15 Zentimeter in der Stunde: Der Kern des heutigen Landratsamtes Karlsruhe wächst 1962 langsam in die Höhe.
15 Zentimeter in der Stunde: Der Kern des heutigen Landratsamtes Karlsruhe wächst 1962 langsam in die Höhe. | Foto: Schlesiger (Archiv)

Umstrittenes Gebäude

Streit ums Hochhaus: Der Traum vom neugebauten Landratsamt geht in Karlsruhe lange zurück

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Um das Landratsamt Karlsruhe streiten sich seit über einem Jahr der Landkreis und das Denkmalschutzamt. Eine aufwendige Sanierung bis auf das Grundgerüst? Oder abreißen und neu bauen? Dann könnte ein Neubau Teil des neuen Areals rund um das Ettlinger Tor werden. Das noch stehende markante Hochhaus der Kreisverwaltung hat eine bewegte Geschichte.

Das Gebäude in der Karlsruher Innenstadt, aus dem der Landkreis verwaltet wird, ist ursprünglich nicht dafür gebaut worden. Seine Entstehung liegt über 60 Jahre zurück. Inzwischen steht der Komplex unter Denkmalschutz. Selbst die Einbauschränke in den Büros fallen darunter.

Als das Hochhaus 1965 eingeweiht wird, gilt es in der Öffentlichkeit als städtebauliche Dominante in Karlsruhe. Doch der Weg von der Idee bis zur Fertigstellung ist langwierig. Erste Untersuchungen des Grundstücks an der Kriegsstraße im Karlsruher Stadtgebiet gehen auf den damaligen Energieversorger Badenwerk 1953/1954 zurück.

Zuvor verhindert der Zweite Weltkrieg die Realisierung erster Entwürfe. Unter den Architekten Möckel und Schmidt sowie Theodor Kelter nehmen die Pläne 1959 wieder Gestalt an. Es entsteht die Grundlage für das heutige Gebäude: Schlank, leicht und transparent soll es wirken, heißt es in den Berichten.

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Landkreis Karlsruhe kann sich keinen Neubau leisten

Über 30 Jahre residierte der Bauherr und Energieversorger Badenwerk im heutigen Landratsamt Karlsruhe.
Über 30 Jahre residierte der Bauherr und Energieversorger Badenwerk im heutigen Landratsamt Karlsruhe. | Foto: Seith Archiv)

Etwa zeitgleich äußert der Landkreis, der damals in der wiederaufgebauten Ruine des ehemaligen Innenministeriums am Karlsruher Schlossplatz sitzt, seinen Wunsch nach einem neuen Verwaltungsgebäude nach eigenen Vorstellungen. Stehen soll es ganz in der Nähe des heutigen Baus.

Der Landkreis ärgert sich über Mietkosten, der Platz für die Mitarbeiter reicht zudem nicht länger aus. Doch die Pläne bleiben ohne Ergebnis: Die Summe für das Neubauprojekt ist unter anderem zu hoch. 1958 erwirbt der Landkreis schließlich den gesamten Komplex des ehemaligen Ministeriums und baut diesen weiter auf – für rund 4,5 Millionen Mark.

Das Hochhaus steht 1965

Anfang der 60er Jahre setzen die Architekten ihre Planungen für das Badenwerk-Projekt fort. Im Mai 1661 wird der Bau des heutigen Landratsamtes genehmigt. Aus geschätzten Kosten von zehn bis fünfzehn werden schnell 23 Millionen Mark. Im Oktober 1962 ist der Rohbau für den Langbau beendet.

Indessen wächst der Hochhauskern rund 15 Zentimeter pro Stunde in die Höhe. Das entspricht einem Stockwerk in 20 Stunden. 20 davon wird es am Ende geben. Der Einzug in das Hochhaus erfolgt im Jahr 1965.

72 Meter hoch, 41 Meter lang und 15 Meter breit ist dieses. 4.700 Tonnen Zement, 250 Kilometer Elektroleitungen und rund 5.500 Deckenleuchten machen das Werk komplett. Man habe für die Zukunft gebaut, betont der Bauherr Badenwerk damals. Es könne jedoch keine Rede von Luxus sein, lautet der Tenor zum Projekt Anfang der 60er. Die Verantwortlichen seien auf dem Teppich geblieben. Im Neubau manifestiere sich aber das starke wirtschaftliche Wachstum von Badenwerk.

Platznot begleitet die Kreisverwaltung

Von Weitem sichtbar: Das Hochhaus ragt heraus. Die Entscheidung, ob das denkmalgeschützte Gebäude abgerissen werden darf, steht noch aus.
Von Weitem sichtbar: Das Hochhaus ragt heraus. Die Entscheidung, ob das denkmalgeschützte Gebäude abgerissen werden darf, steht noch aus. | Foto: Donecker

Rund 30 Jahre bleibt der Energieversorger. 1995 beschließt der Kreistag, das Badenwerk-Gebäude für rund 45 Millionen Mark zu übernehmen. Im Gegenzug dazu verkauft er sein altes Landratsamt für etwa 18 Millionen Mark. Rund 13 Millionen fallen zusätzlich für Umbau und Umzug an. Erneute Platznot zwingt die Verwaltung, auf die Suche nach neuen Räumen zu gehen. Sieben Außenstelle zum Standort am Schlossplatz gibt es zu diesem Zeitpunkt. Einen Neubau könne man sich finanziell nicht leisten, heißt es aus dem Kreistag.

Dieses Geld haben wir nicht. Den Platz für einen Neubau auch nicht.

Ehemaliger Karlsruher Landrat Bernhard Dittney

Die Kosten dafür schätzt man auf 100 bis 120 Millionen Mark. „Dieses Geld haben wir nicht. Den Platz für einen Neubau auch nicht“, sagt der damalige Landrat Bernhard Dittney. Kritische Stimmen aus dem Gremium äußern jedoch Zweifel an der Bausubstanz des Gebäudes.

Experten bescheinigen wiederum eine gute Verfassung des Hochhauses und der Flachbauten, Sanierungsbedarf gebe es demnach lediglich bei der Haustechnik. „Wir wollen Ihnen kein altes Gebäude andienen“, betont ein Badenwerk-Vertreter in den 90er Jahren. Die Fraktion der Grünen lehnt den Kauf des Komplexes ab: Das Gebäude sei „technisch veraltet und funktional nicht mehr zeitgemäß“.

72 Stimmen sind am Ende für den Kauf, nur neun dagegen. Die Kreisverwaltung entscheidet, dass das Badenwerk-Hochhaus „alle Anforderungen, die an ein modernes Verwaltungsgebäude gestellt werden“ erfülle. Den Deal mit Badenwerk festigt Landrat Dittney, einziehen darf später sein Nachfolger Claus Kretz.

„Es war der richtige Schritt“, betont dieser. 2001 kündigt die Kreisverwaltung eine Modernisierung in Höhe von über fünf Millionen Euro an – für die Haustechnik wie Aufzüge und Heizung sowie Betonsanierungen. In den Original-Aufzügen aus dem Jahr 1964 habe demnach Kretz selbst schon festgesteckt.

Landratsamt Karlsruhe wird zum Denkmal

Der einstige Bauherr, das Energieunternehmen Badenwerk, setzt mit dem Bau „ein repräsentatives, weithin sichtbares städtebauliches Zeichen“, heißt es in dem Denkmalporträt des Regierungspräsidiums Karlsruhe zum Landratsamt-Gebäude. Es sei bis heute ein eindrucksvolles Beispiel des „Internationalen Stils“. Die Architekten hätten ihrerseits „recht kühn“ auf die aktuellen Strömungen reagiert und nach sachlicher Modernität gestrebt.

In dem Schreiben wird dem Gebäude nicht nur eine Werbewirkung zugesprochen. Vielmehr sei es mit Blick auf die Nachkriegszeit ein „Plädoyer für politische Normalisierung“ und ein „hoffnungsvolles Zukunftszeichen“.

Die Fassade ist statisch an ihrem Ende angelangt.

Marie-Louise Löper, Architektin im Landratsamt Karlsruhe

Sowohl in den 60er als auch in den 90er Jahren stimmt der Tenor der jeweiligen Landräte überein: „Endlich unter einem Dach.“ Halten kann der Landkreis dieses Vorhaben nie lange. Inzwischen gibt es erneut mehrere Außenstellen.

„Wenn wir das Gebäude sanieren, würden wir durch neue Auflagen bis zu 25 Prozent unserer Fläche verlieren. Das entspräche fünf Stockwerken“, sagt Marie-Louise Löper, Architektin im Landratsamt. „Die Fassade ist statisch an ihrem Ende angelangt“, ergänzt sie. Hinter den Platten verbergen sich Schadstoffe wie Asbest und PCB. Probleme mit der Kühlung und Lüftung stünden auf der Tagesordnung.

Wasser und Technik machen der Verwaltung zu schaffen

„Bei 17 Grad Außentemperatur müssen wir bereits aktiv kühlen, sonst erhitzt sich das Gebäude zu sehr “, so Löper. Durch die undichten Fenster dringt Wasser ein, auch in der Tiefgarage tropft es von Decken und Wänden. Von den Schadstoffen ginge derzeit keine Gefahr aus, so Löper – solange man diese nicht durch Bauarbeiten freilege. Badenwerk könne man als Bauherr aber keinen Vorwurf machen, sagt sie: „So hat man eben gebaut.“

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