Digitales Leben: Die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche miteinander kommunizieren, beeinflusst auch ihren Umgang mit Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Digitales Leben: Die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche miteinander kommunizieren, beeinflusst auch ihren Umgang mit Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen. | Foto: dpa

Landkreis Karlsruhe

„Nummer gegen Kummer“ spiegelt Sorgen der Kinder und Jugendlichen wider

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Mobbing, Liebeskummer oder Streit mit der Familie. Sucht, Essstörungen und Fragen nach der eigenen Identität: Die „Nummer gegen Kummer“ hat für alle Sorgen von Kindern und Jugendlichen ein offenes Ohr. „Wir erleben die komplette Bandbreite an Emotionen, besonders mit Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen“, sagt Birgit Grosshans, Leiterin des Fachbereichs im Ortsverband Stadt und Landkreis Karlsruhe des Deutschen Kinderschutzbundes.

Dessen Jahresbericht zufolge verdoppelte sich die Anzahl der Beratungen 2019 auf etwa 840. Die „Nummer gegen Kummer“ kann in Karlsruhe auf 17 Telefonberater zurückgreifen. Rund zwei Stunden verbringen diese pro Schicht am Telefon. Dieses klingle währenddessen immer, so Grosshans. „Die Anonymität der Anrufer steht dabei über allem.“

Berater helfen mit Sprache und Stimme

Sie und ihre Kollegen haben oft nur eine Chance, den Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite der Telefonleitung zu helfen. Denn wohin die Anrufer durchgestellt werden, ist eher Zufall. Ein zweites Telefonat also unwahrscheinlich, erklärt sie.

Die einzigen Instrumente, um zu helfen: Sprache und Stimme. „Wenn wir aber das Gefühl haben, da ist mehr nötig, geben wir Beratungsangebote weiter“, ergänzt Corinna (Name von der Redaktion geändert), die seit etwa sieben Jahren als ehrenamtliche Beraterin tätig ist.

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Wenn es dem Anrufer am Ende des Telefonats besser gehe, sei das Lohn genug. „Manche wollen sich aber auch einfach mitteilen, zum Beispiel wenn der Hund gestorben ist oder es darum geht, wie lange sie am PC spielen dürfen.“ Jedes Anliegen werde gleichermaßen ernst genommen.

Etwa 24,7 Prozent aller Anrufe, die beim Karlsruher Kinderschutzbund eingehen, behandeln der internen Statistik zufolge psychologische Themen. 21,3 Prozent befassen sich mit Sexualität, 17,8 Prozent mit Partnerschaft und Liebe und knapp dahinter liegen Sorgen aufgrund von Schule und Ausbildung sowie Problemen in der Familie.

„Nummer gegen Kummer“ behandelt eine Palette an Themen

Aber nicht jedes Telefonat ist harmlos. „Wir haben natürlich auch mit jungen Mädchen zu tun, bei denen der Verdacht des sexuellen Missbrauchs besteht“, sagt Melanie (Name der Redaktion geändert), die seit vier Jahren Teil der Telefonberatung ist. Essstörungen seien gerade bei Mädchen und Frauen ebenfalls ein Thema.

„Aber es tauchen auch gewöhnlichere Probleme auf“, so Melanie weiter. Oft beschäftige hoher Leistungsdruck die Kinder und Jugendlichen – Erwartungshaltungen ihrer Eltern sowie von und an sich selbst, die sie nicht erfüllen können. Sätze wie „Ich bin nicht gut genug“ liegen den jungen Menschen häufig auf der Seele.

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Mobbing ist noch immer zentral

Mobbing sei ungebrochen ein Thema, das seit Jahren über die „Nummer gegen Kummer“ angesprochen würde, sagt Melanie. Oft finde das vor allem durch kontinuierliche psychologische Ausgrenzung statt, erklärt sie. Gründe dafür seien nicht selten körperliche Beeinträchtigungen oder etwa ganz einfach, weil das Kind sehr intelligent sei. Mobbing habe heutzutage eine andere Dimension, ergänzt Grosshans. Über die sozialen Netzwerke verteile sich alles.

Die Kommunikation untereinander ist anders geworden.

Birgit Grosshans, Leiterin des Fachbereichs im Ortsverband Stadt und Landkreis Karlsruhe des Deutschen Kinderschutzbundes

Veränderungen beobachtet Grosshans auch bei Gesprächen über Liebeskummer. „Die Kommunikation untereinander ist anders geworden“, sagt sie. „Da alles immer geschrieben wird, können Kinder und Jugendliche oft keine Reaktion des Gesprächspartners mehr erkennen.“ Grosshans bemerkt bei den Gesprächen und den Erzählungen, dass die Jugendlichen Emotionen nicht mehr richtig beobachten.

Beratungen gibt es auch per Mail

Die „Nummer gegen Kummer“ hat sich den digitalen Zeiten angepasst und ist auch per E-Mail für die Kinder und Jugendlichen nutzbar. „Auf diesem Weg müssen sie ihr Problem bereits schriftlich formulieren. Das macht einen Unterschied“, sagt Melanie, die auf beiden Wegen berät. Die Antworten per Mail folgen zeitversetzt und nicht unmittelbar wie am Telefon.

Wir gründen keine Brieffreundschaften.

Beraterin bei der „Nummer gegen Kummer“

„Das Gespräch mit den Schreibenden kann sich über Wochen ziehen, sollte sich aber nicht auf mehr als sechs bis sieben Mails ausweiten“, sagt sie. „Wir gründen keine Brieffreundschaften, sondern geben Hilfe zur Selbsthilfe.“ Melanie bemerkt in den Nachrichten schnell, dass zahlreiche der Absender bereits in therapeutischer Behandlung sind oder waren. Anders als am Telefon bleibt der Ansprechpartner beim Schriftverkehr gleich.

Manche Anrufer missbrauchen die Telefonnummer

Doch es gibt eben auch solche Anrufer, die die „Nummer gegen Kummer“ missbrauchen. Spaßanrufe sei man gewohnt, so Grosshans. Nicht selten werden die Berater, besonders Frauen, am Telefon von Erwachsenen sexuell belästigt. „Es ist letztlich eine Frage der Professionalität, auch mit solchen Situationen umzugehen“, betont Melanie. „Wir sind keine willenlosen Opfer der Anrufer. Wir entscheiden selbst, mit wem wir reden.“

Unser Job ist es, zuzuhören und Impulse zu geben.

Beraterin bei der „Nummer gegen Kummer“

Melanie fasst die Aufgabe der Berater zusammen: „Es geht darum, eine professionelle Distanz zu wahren, und an den richtigen Stellen empathisch zu sein.“ Selbstreflexion stehe dabei an erster Stelle. „Gedanken darüber, warum man das machen will, wie konfliktfähig man ist oder welche Werte man vertritt, sind wichtig.“ Dabei helfe auch die regelmäßige Supervision im Team. Die eigenen Lösungen dürfe man aber weder dort noch am Kummer-Telefon jemandem aufdrücken, sagt Melanie. „Wir sind nicht dazu da, ein Patentrezept auszustellen. Unser Job ist es, zuzuhören und Impulse zu geben.“

Bei der „Nummer gegen Kummer“ sollen Kinder, Jugendliche aber auch ihre Eltern Rat, Hilfe und Trost bekommen. Deutschlandweit, anonym und kostenlos beraten Mitarbeitende am Telefon oder inzwischen auch per E-Mail in unterschiedlichen Lebenssituationen. Die „Nummer gegen Kummer“ geht auf die Sorgentelefone des Deutschen Kinderschutzbundes vor über 40 Jahren zurück. „Man könnte heutzutage alle Fragen googeln, wenn das die Lösung der Probleme wäre“, sagt Birgit Grosshans, Leiterin des Fachbereichs im Kinderschutz-Ortsverband Stadt und Landkreis Karlsruhe, mit Blick auf die Resonanz der „Nummer gegen Kummer“. Die zum größten Teil ehrenamtlichen Helfer werden für ihre Aufgaben am Telefon und am Rechner ausgebildet. „Aber wir sind keine Psychologen“, so Grosshans. „Wir haben alle einen anderen Hintergrund und helfen daher aus sehr vielfältigen Ansichtspunkten.“