Appell an die Eigenverantwortung: Landrat Christoph Schnaudigel kann die langfristigen Auswirkungen auf den Landkreis noch nicht abschätzen.
Appell an die Eigenverantwortung: Landrat Christoph Schnaudigel kann die langfristigen Auswirkungen auf den Landkreis noch nicht abschätzen. | Foto: Keller (Archiv)

Coronavirus im Kreis Karlsruhe

Landrat Schnaudigel: Auch im Freien sind Verabredungen momentan „in hohem Maße unvernünftig“

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Die Corona-Krise hat auch den Landkreis Karlsruhe fest im Griff. Landrat Christoph Schnaudigel zieht ein erstes Fazit der Situation und spricht mit unserem Redaktionsmitglied Janina Keller über das Verhalten der Bürger sowie den Konsequenzen für den Landkreis.

Welche Reaktionen bekommen Sie derzeit von den Bürgern?

Christoph Schnaudigel: Besonders ältere Bürger halten uns dazu an, nicht nur digital zu kommunizieren, um sie zu erreichen. Denn viele von ihnen sind nicht online aktiv. Es hilft aber zum Beispiel schon, wenn jüngere Menschen Informationen weitertragen. Wir informieren natürlich auch weiterhin über andere Wege, wie etwa die Wochen- und Amtsblätter.

Auf welche Hilfen können die Menschen im Fall einer häuslichen Isolation vertrauen?

Die Hilfe über Bekannte, Verwandte und Nachbarn funktioniert gut. Kommunen haben zum Teil mit Blick auf Alleinstehende oder Risikogruppen Lieferdienste eingerichtet. In besonderen Fällen unterstützen die Ortspolizeibehörde und andere Institutionen. Nach allem, was wir hören, läuft das in den Städten und Gemeinden freiwillig ab, ohne dass wir von Seiten des Kreises koordinieren müssten.

Mehr zum Thema: Häusliche Quarantäne wegen Coronavirus: Wer kann sie anordnen, was bedeutet das, welche Sanktionen drohen bei Verstößen?

Bayern ruft den Katastrophenfall aus. Sollte Baden-Württemberg das ebenfalls tun?

Ein Katastrophenfall bedeutet lediglich ein einheitliches Zusammenwirken aller Behörden und Organisationen. In diesem Modus arbeiten wir im Prinzip bereits seit über einer Woche. An unseren Abläufen würde das also nichts Wesentliches ändern.

Bei allem Verständnis, die Sonne genießen zu wollen, ist das in hohem Maße unvernünftig.

Christoph Schnaudigel, Landrat des Landkreises Karlsruhe

Die Bevölkerung ist angehalten, soziale Kontakte zu vermeiden. Das frühlingshafte Wetter lockt aber viele weiterhin ins Freie. Was denken Sie darüber?

Die Verfügungen der meisten Kommunen verbieten Veranstaltungen jeder Art, unabhängig von der Anzahl der Teilnehmer. Auch Zusammenkünfte im Freien sind nur eingeschränkt erlaubt. Dennoch beobachte ich viele Menschen dabei, sich in Straßencafés oder Eisdielen zu treffen.

Bei allem Verständnis, die Sonne genießen zu wollen, ist das in hohem Maße unvernünftig. Denn das Coronavirus ist auch im Freien übertragbar. So schwer es fällt, man sollte soziale Kontakte auch dort vermeiden.

Die Alternative ist eine absolute Ausgangssperre wie in Italien.

Christoph Schnaudigel, Landrat des Landkreises Karlsruhe

Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn Bürger keine Einsicht zeigen?

Die Alternative ist eine absolute Ausgangssperre wie in Italien. Das wäre noch deutlich gravierender als die Schließung von Restaurants und Geschäften. Dass es dazu kommt, würde ich derzeit nicht ausschließen. Um das zu verhindern, muss jeder Bürger eigenverantwortlich handeln und seinen Beitrag zur Eindämmung des Virus leisten.

Gerade aus der Erfahrung von Italien wissen wir, dass je früher soziale Kontakte auf ein Mindestmaß reduziert werden, umso weniger stark der Anstieg der Infektionen und damit die Belastung unseres Gesundheitssystems ist.

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In der Bruchsaler Fürst-Stirum-Klinik werden seit Montag Corona-Tests gemacht. Was müssen die Menschen dabei beachten?

Nur Patienten, die vom Hausarzt angemeldet und mit einem Termin versehen wurden, werden getestet. Das klappt nach den ersten Erfahrungen wohl auch ganz gut. Das Wichtigste ist aber: Wer sich testen lässt, muss anschließend in häusliche Isolation, bis das Ergebnis vorliegt. Aus anderen Landkreisen erfahren wir, dass manche einfach so weitermachen wie davor. Sich testen zu lassen und dann zum Einkaufen zu gehen, ist absolut verantwortungslos.

Welche Auswirkungen das hat, können wir aber noch nicht abschätzen.

Christoph Schnaudigel, Landrat des Landkreises Karlsruhe

Noch ist nicht absehbar, wann sich die Lage entspannt. Welche langfristigen Auswirkungen hat das auf den Landkreis?

Schnaudigel: Alles, was zur Eindämmung des Virus beiträgt, hat Priorität. Andere Themen bleiben daher liegen. Welche Auswirkungen das hat, können wir aber noch nicht abschätzen. Das kommt darauf an, wie gut die digitalen Strukturen funktionieren und wie lange die Situation andauert.

Sowohl Sie als auch andere Mitarbeiter tragen Verantwortung in dieser Krise. Wie schützen Sie sich, um weiter arbeitsfähig zu bleiben?

Schnaudigel: Wir beachten Hygiene-Vorschriften penibel. Unsere Kommunikation untereinander haben wir weitgehend auf eine digitale umgestellt. Die Sitzungen der Gremien sind vorerst abgesagt. Weiter schränken wir den Besucherverkehr im Landratsamt ein. Termine gibt es nur noch nach telefonischer Absprache.

Unsere Entscheidung, die Besucher vor der Tür warten zu lassen, haben wir revidiert. Sicherlich muss nicht jeder Behördengang jetzt erledigt werden. Die Gesundheit ist wichtiger.

Trotz der ernsten Lage und der Ungewissheit: Können Sie der Corona-Krise auch etwas Positives abgewinnen?

Schnaudigel: Im Landkreis ist die Zusammenarbeit mit der Stadt Karlsruhe und den Kommunen hervorragend. Wir erleben außerdem eine Welle der Solidarität. Es rufen nicht nur Menschen an, die Hilfe wollen, sondern auch solche, die fragen, was sie für die Gemeinschaft tun können.

Zudem gewinnt die Digitalisierung an Bedeutung, damit die Kommunikation, aber auch Bildungseinrichtungen und Wirtschaft nicht stillstehen.