Ritueller Abfall: Menschenknochen und Artefakte wurden in Kleinstteile zerschlagen und in zwei bis vier Meter langen Gruben deponiert, wo sie zugeschüttet wurden. Es wurden keine vollständigen Skelette deponiert. | Foto: GDKE Speyer

Archäologische Funde

Ritueller Massenmord vor 7.000 Jahren in Herxheim

Anzeige

Von Janina Beuscher

Die archäologischen Funde, die vor rund 20 Jahren beim pfälzischen Herxheim zum Vorschein kamen, sorgten europaweit für Schlagzeilen. Von Massenmord, Kannibalismus und einem einmaligen kulturellen Ritus, der sich vor rund 7.000 Jahren ereignete, war schnell die Rede. Denn Hunderte von menschlichen Körpern wurden zerlegt, ihre Schädeldecken abgetrennt und die Knochen zerschlagen. Dazu fanden sich reich verzierte Gefäße, Tierknochen und Steingeräte – ebenfalls zerbrochen und zerstückelt.

Diskussionen in der internationalen Forschungsszene

Ein einmaliger Befund, der in der internationalen Forschungsszene für Diskussionsstoff sorgt. „Die Ideen und Interpretationen haben sich gewandelt“, sagt der Herxheimer Museumsleiter Alexander Gramsch anlässlich der aktuellen Buch-Veröffentlichung. Wohl gemerkt handelt es sich um eine wissenschaftliche Publikation, die ausschließlich in englischer Sprache erscheint.

Interesse an jungsteinzeitlichen Funden ungebrochen

Dennoch ist auch in der Region das Interesse an den jungsteinzeitlichen Funden ungebrochen. In den vergangenen Jahren konnten die Forscher um die promovierte Archäologin Andrea Zeeb-Lanz immer wieder Überraschendes herausfinden. DNA-Analysen wurden vorgenommen, gefundene Tonfragmente untersucht, internationale Experten haben ihre Untersuchungsergebnisse bereits veröffentlicht. Neues gibt es zum Beispiel im Bereich des Erdwerks, das um die Siedlung angelegt wurde.

Wir sprechen explizit nicht von
Gräbern, sondern von einer Ritualanlage

„Es handelt sich dabei um einen doppelten Graben, wir sprechen von einer Ritualanlage und explizit nicht von Gräbern“, sagt Zeeb-Lanz. War man anfangs davon ausgegangen, dass der Aushub der etwa zwei bis vier Meter langen Gruben eine langwierige Prozedur war, konnte durch Experimente bewiesen werden, dass sie recht schnell von jeweils zwei bis drei Personen angelegt worden sein könnten, so Fabian Haack, der die Anlage akribisch untersucht hat.

Interessant und zugleich schaurig

Interessant und zugleich schaurig ist der „Inhalt“ der Grabenanlage: Menschenknochen sowie die Artefakte wurden in Kleinstteile zerschlagen und die Reste in den Gruben deponiert, wo sie zugeschüttet wurden – „ritueller Abfall“, sagt Zeeb-Lanz. „In einer Fundstätte haben wir beispielsweise 13 Schädeldächer, aber nur ein Becken gefunden.“ Es wurden also keine vollständigen Skelette deponiert, ein Muster ist nicht zu erkennen, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind keine Verwandten oder Leute „des eigenen Stammes“ unter den Menschenopfern.

Ritueller Massenmord

Die ersten Ideen zu der Anlage, die in Richtung von bestatteten Kriegsopfern oder einer besonderen Art eines Friedhofs zielten, sind damit widerlegt. Die Bezeichnung eines „rituellen Massenmords“ trifft es da schon eher. Denn die Größenordnung, in der bei Herxheim zerschlagene menschliche Skelette mit zu Schalen zugerichteten Schädeln gefunden wurden, gibt es in der gesamten Frühgeschichte Europas nicht noch einmal.

Und dabei ist noch nicht einmal die ganze Siedlung freigelegt worden, etwa ein Drittel liegt noch in der Erde des Geländes, das mittlerweile zum Gewerbegebiet geworden ist – eine Aufgabe für spätere Historiker-Generationen.

Kannibalismus ist als These noch nicht widerlegt

Eine der vielen unklaren Fragen ist die nach dem Kannibalismus: Einiges spreche dafür, anderes gegen die These, dass das Fleisch der Getöteten auch verspeist wurde.

Ebenso unklar sind die Identitäten der Opfer und der Grund des steinzeitlichen Mordens. Klar ist, dass das Ritual in Herxheim ein „krasser Bruch zum üblichen Totenkult ist“, betont Gramsch. Wie ein roter Faden ziehe sich die „Zerstörung von wertvollen Dingen“ durch das Ritual, so Zeeb-Lanz.

Das Buch

Das Buch mit dem Titel „Ritualised Destruction in the Early Neolithic“, herausgegeben von Andrea Zeeb-Lanz, ist das erste von geplanten drei Büchern, in denen die Ergebnisse der Forschungsarbeit in Herxheim publiziert werden. Es erscheint ausschließlich in englischer Sprache.
Im Herxheimer Museum sind einige der Funde in der Dauerausstellung zu sehen.