikationen in den Notfallaufnahmen ist dadurch zurückgegangen. Diese Zusammenhänge sind gut belegt. Aus meiner Sicht ist wünschenswert, neben Aufklärung hinsichtlich möglicher Folgeschäden von Suchtmittelkonsum auch Hürden einzubauen bei der Beschaffungsmöglichkeit. Ich halte das auch deshalb für sinnvoll, weil grundsätzlich kein Mensch davor gefeit ist, süchtig zu werden.

Jeder Deutsche trinkt pro Jahr etwa eine Badewanne voll alkoholischer Getränke, 130 Liter

Das dürfte nicht jedem gefallen.

Man sollte in der Gesellschaft sensibel sein für die Gefahren beispielsweise von Alkohol. Jeder Deutsche trinkt pro Jahr etwa eine Badewanne voll alkoholischer Getränke, 130 Liter. Wir sind ein Hochkonsumland und in Europa wie auch weltweit über dem Durchschnitt, was die Menge konsumierten Reinalkohols betrifft. Über 200 Krankheiten werden durch Alkohol erzeugt oder verschlimmert.

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Ich habe einmal den Begriff „Suchtpersönlichkeit“ gehört. Was wäre das– und hilft es zu wissen, ob man eine „Suchtpersönlichkeit“ ist?

Es gibt eine spezielle Verletzlichkeit, die ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgebildet. Aber wenn eine Vielzahl von Stressoren zusammenkommen, ist Letztenendes jeder Mensch in Gefahr, ein süchtiges Verhalten auszubilden. Das sind aber eine derartige Vielzahl von Faktoren, dass ich den Begriff der Suchtpersönlichkeit sehr problematisch finde. Der klingt so ein bisschen so, als ob es Menschen gibt, die quasi zum Alkoholiker geboren sind …

Oder zu anderen Süchten …

… oder zum Drogenkonsumenten. Das gibt die Datenlage nicht her. Man weiß, dass es bestimmte Verletzlichkeiten gibt, dass es wahrscheinlich einen gewissen genetischen Anteil auch gibt, der manche Menschen anfälliger sein lässt. Ich finde den Begriff auch deshalb gefährlich, weil er suggeriert: Es gibt Menschen, deren Weg in dieser Hinsicht vorgebahnt ist, und diese Menschen selbst haben keinen Einfluss auf ihr Verhalten oder ihre Einstellungen. Wir arbeiten als Entwöhnungsklinik unter der Grundvoraussetzung: Wir Menschen sind auch Vernunft-gesteuerte Wesen und haben jeden Tag Wahl- und Einflussnahmemöglichkeiten. Klinisch ist es mir wichtig, diese Veränderlichkeit zu betonen. Trotzdem kennen wir Risikofaktoren. So ist beispielsweise jemand, der Alkohol sehr schnell verstoffwechselt und eben keinen „Kater“ bekommt, stärker gefährdet, abhängig zu werden, als jemand, der schon nach einem Glas Wein „in der Ecke hängt“.

Beispiel Sport: Da gibt es ein Belohnungsprinzip auch im Amateursport. Es ist toll, als erster durchs Ziel zu kommen. Der eine oder andere hilft nach– weil das Gewinnen ein starker Anreiz ist. Ist das auch in dem Zusammenhang einzuordnen?

Es gibt eine „gemeinsame Endstrecke“, die bei Suchterkrankungen insgesamt eine Rolle spielt, das ist das Belohnungssystem unseres Gehirns. Dass dieses darüber entscheidet, wie ich mich verhalte, gilt für jeden Menschen. Etwas, was mein Belohnungssystem anspricht, werde ich gerne und auch vermehrt tun. Manche sprechen sehr stark auf die Endorphinausschüttung beim Langstreckenlauf an, für andere ist das eher Sexualität, für Dritte ist es das Essen, für wiederum andere kann es ein Suchtmittel sein. Die Gefahr von Substanzen ist, dass sie ohne äußeren Anstrengungen sehr schnell das Belohnungssystem ansprechen.

Die Realität ist so: Eine Sucht kommt selten allein

Menschen, die hier therapiert werden, haben wahrscheinlich nicht nur mit einer Sucht allein zu tun. Muss alles zusammen behandelt werden?

Die Realität ist so: Eine Sucht kommt selten allein. Wir haben ganz häufig die Kombination, dass ein Stoff oder ein Verhalten im Vordergrund steht, dass es aber zumindest ein Missbrauch anderer Substanzen oder Verhaltensweisen eine Rolle spielt. Dementsprechend besteht auch eine Gefahr der Suchtverlagerung. Die Mechanismen sind aber durchaus vergleichbar und können deshalb auch gut gemeinsam adressiert werden. Sich ohne Anstrengung in einen angenehmen Zustand zu versetzen, oder der Wunsch, wenn einem alles zuviel ist, schnell zu vergessen, sind starke Triebfedern. Dieser Dynamik muss man sich bewusst sein, ein Problembewusstsein entwickeln. Wer beispielsweise wegen Spielsucht zu uns kommt, darf auch keinen Alkohol zu sich nehmen. Oder jemand, der Cannabis-abhängig ist, sollte auch kein Glücksspiel betreiben.

Wann ist man clean?

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Abhängigkeitserkrankungen chronische Erkrankungen sind, die einen ein Leben lang begleiten. Man weiß aber, dass ein Jahr nach einer Entwöhnungsbehandlung konservativ geschätzt 50 Prozent der Betroffenen es schaffen, komplett abstinent zu bleiben. Diese Zahlen machen deutlich, wie schwierig es ist, clean zu bleiben und das zu leben – Tag für Tag. Einstellungs- und Verhaltensweisen zu verändern, braucht Zeit. In Deutschland werden glücklicherweise relativ lange Therapien finanziert von der Krankenkasse oder der Rentenversicherung. Wir sprechen von etwa vier Monaten bei der Erstbehandlung einer Alkoholabhängigkeit, sechs Monaten bei der Erstbehandlung von Drogenabhängigkeit. Es braucht viele, viele Alltagserfahrungen, die eben nicht diesen Kick bieten wie der Konsum. Derlei ausgleichende Erfahrungen zu sammeln, funktioniert nicht in kurzer Zeit – und es ist ein Prozess, der nie zum Ende kommt. Das hat viel mit dem Selbstbild und dem Selbstwert eines Menschen zu tun.

Es gibt ja auch eine Aufmerksamkeit, die dadurch entsteht, dass man zu sich und seiner Geschichte steht

Das Ehemaligentreffen mit dem Auftritt der Los Promillos klingt spaßig. Hilft das Betroffenen, dieser zwanglose Umgang?

Manchmal augenzwinkernd und selbstironisch auf den Menschen zu blicken, erzeugt mehr Offenheit – für das Umfeld und auch für die Betroffenen selbst, und erleichtert, über die eigene Sucht sprechen zu können. Wir erwarten zum Beispiel auch zum Ehemaligentreffen einen ehemaligen Patienten, der mittlerweile Online-Marketing-Manager ist, sich selbstständig gemacht hat. Der geht sehr offen mit diesem Teil seiner Geschichte um und hat sehr gute Erfahrungen damit gemacht, weil – wie er sagt – heutzutage gerade Authentizität sehr wertgeschätzt wird. Es gibt ja auch eine Aufmerksamkeit, die dadurch entsteht, dass man zu sich und seiner Geschichte steht. Und die Band Los Promillos setzt sich zusammen aus ehemaligen Patienten, aber auch ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern – es ist also im wahrsten Sinne ein Zusammenspiel auf Augenhöhe. Ihr Musizieren zeigt, dass es immer wieder darum geht, nicht nur das eine sein zu lassen, sondern auch ganz gezielt auf die Suche nach Alternativen zu gehen, nach kreativen Potenzialen, die in jedem Menschen stecken.

Das Ehemaligentreffen im Therapiezentrum Münzesheim findet am Sonntag, 29. September, ab 10 Uhr, statt.