Amoklauf Winnenden
Datum und Uhrzeit des Amoklaufs von Winnenden stehen im Gedenkraum der Albertville-Realschule an einer Wand. | Foto: Marijan Murat

Zehn Jahre nach Amoklauf

Winnenden hat zu Umdenken geführt

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Viele Menschen wissen noch, wie und wo sie von dem terroristischen Angriff in New York am 11. September 2001 erfahren haben. Genau so klar können sich wohl die meisten Schulleiter heute noch an ihre Gefühle und Gedanken in den Morgenstunden des 11. März 2009 erinnern, als ein 17-Jähriger beim Amoklauf in Winnenden und Wendlingen eine Blutspur zog.

Zehn Jahre sind vergangen. Spricht man jetzt mit den Lehrkräften darüber, fallen oft Worte wie Schock, Betroffenheit, Trauer – aber auch Angst und Sorge. An einem der schwärzesten Tage für die Schulen in Deutschland standen sie ihren aufgewühlten Schülern zur Seite, um, so gut es ging, die Frage nach dem „Warum“ zu beantworten. Und eine andere im Kopf zu wälzen: „Was wäre, wenn?“ Seitdem hat sich an den Schulen in der Region viel verändert. Hundertprozentig sicher vor einer Amoktat wie in Winnenden ist aber keine von ihnen.

Ein tagtägliches Thema

Ein Besuch im Max-Planck-Gymnasium in Karlsruhe: Hell, offen und einladend wirkt das lang gezogene Gebäude im Stadtteil Rüppurr. Uwe Müller trägt Verantwortung für etwa 950 Schüler und 90 Lehrer, die hier ein und ausgehen. Gleich zu Beginn des Gesprächs gesteht der Direktor, dass er einer Zeitungsgeschichte über Winnenden und die Folgen mit gemischten Gefühlen entgegensieht. „Nicht weil ich es verdrängen will, sondern weil dann eine Situation thematisiert wird, die uns hier tagtäglich beschäftigt.“ Was Müller meint: Durch die Berichterstattung könnte es zu Nachahmungsversuchen kommen.

Schutz oder Freiheit?

Winnenden hat in Baden-Württemberg zu einem Umdenken geführt. In den Monaten nach der Bluttat formulierten Ministerien, Ausschüsse, Schulträger, Polizei, Feuerwehr, Arbeitskreise und Schulleitungen zahlreiche Vorschläge, wie eine derartige Tragödie einerseits verhindert und wie andererseits die Zahl der Opfer bei einem Amoklauf verringert werden könnte. Das Grunddilemma dabei: Die Schulen mussten viel sicherer werden, sie durften sich dabei jedoch nicht in Festungen mit Eingangskontrollen, Metallsuchgeräten und Videoüberwachung verwandeln. Oder wie es Direktor Uwe Müller formuliert: „Wir haben im Land weitgehend offene Schulen, das ist so gewollt. Wenn ich nicht wie Trump eine Mauer bauen will, stoße ich aber irgendwann an Grenzen.“

Nach 2009 wurden in Müllers Gymnasium die Drücker an den Klassenzimmertüren von der Flurseite durch Knäufe ausgewechselt – eine einfache wie wirkungsvolle Anti-Amok-Maßnahme, deren Kosten für alle Schulen in der Trägerschaft der Stadt Karlsruhe mit insgesamt 485. 000 Euro beziffert wurden. Laut einer Vorlage für den Schulbeirat aus dem Jahr 2010 würde es 4,3 weitere Millionen Euro kosten, alle Schulen mit modernen Hausrufanlagen auszustatten. Experten empfehlen solche Anlagen ausdrücklich für den „Informationsfluss in Krisensituationen“.

Umrüstung noch nicht abgeschlossen

Diese Umrüstung ist noch nicht abgeschlossen; sie gilt als aufwendig und wird oft zurückgestellt, bis an den Schulen größere Sanierungsmaßnahmen in Angriff genommen werden. Solange keine Amok-Warndurchsagen möglich sind, gilt in vielen Schulgebäuden das „Pflichtsignal für Gewaltvorfälle“ – drei jeweils 30 Sekunden lange Klingeltöne. Wenn diese ausgelöst sind, müssen die Lehrer ihre Schüler in Sicherheit bringen, darum sorgen, dass deren Handys ausgeschaltet werden und im verschlossenen Klassenraum möglichst alle in einer Ecke versammeln, die nicht von außen getroffen werden kann.
Manche Schulen haben besondere Schutzmaßnahmen ergriffen: So hat man im Karlsruher Max-Planck-Gymnasium den Zugang ins verzweigte Gebäude eingeschränkt und ein System installiert, das auf Knopfdruck die Eingangstür verriegeln kann. Alle seine Lehrer hätten einen Amoksender erhalten und könnten in einer Gefahrensituation schnell einen Alarmruf absetzen, berichtet Efthymios Vlahos, Leiter der Bergschule Singen (Remchingen im Enzkreis). Die Grund- und Werkrealschule mit 300 Kindern verfüge außerdem über einen Krisenplan, der ständig aktualisiert und mit der Polizei abgestimmt werde. „Wir haben die Zahl der Eingänge nicht reduziert, aber die Lehrer sind sensibilisiert, nach auffälligen Personen auf dem Schulhof zu schauen“, berichtet weiter der Konrektor.

Auch der bestmögliche Schutz bietet uns heute keine Garantie, dass sich ein Amoklauf nicht ereignet.

Steffen Faller, Rektor der Realschule Bühl

Nach der Tragödie in Winnenden verpflichtete die Landesregierung alle Schulen im Südwesten dazu, Krisenteams zu bilden. In der Realschule Bühl tritt ein solches Team regelmäßig zusammen, etwa um die Sicherheitsmaßnahmen und die Verteilung der Aufgaben in Notfällen zu überprüfen. Seine Lehrer wüssten, wie man sich im Klassenraum richtig verbarrikadieren und durch Hochhalten von roten und grünen Karten an das Fenster nach außen signalisieren könne, ob die Lage normal oder kritisch sei, erzählt der Rektor Steffen Faller. Er räumt allerdings offen ein: „Auch der bestmögliche Schutz bietet uns heute keine Garantie, dass sich ein Amoklauf nicht ereignet.“

Besserer Schutz wäre möglich

Tatsächlich könnte der Schutz der Schulen noch weiter verbessert werden. So sagten manche Schulleiter im Gespräch mit den BNN, dass der Brandschutz eine umfassende Amokprävention erschwere. „Bei uns wurden Feuerschutztüren installiert, die offen sein müssen“, erzählt ein Rektor. „Wer das Gebäude kennt, kann von einem Zugangspunkt aus durch die ganze Etage laufen, auch wenn die Klassentüren geschlossen sind.“ Auf Anfrage erklärte das Polizeipräsidium Karlsruhe, dass solche Probleme „bekannt“ seien.
Die Amokwarnungen scheinen in der Region selten zu sein: Die befragten Schulen berichteten von nur wenigen Fällen in den vergangenen Jahren – allesamt Fehlalarme. Die psychologische Schulberaterin Elke Dörflinger im RP Karlsruhe rät dennoch zur hohen Sensibilität für die Beziehungsstrukturen in den Schulklassen. Denn die potenziellen Amoktäter seien oft im Vorfeld schwer zu erkennen, weil sie sich zurückzögen und für andere unzugänglich seien. „Viele Schulen haben bereits bei der Prävention eine gute Expertise aufgebaut“, lobt die Expertin. „Trotzdem sollte man an der Verbesserung und Entwicklung eines positiven Schulklimas und der Wertschätzung von Jugendlichen weiter arbeiten“.

Vier Fragen an Herbert Rech
Herbert Rech war von 2004 bis 2011 Landesinnenminister. Die Bilder des Grauens in der Albertville-Realschule von Winnenden verfolgen den CDU-Politiker bis heute.

Wie haben Sie den Amoklauf in Winnenden erlebt?
Rech: Ich erhielt die Nachricht davon mitten in einer Besprechung zur Vorbereitung des Nato-Gipfels. Es hieß, ich solle sofort kommen. Als der Täter schon auf der Flucht war, konnten wir das Klassenzimmer betreten. Dort sah ich dann die toten Schüler mit schlimmen Schussverletzungen am Hinterkopf in ihren Bänken sitzen. An einer Wand war eine Blutspur von einer Hand zu sehen. Es war ein schrecklicher Anblick!

Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Polizei an jenem Tag?
Rech: Ich sehe nicht einen Ansatzpunkt, sie zu kritisieren. Bereits drei Minuten, nachdem der Notruf aus der Schule einging, trafen dort die ersten Polizeikräfte ein. Tim K. hat auf die Polizei geschossen, trotzdem sind zwei Streifenpolizisten sofort in das Gebäude eingedrungen. Sie riskierten viel. Mit ihrem mutigen und vorbildlichen Einsatz haben sie den Tatablauf unterbrochen und den Täter in die Flucht geschlagen. Wer weiß, was sonst passiert wäre?

Was haben Sie als Innenminister aus der Tragödie gelernt?
Rech: Zum Beispiel dass die Polizeihubschrauber über Wärmebildkameras verfügen sollten, damit die Piloten die Bewegungen des Täters besser verfolgen können. Und dass in jedem Polizeiwagen schusssichere Westen und Helme liegen müssen. Beides habe ich damals veranlasst.

Sind die Schulen heute sicher?
Rech: Es gab nach Winnenden viele Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit, die darauf hinausliefen, unsere Schulen zu Festungen zu machen. Das ist nicht die Lösung. Wenn man Türen mit Chips sichert, ist das in Ordnung. Auch die Lehrer sollten geschult werden. Wir brauchen so viel Sicherung wie möglich, die Schulen sollten jedoch Stätten der freien Entfaltung bleiben.