Achtsamkeit: Der Alltag vieler Menschen hat sich durch die Einschränkungen und Verordnungen rund um die Corona-Krise verändert. Alte Gewohnheiten werden durch neue Motivation und Ansprüche ersetzt. Das eigene Selbst rückt in den Vordergrund.
Achtsamkeit: Der Alltag vieler Menschen hat sich durch die Einschränkungen und Verordnungen rund um die Corona-Krise verändert. Alte Gewohnheiten werden durch neue Motivation und Ansprüche ersetzt. Das eigene Selbst rückt in den Vordergrund. | Foto: Klose/dpa

Zufriedenheit als Ziel

Experten beobachten: Krisenzeit kann zu Selbstoptimierung und Fehleinschätzung führen

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Persönliches Wachstum, neue Ziele und Interessen: Da einige der gewohnten Aktivitäten in den vergangenen Wochen weggefallen sind und den Alltag verändert haben, setzen sich die Menschen mit ihrer eigenen Zufriedenheit auseinander. Zwei Experten aus dem Kreis Karlsruhe verraten, was hinter Selbstoptimierung steckt.

Gesünder, produktiver, besser: Wer derzeit durch die sozialen Medien scrollt, bemerkt schnell, dass die meisten Nutzer fehlende soziale Interaktionen etwa durch Sport, Ernährung und einen klaren Plan für sich selbst ersetzt haben. Aber auch in Gesprächen klingt durch, die Krise verstärkt den Hang zur eigenen Optimierung. „Viele Menschen haben jetzt mehr Zeit für sich selbst und zum Nachdenken“, sagt Kathrin Stavenhagen, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Personal Coach aus Bruchsal.

Die Frage nach der Zufriedenheit stehe dabei meist im Vordergrund. „Selbstoptimierung liegt der Wunsch nach persönlichem Wachstum zugrunde und meistens auch eine Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand.“ Seit etwa drei Jahren beobachte Stavenhagen einen Anstieg der Klienten, die genau damit Probleme hätten. „Oftmals wird das im normalen Alltag dadurch ausgelöst, dass Menschen zu wenig Raum für sich selbst haben“, erklärt sie. „Die Selbstbestimmtheit ist auf der Strecke geblieben.“

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Selbstoptimierung findet im Vergleich zu anderen statt

Durch die Situation rund um die Corona-Krise seien die meisten Menschen in gewisser Weise aus ihren Gewohnheiten herausgerissen worden, sagt Stavenhagen. In dieser Ausnahmesituation werde man auf sich selbst zurückgeworfen. Vieles von dem, was Personen jetzt ausprobieren, werde sich am Ende der Krisenzeit aber wieder verlaufen, vermutet sie.

„Wir sind soziale Wesen und dementsprechend auch darauf angewiesen, uns im Vergleich zu anderen einzuordnen und zu definieren“, so Stavenhagen mit Blick auf die sozialen Medien. Denn kaum ein Aspekt der Selbstoptimierung werde dort ausgelassen: In Fotos und Videos dokumentieren Nutzer vom Essen bis zum Sport, ihren Freizeitaktivitäten und ihrer Bücherwahl fast alles.

Keiner macht das einfach so.

Kathrin Stavenhagen, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Personal Coach 

Man versuche eben zu überprüfen, wie man abschneide. „Viele zeigen auf diesen Plattformen verstärkt, welche Fortschritte sie machen“, sagt Stavenhagen. „Die Motivation am Teilen der Inhalte ist die, dass Anerkennung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung zurückkommen. Keiner macht das einfach so.“ Jedes Ergebnis falle auf die Ausgangsperson zurück.

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Drang zur Optimierung ist im Menschen verankert

Optimierungsprozesse stammen ursprünglich aus der Technik und Produktion, so Stavenhagen. In einer Art Selbstläufer hätten diese auch die Menschen erfasst. Dem gehe jedoch ein wichtiger Schritt voraus: „Wir durchleben ganz normale Entwicklungsprozesse, wenn wir erwachsen werden.“ Sie fungieren als innerer Motor. Doch wenn diese als Jugendliche abgeschlossen sind, kommen neue Fragen auf, so Stavenhagen. „Selbstentwicklung wird uns in die Wiege gelegt.“

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Die derzeitigen Rahmenbedingungen der Corona-Krise führten jedoch auch dazu, dass Kunden plötzlich etwas schaffen und machen, was sie vorher nie getan hätten, erzählt Daniel Kölmel, Personal Trainer und Inhaber des Fitness Forum Rheinstetten. „Der Anteil derer, die früher zuhause trainiert und ihre Übungen gemacht haben, war verschwindend gering.“ Mit der Schließung der Sporteinrichtungen fiel die Option, Ansporn durch einen räumlichen Wechsel zu bekommen, weg. „Ohne Eigenmotivation geht nichts“, sagt Kölmel.

Sie haben Probleme damit, sich selbst einzuordnen.

Daniel Kölmel, Personal Trainer und Inhaber des Fitness Forum Rheinstetten

Gerade in den jüngeren Altersklassen gäbe es jedoch einige, die zu viel und falsch handeln – sowohl beim Sport als auch bei der Ernährung. „Sie haben Probleme damit, sich selbst einzuordnen.“ Selbstoptimierung werde damit auch schnell zur Gefahr: „Dann reimen sich die Menschen anhand von Bildern, die sie gesehen haben, etwas zusammen.“

Körperlichkeit ist ein wichtiger Punkt für die junge Generation

Bei der jüngeren Generation drehe sich viel um Körperlichkeit, bestätigt Stavenhagen. Gesundheit und Ideale würden nach außen gezeigt und häufig über Apps und andere technische Programme kontrolliert. Bei älteren Menschen stehe meist der Sinn des Lebens und die innere Zufriedenheit im Mittelpunkt.

Für Stavenhagen könne all das aber auch positive Auswirkungen auf den Menschen haben – solange die Ziele nicht übertrieben sind. „Störend und krankhaft wird es, wenn man das nicht mehr unter Kontrolle habe und die Vorhaben zu Überforderung führen“, erklärt sie. „Wenn man ständig immer mehr will, als man leisten kann, wird es brenzlig.“

Zufriedenheit ist das Wichtigste.

Kathrin Stavenhagen, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Personal Coach 

Die Selbstzweifel würden wachsen, während das Selbstwertgefühl sinke. Diese Disbalance ende bei einigen im schlimmsten Fall in Depressionen oder Erschöpfung. „Das kann jedem passieren“, ergänzt sie. Besonders gefährdet seien aber Personen, die wenig Rückmeldungen von wohlwollenden Freunden und der Familie bekämen. Aber auch solche, die bereits psychisch angeschlagen seien. „Es ist essenziell, auch die kleinen Schritte in einem solchen Prozess wahrzunehmen“, betont Stavenhagen. „Zufriedenheit ist das Wichtigste.“

Sie rät daher dazu, ein übergeordnetes Wunschbild in ein ganz persönliches zu wandeln und Antworten auf die Frage „Warum will ich genau das erreichen?“ zu suchen. Anhand von Zwischenzielen, die bewertet und belohnt werden, kehre auch Zufriedenheit zurück. „Dabei hilft es, die eigene Stimme zu beachten. Darf das alles auch mal ausreichen?“ Nicht selten fehle Betroffenen die Fähigkeit, unterscheiden zu können, was sie selbst wollen und was andere ihnen auferlegen, so Stavenhagen. Selbstoptimierung stelle für viele auch einen Weg dar, zu selbstbestimmtem Handeln zurückzufinden. „Wenn das zu kurz kommt, rebelliert man.“

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