Ein Wasserwerk des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal.
Ein Wasserwerk des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal. | Foto: Weller

TWI-Werte deutlich abgesenkt

Bürgerinitiative: Trinkwasser überschreitet neue europäische PFC-Leitwerte

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Die Bürgerinitiative „Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim“ (BSTK) hat ausgerechnet, dass das Trinkwasser in der Region rund um Rastatt bedenklich hohe PFC-Werte aufweist – obwohl es den deutschen Leitwerten noch entspricht. Es überschreite aber neue Werte, die die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit im vergangenen Jahr festgelegt hatte.

Von unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt

Die Geduld der Bürgerinitiative scheint in Sachen PFC nun wieder einmal an ihre Grenzen gekommen zu sein. „Wir wenden uns an Sie als Vorsitzende des Wasserversorgungsverbands Vorderes Murgtal. Das Verhalten und die Informationspolitik des Zweckverbands in Bezug auf die PFC-Belastung im Trinkwasser geben Anlass zur Sorge“, schreiben Ulrich Schumann und Andreas Adam, die beiden Vorsitzenden der BSTK in einem offenen Brief.

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PFC-Belastungen im Wasser seit 2015 wieder gestiegen

Dieser ging an die Bürgermeister Julian Christ aus Gernsbach und Karsten Mußler aus Kuppenheim sowie an das Gesundheitsamt, die Stabsstelle PFC, das Landratsamt, die Wasserwerke Rastatt und an die örtliche Presse.

Der konkrete und nachmessbare Grund für diesen Schritt der BSTK sind erneut die PFC-Werte im Trinkwasser. „Die Belastung des Netzwassers ist seit 2015 wieder kontinuierlich gestiegen. Insbesondere der vom Wasserversorgungsverband noch im Jahr 2014 als belastungsfrei bezeichnete Brunnen fünf, dessen Wasser dem gefilterten Wasser zugemischt wird, weist zwischenzeitlich erhebliche PFC-Belastungen auf“, sagt Adam.

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Deutsche Leitwerte werden zwar eingehalten – Europäische Werte wurden aber abgesenkt

Zwar würden die PFC-Leitwerte im Trinkwasser nach wie vor eingehalten, aber das sei trotzdem alles andere als beruhigend. Denn mittlerweile hat sich die Einstufung für die beiden PFC-Verbindungen Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) drastisch geändert. Ende Dezember 2018 hatten die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die TWI-Werte (Tolerable Weekly Intake) deutlich abgesenkt.

„Die TWI-Werte geben die wöchentlichen Dosen in Lebensmitteln an, die bei einer lebenslangen Aufnahme keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen beim Menschen erwarten lassen“, erklärt Adam. „Für PFOA wurde der Wert von 10.050 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche auf sechs Nanogramm gesenkt. Und diese Werte werden durch die Verwendung des Trinkwassers des Wasserversorgers nicht mehr eingehalten“, sagt er.

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Auch Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung würden nicht eingehalten

Man sehe sich hier in der Situation, dass die PFOA-Werte des Netzwassers zwar innerhalb der erlaubten Mengen liegen, dass aber trotzdem die PFOA-Menge, die vom BfR empfohlen werde, deutlich überschritten werde.

Die Bürgerinitiative hat das in dem offenen Brief detailliert aufgelistet. „Säuglinge überschreiten alleine durch das Trinkwasser die empfohlenen TWI-Werte um 917 Prozent und Erwachsene immerhin auch noch um 67 Prozent“, so Adam.

„Nicht zumutbar“ für Einwohner

Die BSTK fordert den Wasserversorgungsverband deshalb auf, „unverzüglich Abhilfe zu schaffen und insbesondere endlich die bereits seit 2013 versprochene Ersatzversorgung in Betrieb zu nehmen, die nach den dortigen Planungen längst realisiert sein müsste. Angesichts dieser Werte und der Tatsache, dass bei der Bevölkerung durch die zwischenzeitlich durchgeführte Blutuntersuchung eine deutliche PFOA-Belastung im Blut nachgewiesen wurde, ist nicht mehr nachzuvollziehen, dass den Einwohnern Wasser zugemutet wird, das die von der EFSA empfohlenen TWI-Werte eklatant übersteigt“, lassen Andreas Adam und Ulrich Schumann in dem Brief keinen Zweifel an der Situation.

Info
– Der offene Brief ist auf der Homepage der BSTK online gestellt.
– Die BNN beleuchten das Thema PFC in einem großen Multimedia-Dossier.
Was PFC überhaupt sind – und warum sie so problematisch sind