Kunden bevorzugen den Wein von den Reben nebenan: Umsatzverluste sind Teil der Corona-Realität vieler Winzer. Doch gleichzeitig werden Produkte etwa direkt aus dem Kraichgau im Privaten wieder besonders gerne eingeschenkt.
Kunden bevorzugen den Wein von den Reben nebenan: Umsatzverluste sind Teil der Corona-Realität vieler Winzer. Doch gleichzeitig werden Produkte etwa direkt aus dem Kraichgau im Privaten wieder besonders gerne eingeschenkt. | Foto: Heintzen

Winzer von Baden im Interview

Warum in der Corona-Krise mehr Menschen zum heimischen Wein greifen

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Studien über gestiegenen Alkoholkonsum in der Corona-Krise gibt es zur Genüge. Dass besonders beim Wein aber nicht nur Quantität, sondern auch Qualität eine Rolle spielen, beobachtet Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer der Winzer von Baden. 500 Winzerfamilien in sieben Genossenschaften aus dem Kraichgau und der Badischen Bergstraße vereinen sich dort. Nicht nur das Kaufverhalten bewährter Kunden hätte sich verändert.

Viele Menschen würden jetzt erst wieder zum regionalen Erzeugnis greifen. Mit welchen negativen Folgen die Winzer aber zusätzlich zu kämpfen haben,
darüber hat er mit Redaktionsmitglied Janina Keller gesprochen.

Die Flasche Wein aus Frankreich oder vom Winzer-Nachbar: Wie haben sich die Kunden für ihre Zeit zuhause entschieden?

Riesterer: Im ersten Quartal haben wir deutlich mehr Privatkunden erlebt. Diese überproportionale Entwicklung haben wir besonders im März gespürt. Die Kunden sind wieder persönlich in der Vinothek vorbeigekommen und haben die lokalen Winzerprodukte gekauft. Viele haben direkt ihre Jahresmenge an Wein mitgenommen.

Wenn ein Kunde im Jahr etwa zehn, zwölf Weißburgunder kauft, hat er diese eben auf einen Schlag bei uns besorgt.

Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer der Winzer von Baden

Es gab in der Region also Hamsterkäufe von Wein?

Riesterer: Wir sprechen eher von einem Vorzieheffekt. Wenn ein Kunde im Jahr etwa zehn, zwölf Weißburgunder kauft, hat er diese eben auf einen Schlag bei uns besorgt. Das macht über 25 Prozent mehr Einkäufe alleine im März aus.

Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer Winzer von Baden, spricht über die positiven und negativen Folgen der Corona-Krise.
Wolfgang Riesterer,
Geschäftsführer Winzer von Baden, spricht über die positiven und negativen Folgen der Corona-Krise.
| Foto: pr

Mit den Beschränkungen zur Corona-Krise wurden sicher viele Kunden auch wieder vorsichtiger und wollten dennoch nicht auf den Lieblingswein verzichten. Hat sich das auch im Online-Shop bemerkbar gemacht?

Riesterer: An manchen Tagen hatten wir ein Gefühl wie an Weihnachten. Der
Paketdienst kam letztlich nicht mehr einmal, sondern zweimal am Tag. Wir verzeichnen viel mehr Bestellungen über den Online-Shop. Dort haben sich die Umsätze in den vergangenen zwei Monaten fast verdoppelt.

Sind Sie da überhaupt mit der Logistik hinterher gekommen?

Riesterer: Wir waren vorbereitet. Zudem haben wir einen Lieferanten entdeckt, der dieselbe Anzahl an Bestellungen mit der Hälfte an Verpackungsmaterial bewerkstelligt. Das war für uns natürlich auch eine tolle Veränderung mit Blick auf den Umweltschutz.

Wir haben Verluste in diesem Bereich von rund 70 Prozent.

Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer der Winzer von Baden

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Das klingt fast danach, als hätte die Corona-Krise nur Vorteile für Winzer und deren Geschäft?

Riesterer: Wenn wir nur auf die Privatkunden schauen, gab es sicher positive Effekte – etwa dadurch, dass viele Menschen wieder zum Produkt vom Winzer aus der Region gegriffen haben. Aber der April steht im Vergleich zum Vorjahr insgesamt schlechter da. Normalerweise steigt der Absatz im Zuge der Feste zum 1. Mai. Diese fanden aber alle nicht statt, und so haben zum Beispiel auch Vereine keine Großbestellungen gemacht. Das spüren wir deutlich. Wir haben Verluste in diesem Bereich von rund 70 Prozent. Wir vermieten auch Biergarnituren, Kühlwagen oder Geschirr.
Eigentlich müssen wir diese Dinge selbst noch leihen, um den Anfragen gerecht zu werden, dieses Jahr blieb der gesamte Bestand bei uns.

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Hat sich denn auch die Auswahl der Kunden verändert?

Riesterer: Sekt wird weniger gekauft. Das ist eher ein Partyprodukt und Feiern gibt es derzeit keine. Außerdem greifen die Kunden nicht unbedingt zur billigsten Flasche, sondern gönnen sich einen etwas teureren Wein, wenn auch nicht das Luxus-Produkt.

Können Sie sich erklären, wieso das so ist?

Riesterer: Dadurch, dass die Gastronomie geschlossen war, haben viele Leute vermehrt zuhause gekocht. Als Ersatz zum Restaurantbesuch sollte es am Ende des Tages vermutlich auch mal ein guter Wein zum leckeren Essen sein.

Gerade bei Weingütern, die im höherwertigen Bereich liegen, wird das Eis so langsam dünner.

Wolfgang Riesterer, Geschäftsführer der Winzer von Baden

Wenn wir schon beim Thema sind. Die Gastronomie kehrt nur ganz langsam zurück. Wochenlang gab es sie gar nicht.

Riesterer: Das hat die Winzer hart getroffen. Große Mengen an qualitativ hochwertigem Wein werden in der Regel von der Gastronomie bestellt. Mit deren Schließung ist auch bei uns eine große und wichtige Einnahmequelle stillgelegt worden. Ich bin mir sicher, dass das System mit der Wiedereröffnung in alte Fahrwasser zurückfindet. Aber wir werden voraussichtlich 25 bis 40 Prozent unserer Gastronomen verlieren, weil sie in die Insolvenz gehen oder die Branche wechseln. Das trifft zuletzt auch die Winzer, denen dadurch Abnehmer ihrer Produkte fehlen. Gerade bei Weingütern, die im höherwertigen Bereich liegen, wird das Eis so langsam dünner.

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Der Rückkehr der Privatkunden stehen demnach einige negative Folgen der Corona-Krise gegenüber. Kann dieser positive Aspekt alleine die Verluste der Branche aufwiegen?

Riesterer: Am Ende des Jahres werden wir als positiven Effekt sicher verbuchen, dass die Winzer sowie Weingüter mit ihren heimischen Produkten wieder verstärkt wertgeschätzt wurden. Dieser Regio-Trend ist auch an Zahlen absehbar.