Regenbogenfahne weht im Wind.
Die Regenbogenfahne ist das Symbol der LSBTI-Community und wäre heute sicher auch beim Christopher Street Day in Karlsruhe zu sehen gewesen. Dieser findet allerdings aufgrund der Pandemie dieses Jahr nur virtuell als Livestream statt. | Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Christopher Street Day

Transmann Martin K. aus dem Kreis Karlsruhe fühlte sich als Frau hässlich und unpassend

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Die Menschen der LSBTI (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans, Inter)-Community zeigen sich gerne bunt, doch oft liegt ein langer Weg zu ihrer Identität hinter ihnen. Der Transmann Martin K. (33) lebt im Landkreis Karlsruhe. Er erzählt im Interview über seinen Weg von Frau zu Mann und spricht über Vorurteile und Akzeptanz.

Mit einer bunten Parade würden die Teilnehmer des Christopher Street Day am Samstag durch die Karlsruher Innenstadt ziehen und dafür einstehen, dass jeder Mensch – gleich welcher sexuellen oder geschlechtlichen Identität – gleiche Rechte genießt und sein Leben selbstbestimmt gestalten kann.

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Martin, Sie sind ein Transmann. Was bedeutet das?

K: Ich möchte so wahrgenommen werden, wie ich mich fühle, nämlich als Mann. Es geht dabei nicht um ein ästhetisches Ideal und hat auch nichts mit Sexualität zu tun. Es geht um das Körperbild. Mein Körper als Frau war nicht so, wie ich es fühlte. Es geht ums Wohlfühlen im eigenen Körper.

Sie nehmen seit einem Jahr Hormone. Wie geht es Ihnen damit?

K: Das ist kein magischer Prozess, sondern eine medizinische Prozedur. Man muss physisch nochmal durch die Pubertät – inklusive Pickel. Die Stimme wird jetzt tiefer, was mich sehr freut. Einmal im Monat muss ich mich rasieren. Zum Geburtstag werde ich mir wohl einen Rasierapparat wünschen. Es sind die kleinen Sachen, die unheimlich viel helfen. Die abfälligen Bemerkungen sind verschwunden, weil ich nicht mehr als falsch gekleidet, mit kurzen Haaren geradezu verstümmelt wahrgenommen werde. Das macht viel fürs Selbstbewusstsein, wenn man nicht mehr als hässlich und unpassend wahrgenommen wird und stattdessen sogar Komplimente bekommt.

Ich habe mich als Kind schon anders gefühlt. Ich wollte Skateboard fahren und cool sein.

Martin K., Transmann

Haben Sie sich als Frau tatsächlich so gefühlt?

K: Ich habe mich als Kind schon anders gefühlt. Ich wollte Skateboard fahren und cool sein. Im Teenageralter habe ich stärker versucht mich anzupassen. Ich dachte, ich muss es nur schaffen äußerlich schön zu sein, dann würde der Verstand auch folgen. Man will ja nicht gedemütigt werden. Ich habe aber nie ins Konzept Prinzessin gepasst.

 

Martin K. ist Transmann.
Martin K. ist Transmann. | Foto: privat

Wie ging es dann weiter?

K: Mit 18 habe ich angefangen zu googeln, ob es auch Transmänner, nicht nur Transfrauen, gibt, oder ob ich einfach nur bekloppt bin. Mit 20 habe ich mich dann mit meiner Schwester ausgetauscht. Ihr Verständnis war nicht groß. Die Gesetzeslage war 2008 für eine Geschlechtsanpassung aber noch abschreckend und verstieß sogar gegen das Grundgesetz. Da wurde die Verzweiflung der Menschen ausgenutzt, um sie wieder in Kategorien zu pressen. Das ist heute zum Glück etwas anders, wobei auch heute gerade durch Politik und Behörden vieles künstlich erschwert und verlangsamt wird.

Ich war von meinem Ex in die Frauenrolle reingedrängt worden, das hatte mich psychisch fertig gemacht.

Wann war dann Ihr Coming-out?

K: Ich hatte lange eine Beziehung zu einem Mann. Die ist Anfang 2018 dann endgültig auseinander gebrochen. Ich habe angefangen, in Karlsruhe im Zweitstudium Informatik zu studieren. Das war der Startschuss für mich, wieder ich selbst zu sein. Ich war von meinem Ex in die Frauenrolle reingedrängt worden, das hatte mich psychisch fertig gemacht. Bei einer Folge der Serie Sherlock habe ich dann einen Schauspieler gesehen und gedacht: So schick will ich auch aussehen.

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Angst davor, dass Menschen Situationen falsch interpretieren

Der erste Schritt von Frau zu Mann. Hatten Sie Angst?

K: Ich hatte Angst vor Vorurteilen. Opfer zu werden, heißt ja nicht nur, auf der Straße zusammengeschlagen zu werden. Es kostet einen Überwindung, weil man Angst davor hat, dass Menschen Situationen falsch interpretieren. Manche fragten sich am Anfang sicher: Was will die Frau denn auf der Herrentoilette? Und ich bin ja wie die meisten Mädchen dazu erzogen worden aufzupassen, nicht den falschen Eindruck zu erwecken. Niemanden versehentlich zu provozieren. Manchmal ist das Schwierige sich zu überwinden und das Risiko einzugehen. Wir haben Angst, dass etwas schlimmes passiert und geben Leuten deshalb keine Chance zu zeigen, dass sie kein Problem mit Transgender-Menschen haben.

Welche Rolle spielt ihre Sexualität?

Martin: Ich bin schwul. Geschlecht und sexuelle Ausrichtung haben nichts miteinander zu tun. Da wird bei den Begriffen trans-, homo- und intersexuell oft alles zusammengewürfelt.

Das ist vergleichbar mit der Frage, ob man als Kind Bettnässer war.

Wie stehen Sie zu Ihrem alten weiblichen Namen? Verraten Sie den, wenn man fragt?

K: Das fragt man nicht, das ist sehr persönlich. Das ist vergleichbar mit der Frage, ob man als Kind Bettnässer war. Die Menschen haben oft Schwierigkeiten, wenn sie den weiblichen Namen erfahren, an dem männlichen festhalten zu können, weil die Geschlechtsanpassung eben noch nicht beendet ist.

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Sie sehen Sie dann nicht mehr nur als Mann?

K: Genau.

Sie leben außerhalb von Karlsruhe auf dem Land. Ist es ein Unterschied zur Stadt?

K: Es ist ganz nett hier. Die Menschen haben alle kein Problem damit. Die meisten sagen, dass jeder so leben soll, wie er mag. In der Stadt gibt es halt mehr Möglichkeiten zum Austausch mit anderen queeren Menschen.

Haben Sie Erfahrung mit Diskriminierung gemacht?

K: Ich hatte mal ein Date, von dem ich gar nicht wusste, dass es eines ist. Ich dachte, wir gehen nur Kaffee trinken. Ich versuchte dem Mann klarzumachen, dass ich nicht sein Typ bin, weil er nicht auf Männer steht. Er antwortete mir dann, dass ich nur mal einen Mann bräuchte, bei dem ich mich richtig als Frau fühlen könnte. Dieses Erlebnis hat mir wirklich zu schaffen gemacht.