Die Zeit für Sprachunterricht fehlt: Die Kinderbetreuung liegt oft noch in den Händen vieler Frauen und verhindert, dass diese an Deutschkursen oder anderen Angeboten teilnehmen können
Die Zeit für Sprachunterricht fehlt: Die Kinderbetreuung liegt oft noch in den Händen vieler Frauen und verhindert, dass diese an Deutschkursen oder anderen Angeboten teilnehmen können | Foto: Wüstneck/dpa

Interview mit Darja Segel

Integrationsbeauftragte: Soziale Nähe auf dem Land wird für Flüchtlinge zur Chance

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Die deutsche Sprache, Bildung oder einfach das Ziel, Teil einer Gesellschaft zu sein: Darja Segel hilft Migranten und Geflüchteten als Integrationsbeauftragte seit drei Jahren, sich im Landkreis Karlsruhe zurecht zu finden. Auf viele Fragen zugewanderter Menschen weiß sie selbst die Antwort oder aber kennt denjenigen, der sie geben kann.

Neben Gesprächen mit den Menschen ist sie stetig im Austausch mit Beratungsstellen, Kommunen oder etwa dem Jobcenter. Über ihre Beobachtungen und darüber, wo der Landkreis mit Blick auf das Thema Integration steht, hat sie mit unserem Redaktionsmitglied Janina Keller gesprochen.

Woran machen Sie fest, ob ein Mensch integriert ist?

Segel: Gute Integration muss nicht beinhalten, dass die Person in allen Bereichen des Lebens gleich gut ist. Es geht vielmehr darum, dass derjenige an der Gesellschaft teilnimmt und sich angenommen fühlt.

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Wie gut funktioniert Integration im Landkreis Karlsruhe?

Segel: Es haben sich starke Netzwerke und Arbeitskreise herausgebildet. In meinem Arbeitskreis sitzen etwa 28 kommunale Integrationsbeauftragte. Das ist besonders toll. Ich bin viel mit anderen Landkreisen im Austausch – bei den meisten von ihnen sind es höchstens eine Handvoll. Fast jede Kommune hat bei uns einen eigenen Ansprechpartner vor Ort. Das ist enorm wichtig.

Es ist wichtig, dass die Kommunen ihre eigenen Integrationsbeauftragten haben.

Darja Segel, Integrationsbeauftragte des Landkreises Karlsruhe

Welche Rolle spielen denn die Kommunen, wenn es darum geht Menschen zu integrieren?

Segel: Eine sehr große. Es ist wichtig, dass die Kommunen ihre eigenen Integrationsbeauftragten haben. Sie sind nah an dem Geschehen in den Rathäusern dran, kennen das Ehrenamt vor Ort und können bedarfsgerecht Projekte initiieren. Meine Kollegen können gezielt auf die kommunalen Ansprechpartner zurückgreifen – um nicht einfach Projekte zu initiieren, nur damit man welche gemacht hat.

Wenn sie Vorreiter benennen müssten, welche Kommunen wären das?

Segel: Zunächst einmal würde ich Östringen nennen. Die Gemeinde hat 2019 den Kreisintegrationspreis gewonnen. In einem Projekt hat sie die Gastarbeiter-Zeit aufgearbeitet. Das Schöne dort ist, dass viele Angebote selbst entwickelt wurden und dabei nicht nur Geflüchtete in den Blick genommen werden sondern Integration als Ganzes. Aber auch in Stutensee läuft es sehr gut. Die Stadt hat ein sehr engagiertes und qualifiziertes Ehrenamt. Zudem gibt es ein Mehrgenerationen-Haus als Begegnungsort.

Es ist mitunter schwierig, schnell von A nach B zu kommen, plus sie sind an die Betreuungszeiten der Schule oder Kita gebunden.

Darja Segel, Integrationsbeauftragte des Landkreises Karlsruhe

Welche besonderen Ziele verfolgen Sie als Integrationsbeauftragte in Ihrem Amt?

Segel: Um das Thema Familien mit kleinen Kindern und deren Betreuung muss man sich noch mehr kümmern. Gerade Mütter, die noch immer den Hauptteil der Betreuung übernehmen, können dadurch oft nicht an Angeboten wie Sprachkursen teilnehmen. Die eingeschränkte Mobilität im ländlichen Raum kommt noch dazu. Es ist mitunter schwierig, schnell von A nach B zu kommen, plus sie sind an die Betreuungszeiten der Schule oder Kita gebunden. Wir haben es geschafft, einen Sprachkurs, der beide Aspekte verbindet, in Ettlingen einzurichten. Darüber hinaus unterschützen wir die Kinderbeaufsichtigung bei Erstorientierungskursen.

Darja Segel ist seit drei Jahren die Integrationsbeauftragte des Landkreises Karlsruhe.
Darja Segel ist seit drei Jahren die Integrationsbeauftragte des Landkreises Karlsruhe. | Foto: Keller

Wieso gibt es so etwas noch nicht häufiger?

Segel: Man ist an so viele Hürden gebunden, etwa was die Räumlichkeiten angeht. Wo liegt der Kursraum, wo der zur Kinderbetreuung, wer ist an der Finanzierung beteiligt? Das ist ein weiter Weg, bis man so ein Projekt umgesetzt hat.

Gibt es weitere Aspekte, die Sie besonders beschäftigen?

Segel: Sicher zählt dazu die Integration in Arbeit. Rund 40 Prozent der Geflüchteten, die von uns innerhalb des Integrationsmanagements beraten werden, befinden sich in Arbeit oder arbeitsnahen Beschäftigungen. Das ist definitiv positiv. Wünschenswert wäre es aber, wenn all diese Stellen langfristig und nachhaltig sind. Dabei unterstützen uns 42 ehrenamtliche Job-Coaches in 14 Kommunen. Wir wollen zudem erreichen, dass mehr zugewanderte Kinder zu höheren Bildungsabschlüssen kommen. Sie bilden in den Gymnasien lediglich einen Anteil von sieben Prozent, in Realschulen sind es 17, in den Hauptschulen 50 Prozent. Das ist unverhältnismäßig.

Das Schulsystem wirft bei der Integration viele Fragen auf

Warum ist das so?

Segel: Die Sprache ist anfangs ein Hemmnis, wobei Kinder da erfahrungsgemäß schnell aufholen. Für zugewanderte Eltern ist es oft schwierig, bei unserem Schulsystem durchzublicken. Wie funktioniert das Nachhilfesystem? Oder was hat es mit Kuchenbasaren auf sich? Viele Eltern kennen so etwas nicht aus ihren Herkunftsländern. Dafür haben wir interkulturelle Elternmentoren geschaffen, die Familien unterstützen.

Wie leicht finden sich denn Menschen, die sich engagieren?

Segel: Wir sind sehr dankbar dafür, noch zahlreiche Ehrenamtliche zu haben, die für unsere Angebote tätig sind. Im Gespräch mit anderen Kreisen bemerke ich, dass diese eher Probleme damit haben. Ich könnte mir vorstellten, dass unsere themenbezogenen Projekte es den Menschen erleichtern, sich zu engagieren. Jeder kann sich den Bereich aussuchen, der zu den eigenen Interessen passt. Das macht es leichter.

Aber der ländliche Raum bietet großes Potenzial, etwa wenn es darum geht, den einzelnen Menschen zu sehen.

Darja Segel, Integrationsbeauftragte des Landkreises Karlsruhe

Welche Herausforderungen stellen sich besonders mit Blick auf die ländlichen Gebiete?

Segel: Die eingeschränkte Mobilität verhindert, dass Angebote wahrgenommen werden. Sprachkurse oder Beratungen sind oft in Städten angesiedelt. Aber der ländliche Raum bietet großes Potenzial, etwa wenn es darum geht, den einzelnen Menschen zu sehen. Man hat dort nicht die Anonymität einer Großstadt. Es kommt schneller dazu, dass sich Personen zum Beispiel in einem Sportverein anmelden. Durch die soziale Nähe wird aus dem Wohnort eine Heimat.

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Nur zwei Prozent der zugewanderten Personen sind Geflüchtete

Wie groß ist der Anteil der Menschen überhaupt, die aus anderen Ländern oder Kulturen in den Kreis migrieren?

Segel: Wenn es um Migration oder Integration geht, stehen zunächst immer Geflüchtete im öffentlichen Fokus. Dabei ist die Anzahl derer im Landkreis gar nicht so hoch. Die meisten zugewanderten Personen sind aus dem EU-Raum oder der Türkei. Das wird oft gar nicht so sichtbar. Der Landkreis Karlsruhe hat einen Migrationsanteil von 25 Prozent, davon sind nur zwei Prozent Geflüchtete. Das ist keine homogene Gruppe. Es gibt keinen Prototypen Migrant beziehungsweise Geflüchteter.

Der Landkreis Karlsruhe erhält als einer von nur zehn Kreisen bundesweit die Förderung „Land.Zuhause.Zukunft“ der Robert Bosch Stiftung. Was haben Sie damit vor?

Segel: Das Programm ist keine finanzielle Förderung, vielmehr begleitet uns die Stiftung bei Projekten. Wir haben uns hier auf das Thema fokussiert, Migranten-Organisationen und bürgerschaftliches Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund im ländlichen Raum zu stärken. Davon gibt es auf dem Land deutlich weniger als in der Stadt. Das Projekt soll die Menschen ermutigen, aktiv zu werden.