Stress am Arbeitsplatz ist selten allein Auslöser psychischer Erkrankungen, kann diese aber begünstigen.
Stress am Arbeitsplatz ist selten allein Auslöser psychischer Erkrankungen, kann diese aber begünstigen. | Foto: Foto: Berg/dpa

Stress am Arbeitsplatz

Jede dritte Krankschreibung im Landkreis Karlsruhe wegen psychischer Probleme

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Zu geringe Personalschlüssel, neue Aufgaben durch die Digitalisierung oder Mobbing: Die Gründe für Stress am Arbeitsplatz sind vielfältig. Bei den DAK-Versicherten im Landkreis Karlsruhe waren 2018 psychische Erkrankungen der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen. Die eine Diagnose „Stress“ gibt es allerdings nicht.

Ob Schlaflosigkeit, Gereiztheit oder Nervosität: Die Symptome von Stress sind vielfältig. Die Zahlen der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Mit 15,7 Prozent sind psychische Erkrankungen die dritthäufigste Ursache für Krankheitstage bei den Versicherten der DAK-Versicherung im Stadt- und Landkreis Karlsruhe, sagt Frank Winkler. Er ist stellvertretender Leiter des Verbands der Ersatzkassen (vdek), zu dem neben der DAK unter anderem auch die Barmer und die Techniker Krankenkasse (TK) gehört.

Bei der AOK Mittlerer Oberrhein befanden sich 5,9 Prozent der rund 50.000 Mitglieder im Landkreis Karlsruhe 2019 im Krankenstand. 11,6 Prozent der Krankheitstage gehen dabei auf psychische Erkrankungen zurück. Im Vorjahr waren es bei 4,8 Prozent im Krankenstand ebenfalls 11,6 Prozent der Krankheitstage.

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Stress am Arbeitsplatz kommt selten allein

Im bundesweiten Vergleich der Barmer-Versicherung 2018 belegt der Kreis Karlsruhe mit sieben Arbeitsunfähigkeitsfällen pro 100 Versicherte Rang 257 von 413 Stadt- und Landkreisen.

Nur allein von Stress bei der Arbeit sind die wenigsten betroffen.

Christian Bikowski, Themenfeldmanager Gesundheitsförderung bei der AOK Mittlerer Oberrhein

Wie viele der Krankschreibungen durch Stress am Arbeitsplatz ausgelöst werden, lässt sich nicht beziffern. Denn: „Nur allein von Stress bei der Arbeit sind die wenigsten betroffen“, betont Christian Bikowski, Themenfeldmanager Gesundheitsförderung bei der AOK. Oft spielen mehrere Faktoren zusammen, finden Stressgeplagte in der Freizeit keinen Ausgleich oder haben Spannungen in der Familie.

Gründe, am Arbeitsplatz gestresst zu sein, gibt es viele: Personalabbau und Leistungsdruck spielen eine Rolle, aber auch die Anforderungen der Digitalisierung, erklärt Thorsten Dossow, Geschäftsführer der Gewerkschaft Verdi, Bezirk Mittelbaden-Nordschwarzwald.

Arbeitnehmer müssen immer mehr in kürzerer Zeit erfassen, moderne Kommunikationsmittel fordern ständige Erreichbarkeit und sofortige Reaktion. Insbesondere E-Mails haben die geschäftliche Kommunikation beschleunigt, „gehen wie beim Pingpong hin und her“, weiß Frank Winkler.

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Mobbing als Stressauslöser

Aber auch Mobbing Im Kollegenkreis kann Stress auslösen. Das erlebt die medizinische Heilpraktikerin Annegret Scholte in ihrer Praxis in Karlsdorf-Neuthard oft. Sie arbeitet psychotherapeutisch, ihr Schwerpunkt liegt in der Hormonregulation. Bei Burnout-Patienten sei oft die Nebennierenrinde überlastet – wobei Scholte das Wort „Burnout“ meidet. „Es ist einfacher, von einer Disbalance zu sprechen.“ Viele Patienten scheuten den Ausdruck, sprächen nicht gerne von Burnout oder Depressionen.

Mit einem Sensor am Ohr misst der Stress-Test „Stress Pilot“ der AOK die Auswirkungen von Stress auf das vegetative Nervensystem. | Foto: pr

Insgesamt sei die Bereitschaft, psychische Erkrankungen anzuerkennen, jedoch gestiegen, findet Christian Bikowski. „Die Sensibilisierung allgemein ist vorangeschritten. Für den Einzelnen, aber auch für die Ärzte.“ Klare Diagnosen sind aber weiterhin schwierig. Durch Stress ausgelöste Erkrankungen finden sich in verschiedenen Diagnosegruppen, zeigen unterschiedliche Symptomatik. Die eine Diagnose „Stress“ gibt es daher nicht.

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Doch wie kommt man raus aus der Stress-Spirale? „Über allem steht die Kommunikation“, betont Frank Winkler. Einerseits umfasst das wertschätzende Kommunikation im Unternehmen, andererseits aber auch das klare Benennen von Überforderungen. Für Arbeitnehmer kann der Betriebsrat Ansprechpartner sein, rät Thorsten Dossow.

Man kann nichts heilen ohne Bewusstsein.

Annegret Scholte, medizinische Heilpraktikerin aus Karlsdorf-Neuthard

Betroffene sollten die eigenen Arbeitsprozesse hinterfragen und anpassen, so Bikowski. Eine wichtige Frage sei immer: Ist das derzeitige Stresslevel nur temporär und gibt es Aussicht auf Besserung? Falls nicht, sollte man handeln. Unerlässlich dabei ist jedoch das Problembewusstsein der Stress-Betroffenen, betont Annegret Scholte. „Man kann nichts heilen ohne Bewusstsein.“

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Stress-Test – ein Selbstversuch
Stress ist nicht gleich Stress: Wer sich psychisch gestresst fühlt, muss noch lange keine physischen Stresssymptome zeigen. Ausgelöst werden die vom sogenannten Sympathikus, einem Teil des vegetativen Nervensystems. Das vegetative Nervensystem steuert viele lebenswichtige Körperfunktionen, etwa die Atmung oder den Stoffwechsel.
Gerät ein Mensch in Stress, aktiviert der Sympathikus zusätzliche Energien, indem zum Beispiel die Puls- oder Atemfrequenz erhöht wird. Die Produktion von Kraftreserven, für die der Parasympathikus zuständig ist, wird gleichzeitig reduziert. Im Ruhezustand gleicht sich der Herzschlag an die Atmung an. Beim Einatmen schlägt das Herz schneller, beim Ausatmen langsamer. Sind wir gestresst, schüttet der Körper Stresshormone aus. Die stören die Funktionen unseres vegetativen Nervensystems, der Sympathikus übernimmt die Regie. Die Verlangsamung des Herzschlags beim Ausatmen funktioniert nicht mehr.
Mit dem Test „Stress Pilot“ wage ich bei der AOK Karlsruhe den Selbstversuch. Dazu misst ein Sensor an meinem Ohr die Funktionsfähigkeit meines vegetativen Nervensystems, also den Zusammenhang von Atmung und Herzschlag. Eine Minute lang atme ich entsprechend der Vorgaben des Test-Programms ein und aus. Am Ende zeigt mir das Programm mit einem Kurvenverlauf die Funktion meines vegetativen Nervensystems. Je flacher die Kurve ist, desto intensiver ist mein Körper Stress ausgesetzt. Meine Kurve zeigt deutliche Höhen und Tiefen – mein vegetatives Nervensystem arbeitet also vorbildlich. Eine besondere Ausschüttung von Stresshormonen findet in meinem Körper also nicht statt. cm