Im Landkreis überwiegen DIE Euro5-Modelle: Noch bis zum 31. Dezember 2020 gibt es in Baden-Württemberg Ausnahmeregelungen bei der Abgasnorm für schwere Feuerwehr-Einsatzfahrzeuge. | Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Ausnahmeregelung bis 2020

Feuerwehr: Euro6-Flotte im Landkreis ist noch klein

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Euro5 oder Euro6? Diese Frage stellt sich den Feuerwehren bei der Neubeschaffung von Einsatzfahrzeugen. Zwar ist für alle seit Januar 2014 neu zugelassenen schweren Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen die Abgasnorm Euro6 bindend, doch für die Feuerwehr gibt es in fast allen Bundesländern Ausnahmeregelungen. Noch bis zum 31. Dezember 2020 dürfen Feuerwehren in Baden-Württemberg Fahrzeuge anschaffen, die lediglich die Schadstoffklasse Euro5 erfüllen müssen. Sollte es eine darüber hinausgehende oder dauerhafte Befreiung von der Abgasnorm Euro6 für schwere Einsatzfahrzeuge geben? Zumal Euro6-Motoren in Feuerwehrfahrzeugen nach Meinung der Experten der Umwelt gar nicht helfen?

Wie lange bekommen wir noch Euro5-Fahrzeuge?

„Die Frage muss zunächst eher lauten, wie lange bekommen wir noch Euro5-Fahrzeuge“, sagt der Kreisbrandmeister des Landkreises Karlsruhe, Jürgen Bordt. „MAN und Iveco sind damit noch am Markt, bei Mercedes-Benz gibt es keine mehr. Die Stückzahlen für die Feuerwehr sind sehr klein. Deshalb ist Mercedes als erster Lastwagenhersteller diesen Schritt gegangen, es lohnt sich nicht mehr.“ Wie lange die Euro5-Anbieter noch Bestellungen annehmen, sei „völlig offen“, fügt Bordt hinzu. „Und die Lieferzeiten sind erheblich.“

Ausschreibungen europaweit

Neubeschaffungen müssen europaweit ausgeschrieben werden. Das, so Jürgen Bordt, werde „mit der Angabe mindestens Euro5“ gemacht. Dann bieten die Hersteller. Die, die nur Euro6-Fahrzeuge im Programm haben und die anderen mit beiden Varianten. Welches Fahrzeug letztlich genommen werde, sei eine Kosten-Nutzen-Abwägung.

Norm macht Feuerwehrfahrzeuge teurer

Im Kreis Karlsruhe gibt es rund 200 Feuerwehr-Großfahrzeuge, die sollen 20 bis 25 Jahre halten. Etwa zehn Fahrzeuge müssen jährlich ersetzt werden. Euro6-Fahrzeuge gibt es im Landkreis – allerdings bisher nur vereinzelt. Feuerwehrwagen mit Euro6-Abgastechnik sind teurer. „Das macht 10 000 Euro beim Fahrgestell aus“, erklärt Jürgen Bordt. Bei einem Anschaffungspreis von etwa 300 000 Euro für ein Löschgruppenfahrzeug oder 600 000 Euro für eine Drehleiter ein vermeintlich überschaubarer Aufschlag – aber Kleinvieh macht auch Mist.

Nachgerüstet werden muss nicht

Sollte die Ausnahmeregelung auslaufen, müssten alle Neubeschaffungen der Euro6-Norm entsprechen. Altbestände blieben aber außen vor. „Nachgerüstet werden muss nicht“, macht Jürgen Bordt deutlich. Das wäre auch technisch kaum machbar.“

System kommt hinter das Fahrerhaus

Das konstruktionsbedingte Problem – die 300 Kilogramm schwere und ein Kubikmeter große Abgasreinigungsanlage muss irgendwo untergebracht werden – sei gut gelöst worden. „Das System wird hinter dem Fahrerhaus im Aufbau unter der Mannschaftskabine platziert. Wir hätten da zwar lieber schwere Geräte wie Stromerzeuger verstaut, aber die Industrie hat sich viel einfallen lassen müssen, um den Platz bestmöglich zu nutzen.“ Die Nutzlast sinke dadurch nicht, das sei inzwischen in Normen gut abgefangen. Bordt: „Wir versuchen auch, Fahrzeuge immer so zu beschaffen, dass wir eine Gewichtsreserve haben.“

Sieht die Euro6-Abgasnorm für schwere Feuerwehrfahrzeug kritisch: Jürgen Bordt, der Kreisbrandmeister des Landkreises Karlsruhe. | Foto: Manfred Spitz

Allerdings betrachtet auch der oberste Feuerwehrmann des Landkreises Karlsruhe den Einbau von Euro6-Anlagen, mit denen schwere Einsatzfahrzeuge weniger Schadstoffe in die Luft blasen sollen, kritisch. „Das Abgasreinigungssystem wurde für Fahrzeuge konzipiert, die weite Strecken zurücklegen, dafür ist es völlig in Ordnung. Das System wird voll wirksam, wenn der Motor warm gelaufen ist. Feuerwehrfahrzeuge werden aber überwiegend im Kaltstartbereich bewegt, die Anfahrt zu den Brandorten ist meist kurz und in der Kaltstartphase bringt das Abgasreinigungssystem nichts“, sagt Jürgen Bordt.

„Erst voll wirksam, wenn der Motor warm ist“

Im Gegenteil, es werde mehr Kraftstoff gebraucht und es werden mehr Abgase erzeugt: „Ein Großfahrzeug bei der Feuerwehr bringt es auf weniger als 1 000 Kilometer im Jahr, es kommt außer bei Einsätzen mal zur Übung zwei Kilometer raus oder wird zur Fahrerausbildung bewegt. Bis das System greift, stehen wir bestenfalls am Brandort und betreiben noch die Pumpe oder Drehleiter.“

Unnötige Schadstoffemissionen durch „Freifahren“

Das von üblichen Lastwagen erheblich abweichende Nutzungsprofil kann bei den schweren Einsatzfahrzeugen zu Emissionsmehrbelastungen und Problemen führen, weil das regelmäßig erforderliche Regenerieren der Abgasfilter beim „Freifahren“ – laut Experten müssen die Autos etwa 150 Kilometer fahren, um die Anlage wieder frei zu pusten – unnötige Schadstoffemissionen erzeugt und einen erhöhten Wartungsaufwand verursacht.

Noch keine Erfahrungswerte

Gedanken macht sich Kreisbrandmeister Bordt deshalb darüber, wie sich die Euro6-Fahrzeuge „im Betrieb schlagen“ – sowie mögliche Folgekosten. Er befürchtet durch Euro6 mehr Ausfälle „und jeder Tag, an dem ein Auto in der Werkstatt steht, tut weh“. Allerdings, so Bordt, die Euro6-Flotte bei den Wehren im Landkreis sei noch zu klein, die Einsatzzeit zu kurz und die Erfahrungen deshalb zu gering. „Da müsste man in zehn Jahren noch einmal darüber reden.“

Projekt Hybrides Elektrolöschfahrzeug

Dann könnte die Entwicklung schon wieder einen Schritt weiter gegangen sein, und es bei der Feuerwehr hybride Elektrolöschfahrzeuge geben. Der österreichische Feuerwehrgerätehersteller Rosenbauer und die Berliner Feuerwehr haben sich zum Projekt „eLHF“ (elektronisches Lösch- und Hilfeleistungsfahrzeug) zusammengetan und wollen ein Feuerwehrauto entwickeln, das mehr als 80 Prozent in einem rein elektrischen Betriebsmodus operiert. „Vielleicht“, meint Jürgen Bordt, „gibt es in zehn Jahren ja die Möglichkeit, solche Fahrzeuge einzusetzen.“