Traumhafte Ziele in weiter Entfernung: Reisen verkauft Robert Ochs in seinem Büro in Linkenheim-Hochstetten derzeit keine. Provisionen müssen er und seine Branche-Kollegen aufgrund der Corona-Krise alle zurückzahlen.
Traumhafte Ziele in weiter Entfernung: Reisen verkauft Robert Ochs in seinem Büro in Linkenheim-Hochstetten derzeit keine. Provisionen müssen er und seine Branche-Kollegen aufgrund der Corona-Krise alle zurückzahlen. | Foto: Keller

Absagen gefährden Existenz

Reisebüro-Inhaber Robert Ochs demonstriert in Corona-Krise auch für Kollegen aus der Region

Anzeige

Er war gerade dabei, das Reisebüro seines Vaters in Linkenheim-Hochstetten erfolgreich in die Zukunft zu führen, als die Corona-Krise seine gewohnte Arbeit stilllegte. Das gesamte Jahr war für Robert Ochs bislang wertlos. Bei Protesten erhebt er jetzt seine Stimme für sich selbst, seine Kollegen aus der Reisebranche und Jungunternehmer.

Vor vielen Menschen zu sprechen, ist eigentlich nicht sein Ding. Plötzlich steht Robert Ochs aber auf einer Bühne und hat das Mikrofon vor dem Mund. Er soll seine Gedanken mit den umstehenden Demonstrierenden auf dem Karlsruher Marktplatz teilen – als Erster.

„Ich dachte, meine Stimme ist nicht so wichtig“, erzählt Ochs. Bei der Erinnerung daran schaut er ungläubig auf, die Augen werden größer, das Lachen verdeckt für einen kurzen Moment den Ernst des Themas.

Mehr zum Thema: Reisebüros protestieren in Karlsruhen für schnelle finanzielle Hilfen

Denn Ochs führt ein Reisebüro – in einer Zeit, in der Reisen stark eingeschränkt oder voller Warnungen sind, diese nicht anzutreten. Mit 33 Jahren hat er das kleine Unternehmen in Linkenheim-Hochstetten von seinem Vater übernommen, drei Jahre später sind Überstunden und wirtschaftlicher Erfolg von Existenzängsten überschattet. Neubuchungen: Fehlanzeige.

Alles, was er in den ersten drei Monaten des Jahres an Provision, von der er als Reiseberater lebt, verdient hat, muss er an die Veranstalter zurückzahlen. „Das geht in die Zehntausende“, sagt Ochs. Ein tröstender Gedanke: Wie ihm gehe es allen seinen Kollegen.

Jungunternehmer setzt alles auf das Reisebüro des Vaters

Sein Reisebüro dürfte Ochs inzwischen wieder geöffnet haben. „Aber was soll ich verkaufen?“, stellt Ochs resigniert fest. Das Reisebüro besteht seit fast 40 Jahren. So eine Situation habe aber auch sein Vater noch nie erlebt. „Damit hat niemand gerechnet“, sagt der Jungunternehmer. Seine Entscheidung, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, bereut er dennoch nicht. „Es gibt keinen Plan B. Das war All-In.“

Mehr zum Thema: Urlaub rückt näher – Maas will Reisewarnung aufheben

Umsatz geht wegen Corona-Krise um 80 Prozent zurück

2019 verzeichnet er das erfolgreichste Geschäftsjahr in den vergangenen zehn Jahren. Anfang 2020 geht es direkt so weiter, erzählt er und setzt sich aufrecht auf den Stuhl auf seiner Dachterrasse. Dann folgt die bekannte Ruhe nach dem Sturm. Der Umsatz geht um 80 Prozent zurück. Die ersten Anzeichen der Folgen der Corona-Krise schleichen sich ein.

Urlaube für Oster- und Pfingstferien werden abgesagt. Kunden verschieben bereits ihre für die Sommerferien geplanten Reisen. Seine Dachterrasse wird zum Home-Office, das Büro im Erdgeschoss schließt für Kunden, den Plan, eine Aushilfe einzustellen, verschiebt er. „Ich konnte nicht so viele Rücklagen bilden wie jemand, der das alles schon viel länger macht“, sagt Ochs.

Mein Geschäft ist momentan wertlos.

Robert Ochs, Inhaber eines Reisebüros

Rund 9.000 Euro Soforthilfe stehen dem ausbleibenden Geschäft, Rückzahlungen und weiterlaufenden Kosten gegenüber. Ein Kredit ist keine Lösung. „Mein Geschäft ist momentan wertlos“, so Ochs. Seinen Vater treffe das natürlich auch, er sei ratlos. „Alles, was am Ende noch bleibt, ist Grundsicherung“, resümiert er.

Reisebüros müssen Provisionen zurückzahlen

„Die Kunden bekommen das Geld vom Veranstalter erstattet. Damit muss auch ich meine Provision an diese zurückzahlen“, erklärt Ochs die Dynamik der Branche. Die Kunden allerdings zu einer Reise zu überreden, um die Verträge aufrechtzuerhalten, ist für ihn keine Option. „Die Kunden vertrauen mir“, so Ochs. Dabei würde es an Lust auf Urlaub sicher nicht mangeln, nach dem Verzicht der vergangenen Wochen.

Ohne staatliche Hilfe schaffen wir es nicht.

Robert Ochs, Inhaber eines Reisebüros

Ochs fehlt es zwar nicht an dem ein oder anderen optimistischen Zucken um die Mundwinkel, eine zweite Corona-Welle wäre allerdings fatal. „Ohne staatliche Hilfe schaffen wir es nicht“, kritisiert der 36-Jährige. Gemeinsam mit bekannten Reisebüro-Besitzern aus Karlsruhe und dem Umland demonstriert Ochs daher gegen das Vergessenwerden in Bezug auf die Corona-Hilfen. Aus Einzelkämpfern wurde eine Gemeinschaft.

Jungunternehmer protestiert gegen das Vergessenwerden

Frust und ein Hauch Resignation schwingen in seiner Erinnerung mit. Die Kernaussage der Demonstrationen drehe sich aber nicht nur um die Interessen der Kollegen aus der Reisebranche.

Seine Erfahrungen und Existenzängste teile er mit Tausenden kleinen und mittelständischen Unternehmern aus anderen Bereichen: „Wir sitzen alle im selben Boot, wenn auch nicht im gleichen Unternehmen“, betont Ochs in ruhigem Ton. „Mir persönlich war das noch zu brav“, fügt er dann ernst hinzu. In seinem Fall stehe auch das Lebenswerk seines Vaters auf dem Spiel. „Er ist vor fast 40 Jahren im gleichen Alter wie ich volles Risiko eingegangen.“